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Wie viel Freiwilligkeit liegt wohl in diesem Kuss?
Wie viel Freiwilligkeit liegt wohl in diesem Kuss?(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Freitag, 03. November 2017

Empörung oder Hysterie?: Diskussionen um Sex-Skandale

Von Sabine Oelmann

Darf ein Mann einer Frau noch zuzwinkern? Darf man zurückflirten, wenn man angelächelt wird, oder muss man damit rechnen, in 20 Jahren angezeigt zu werden? Und wann kommt Weinstein eigentlich im Weißen Haus, beim "Godfather of Herrenwitz", an?

Wo hört ein geschmackloser Witz auf und wo fängt sexuelle Belästigung an? Und ist die #metoo-Kampagne tatsächlich sinnvoll? Oder verallgemeinert sie nicht zu sehr und verwässert das Problem der echten sexuellen Belästigung, wenn wir es bereits als sexuelle Belästigung empfinden, wenn ein Mann einer Frau die Hand auf die Schulter legt oder einem anderen Mann etwas eindeutigere Avancen macht? Wie sollen die Menschen denn - auch sexuell - in Zukunft zueinanderfinden, wenn jede Berührung einen Sturm der Empörung auslösen könnte? Und warum ist es in unseren Zeiten tatsächlich noch möglich, dass Menschen sich nicht in der Lage dazu sehen - teilweise jahrzehntelang - nicht über wirkliche sexuelle Bedrängungen oder gar Vergewaltigungen oder Nachteile im Berufsleben zu sprechen? Wo leben wir denn? Wo sind unsere Familien, unsere Freunde, unsere Bindungen? Worüber wurde auf all den Therapeuten-Couches in New York und Los Angeles und Berlin und London gesprochen, wenn nicht DARÜBER??

Belästigung von Mann zu Mann wird Kevin Spacey vorgeworfen.
Belästigung von Mann zu Mann wird Kevin Spacey vorgeworfen.(Foto: imago/PanoramiC)

Diese und viele andere Fragen wirft Hollywood derzeit täglich auf, denn fast stündlich kommt immer mehr ans Licht, was alles passiert ist. Erstaunlicherweise reden die Menschen jetzt im Fernsehen darüber - eine Situation, die den meisten Leuten ohne Show-Gen schon dann unangenehm ist, wenn sie nicht über Sex und Gewalt reden. Aber gleich mal vorneweg: Sexuelle Belästigung ist eine schlimme Sache, gegen die vorgegangen werden muss. Gegen die man sich wehren muss. Über die man reden, die man anzeigen sollte. Sexuelle Belästigung wird es allerdings auch weiterhin geben und es werden weiterhin Besetzungs-Couches existieren oder Nachteile im Job entstehen, wenn die eine oder der andere nicht gefügig genug ist. Die einzige Waffe dagegen ist jedoch, SOFORT dagegen zu kämpfen. Aber auch: nicht jeden Flirt überzubewerten.

Von Spacey bis Hoffman

Hier nun ein weiterer Erklärungsversuch, denn nicht nur Hollywood wird von Sexismus-Vorwürfen wie von einem Tsunami überflutet. Die Nachrichten um sexuelle Belästigungen haben es in die erste Reihe der "bad news" geschafft und erschüttern auch die Welt diesseits des Atlantiks. Seit die Missbrauchs-Vorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, melden sich täglich neue Opfer zu Wort, die berichten, sie seien von bekannten Männern sexuell belästigt worden. Der Drehbuchautor und Regisseur James Toback soll über 300 Frauen missbraucht oder gar vergewaltigt haben.

Dustin Hoffman auch? Kann sein, was nicht sein darf?
Dustin Hoffman auch? Kann sein, was nicht sein darf?(Foto: imago/United Archives)

Unter dem Verdacht von sexueller Belästigung stehen außerdem "House of Cards"-Star Kevin Spacey ebenso wie Oscar-Preisträger Dustin Hoffman, der vor 32 Jahren eine 17-Jährige bedrängt haben soll. Auch gegen "Rush Hour"-Regisseur Brett Ratner wurden unappetitliche Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erhoben. Gegen ihn sagen gleich sechs Frauen aus, darunter die Schauspielerinnen Olivia Munn und Natasha Henstridge. Und nach wie vor stehen erhebliche Anschuldigungen gegen Star-Regisseur Woody Allen und TV-Star Bill Cosby im Raum.

In England hat sich der Rücktritt des britischen Verteidigungsministers Michael Fallon nach Vorwürfen sexueller Belästigung zu einer mittleren Regierungskrise ausgewirkt. Fallon hatte im Jahr 2002 bei einem Abendessen am Rande eines Parteitags der konservativen Tories einer Journalistin seine Hand aufs Knie gelegt. Jetzt räumte er ein, sein Verhalten sei "vielleicht nicht angemessen" gewesen.

Vor ihm wurde dem Außenhandels-Staatssekretär Mark Garnier sexuelle Belästigung von Untergebenen unterstellt. Er selbst hatte zugegeben, seiner Sekretärin den Kauf von zwei Vibratoren aufgetragen zu haben: Einer sei für seine Ehefrau bestimmt gewesen, der andere für eine Mitarbeiterin in seinem Wahlkreisbüro, behauptete die Zeugin. Der Politiker habe sogar vor einem Sexshop gewartet, in dem sie die Geräte kaufte.

Nationale Pflicht zur Vergewaltigung?

Im ägyptischen Fernsehen ruft derweil der landesweit bekannte Jurist Nabih al-Wahsh zu Vergewaltigung auf. Dem Mann sind Jeans mit Rissen ein Dorn im Auge und er fordert allen Ernstes coram publico: "Wenn ein Mädchen so herumläuft, ist es eine patriotische Pflicht, sie zu belästigen und eine nationale Pflicht, sie zu vergewaltigen."

Was ist los in unserer Welt? Ist das sogenannte "starke Geschlecht" verrückt geworden? Bekommen wir gerade eine unbelehrbare Verkommenheit des männlichen Teils unserer Gesellschaft vor Augen geführt, oder werden mal wieder die Reflexe der Massenhysterie bedient und - wie es der Medienjargon gern bildhaft und in diesem Fall vielleicht sogar passend beschreibt - wird eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben?

Theresa May fordert Kultur.
Theresa May fordert Kultur.(Foto: AP)

Man sollte schon ernsthaft aufhorchen, wenn die englische Premierministerin Theresa May die Reihe von Missbrauchs-Vorwürfen gegen britische Politiker zum Anlass nimmt, um mit den Parteivorsitzenden und Parlamentsvertretern im Abgeordnetenhaus über eine Veränderung der "Kultur" zu beraten. Welche "Kultur" meint Theresa May? Die unserer Gesellschaft, die solche Übergriffe nicht mehr als Kavaliersdelikte hinnehmen will? Meint May vielleicht die sorgsam gepflegte "Kultur" des Herrenwitzes in der abgeschotteten Tradition Londoner Clubs für Gentlemen? Vielleicht finden wir das in den nächsten Wochen noch heraus.

Als einen solchen Herrenwitz sieht zumindest Staatssekretär Garnier seine Ausfälle gegenüber der ihm untergebenen Sekretärin. Den Auftrag zum Vibratorenkauf ordnet er als "Blödelei" ein, die er mit einer "amüsanten Unterhaltung" über eine Sitcom vergleicht. Eine "Belästigung" sieht der dreifache Familienvater in den Vorfällen nicht. Er hat sich nicht darüber geäußert, wie groß die Idiotie und wie verkümmert das Geschmacksempfinden und Verantwortungsbewusstsein eines führenden Politikers sein muss, der einen solchen dienstlichen Auftrag "amüsant" findet.

Das sagt das Gesetz

Der Gesetzgeber hat über die europäischen Grenzen hinaus klar definiert: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gilt als Mittel zur Machtausübung, bei dem ein Machtgefälle bzw. ein Abhängigkeitsverhältnis sexualisiert wird. Es ist ein unerwünschtes sexuelles Verhalten, bei dem eine Person Macht ausübt und die andere sich unwohl und in ihrer Würde verletzt fühlt.

Dem Gesetz nach ist sexuelle Belästigung mit körperlicher Berührung in Deutschland erst seit dem 10. November 2016 strafbar (§ 184i StGB). Vorher wurde die einschlägige Handlung nur in besonderen Fällen als Beleidigung (mit sexuellem Hintergrund) gem. § 185 Strafgesetzbuch verfolgt. Im Paragraphen 184i ist seit einem knappen Jahr festgelegt, dass mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe bestraft wird, wer eine andere Person in "sexuell bestimmter Weise" körperlich berührt und dadurch belästigt. Für eine sexuelle Belästigung ohne körperlichen Kontakt gilt der Straftatbestand der Beleidigung.

Da kann man allerdings sehr viel weiter gehen, denn was "normal", "blöd", "amüsant" oder "albern" ist in unserer Gesellschaft heutzutage, ist ein weites Feld. Ist eine TV-Sendung wie "Adam sucht Eva" normal? Oder amüsant? "Rasierte Muschis", "schwingende Schwänze" zur besten Sendezeit - unsere Sprache lässt zu wünschen übrig, unsere Sehgewohnheiten, unsere Toleranzschwelle ebenso. Keine Frage, wir sind wahrlich nicht mehr prüde. Zu Hause soll auch jeder machen was er will, aber müssen 10-Jährige sich Gedanken über Intimrasuren machen? Müssen Mütter aussehen wie ihre Töchter? Ist es normal, dass Sugardaddys mit Fast-Kindern liiert sind? Dürfen wir tumbe Männer dabei beobachten, wie sie sich eine Frau auf den Bauernhof "holen"? Sollten wir uns mal wieder Gedanken über "Kultur" machen, ganz abseits von Theresa May? Sind wir nicht total verroht? Dürfen wir uns echt noch wundern? Was geben wir an unsere Kinder weiter? 

Warum erst jetzt?

Doch warum kommt bei diesen weltweiten Diskussionen, bei denen auch Zeugen und den Medien das jahrelange Verschweigen von sexuellen Übergriffen vorgeworfen wird, ausgerechnet bei einigen Männern das Gefühl auf, es handle sich dabei um eine breitgetretene und mehr oder weniger hysterische Kampagne gegen männliche Verhaltensweisen? Als Indiz dafür gelten Fälle, die bisweilen Jahrzehnte zurückliegen und die von den betroffenen Frauen erst jetzt bekannt gemacht werden. Die Frage sei erlaubt: Warum habt ihr so lange geschwiegen?

Die Autorin Verena Lueken stellt in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die treffende Gegenfrage: "Die Schwächsten hätten die Mutigsten sein sollen?" - und gibt auch gleich die Antwort: "Vorwürfe an die Opfer in solchen Fällen sind immer die billigste Art, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Inzwischen aber, vielleicht seit die Namen der Opfer immer prominenter werden und mit den überwältigenden Solidaritätsbekundungen aus jenen liberalen Teilen Hollywoods und New Yorks, in denen sich Macht versammelt, nimmt die Sache eine andere Richtung an."

Offenbar seien jene Strukturen, in denen dieses frauenverachtende Verhalten gewachsen ist, stärker als das aufgeklärte liberale Selbstverständnis jener Kreise, in denen toxischer Sexismus eigentlich schon längst nicht mehr salonfähig ist.

Wishful thinking?

Zurück zu Theresa May: Meint die Politikerin in der "Veränderung der Kultur" eine grundlegende Veränderung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen? In der Unterhaltungsbranche, in der laut "FAZ" das weibliche Geschlecht über "ein durch und durch sexualisiertes Frauenbild" dargestellt wird, könnte es dazu führen, dass Positionen an den Schaltstellen der Macht mit Frauen besetzt würden und "damit das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, das offenbar viele im Unterhaltungsgeschäft noch für ein Naturgesetz halten", flacher sein würde.

Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Bis es so weit ist, wird noch einiges Wasser die Seine, den Rhein, den Hudson hinunterfließen. Und es wird noch viele weitere Enthüllungen geben, dessen darf man sich gewiss sein. Die einzige große Frage bleibt: Wann kommt Weinstein im Weißen Haus an? Soll heißen: Der Präsident der USA, quasi "the Godfather of Herrenwitz", soll ja auch nicht ganz ohne sein, was Anzüglichkeiten, Frauendiskriminierung und Tätscheleien angeht. Dann kann er sich jedoch ein paar Tipps bei einem Ex-Kollegen holen: Bill Clinton hat gerade beim Thema "Praktikantinnen" sicher noch den einen oder anderen Rat zur Hand.

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Quelle: n-tv.de

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