Unterhaltung

Cosplay und Manga auf der Leipziger Buchmesse "Für einen Tag richtig frei sein"

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Wenn sie in ihr Kostüm schlüpft, wird auch Nina die Cosplay-Figur Lenalee Lee.

(Foto: Luise Poschmann)

Ob plüschige Ganzkörperanzüge, wallende Kleider oder sexy Miniröcke: Alle Fans der japanischen Mangas und Anime-Serien eint beim Cosplay auf der Leipziger Buchmesse der Wunsch, für einen Tag jemand ganz anderes zu sein.

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Für Christian, der mit seiner Freundin nach Leipzig kam, ist Cosplay eine Lebenseinstellung.

(Foto: Luise Poschmann)

Ein kurzer Griff an die Perücke, ein Zupfen am roten Rock und den weißen Kniestrümpfen, dann sitzt die Pose: Stolz, wenn auch ein wenig unsicher lächelt die 19-jährige Nina den Fotografen an. Dann hallt das Klicken der Kamera durch das improvisierte Studio auf der Manga Comic Convention (MCC) der Leipziger Buchmesse.

Im Mittelpunkt der Aufnahmen steht das Kostüm der Stuttgarterin, denn eigentlich wird gar nicht Nina abgelichtet, sondern Lenalee Lee aus der japanischen Zeichentrickserie D.Gray-man. Nina ist Cosplayerin. Das heißt, sie schlüpft während der Messe in die Rolle ihrer Comic-Heldin. Der Trend kommt wie die Serie aus Japan und findet auch in Deutschland immer mehr Fans.

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Auch Yvonne und Sebastian gehören zu den Cosplayern auf der ersten Ausgabe der Manga und Comic Convention in Leipzig.

(Foto: dpa)

Cosplay ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus "costume" und "play", bedeutet also in etwa "Kostümspiel". Doch anders als beim Karneval wollen die Fans der japanischen Comickultur nicht nur ungewöhnlich aussehen, sondern für einen Tag ganz die Rolle ihrer Helden annehmen. Dabei sind die Outfits so vielfältig wie die Charaktere in den Serien und Büchern: Vom gelben Ganzkörper-Plüschkostüm des "Pokémon", über den kurzen blauen Faltenrock von "Sailor Moon" bis hin zu düsteren Gestalten mit tödlichen Waffen ist alles dabei.

Das personifizierte Preußen

"Cosplay ist fast so etwas wie eine Lebenseinstellung, eine Subkultur wie es früher mal Hip-Hop war", meint der 20-jährige Christian. Er ist als "Preußen" auf die MCC gekommen. Die Figur entspringt der webbasierten Anime-Serie "Hetalia", einer Parodie auf die Weltgeschichte. Seit fünf Jahren ist er Fan des Verkleidungsspiels, Grund dafür sind vor allem die Serien selbst. "Das ist mehr als Zeichentrick, wie wir es normalerweise kennen", sagt Christian. Die Figuren seien weitaus komplexer. Gut und Böse würden nicht schlicht getrennt, sondern differenziert gezeigt.

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Die Cosplayer bietet einen bunten Kontrapunkt zum "normalen" Messeprogramm.

(Foto: dpa)

Sein Kostüm erinnert stark an Friedrich den Großen, auch wenn auf der Vorderseite seines Hutes eine knallrote Blume prangt. "Es ist nur ein Teil, den Charakter einer Serie darzustellen, den man besonders mag", sagt der Biologie-Laborant aus Quedlinburg. "Es geht auch darum, mal für einen Tag richtig frei zu sein, offen gegenüber anderen Leuten und nicht in die 'Alltagsjacke' reinzupassen."

An Alltag erinnert tatsächlich wenig in der Leipziger Messehalle. In einer Ecke wird japanisches Bogenschießen geübt, es gibt einen Teegarten und eine Zeichenschule, in der Mangas gemalt werden. Zwischen den Ständen wuseln Besucher und Aussteller umher, auf einer großen Bühne läuft ein Show-Kampf. Wie auf kleinen Inseln sitzen die zumeist noch jugendlichen Besucher zwischen den Ständen auf dem Boden oder auf bereitgestellten Bänken. Viele sind verkleidet, am Ende des Tages wird die eine oder andere Perücke abgenommen und der Kopf gelüftet.

Eine Fee zwischen Bücherregalen

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Schminke, gefärbte Kontaktlinsen, bunte Haare und falsche Zähne: Der Verwandlung sind keine Grenzen gesetzt.

(Foto: dpa)

Zum ersten Mal hat sich die Leipziger Buchmesse in diesem Jahr dafür entschieden, den Manga-Fans eine eigene Halle zu geben. "Die Manga Comic Convention ist aber nicht ausgegliedert worden", betont Pressesprecherin Ruth Justen. Im Gegenteil habe die Messe damit schlicht auf eine steigende Nachfrage und damit den Bedarf nach mehr Platz reagiert.

"Das Cosplay hat in den letzten Jahren von allein Einzug auf die Messe gehalten", erklärt die Sprecherin. Die Comic-Fans seien einfach immer häufiger in den Outfits ihrer Idole durch die "normalen" Messehallen gezogen, jetzt hätten sie einen eigenen Bereich von 15.500 Quadratmetern Fläche. Was als großer Fortschritt angepriesen wird, kommt allerdings nicht bei allen Comic-Fans als solcher an. "Ein bisschen hat man schon das Gefühl, die wollen uns dort nicht mehr", meint auch Christian.

Es ist ein interessanter Kontrapunkt, den die jungen Fans der japanischen Comic-Kultur mit ihren Kostümen in den übrigen Hallen der etablierten Buchmesse setzen. 15-jährige Mädchen im Feenkostüm schweben an Ständen vorbei, an denen Bücher mit lateinischen Zitaten vorgestellt werden und zwischen den neuesten pädagogischen Werken im Bildungsbereich läuft ein Junge im blauen-weißen Kleid und mit lila Perücke herum. Das Spiel mit den Geschlechtern ist beim Cosplay nicht ungewöhnlich, ebenso wie eine gewisse Tendenz zur Freizügigkeit.

"Der Wunsch, mal für einen Tag in eine Rolle zu schlüpfen, hat aber nichts mit Realitätsverlust zu tun", meint Nina alias Lenalee Lee, deren Foto mittlerweile in der Kamera ist. Es gebe viele Vorurteile: Die Fans lebten in ihrer eigenen Welt und wollten mit dem Verkleiden vor ihren Problemen flüchten. Letztlich sei das Cosplay aber nur ein Hobby, bei dem die Kreativität ausgelebt werde, findet die Studentin. "Ein Ausgleich", sagt sie. "Wie für andere Fußballspielen oder so."

Quelle: ntv.de

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