Unterhaltung

"Sonntags hab' ich immer Jauch, schade!" Lanz-Bashing ist schick

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Ja, er hat uns schon viele schöne Momente der Fernsehunterhaltung beschert ...

(Foto: dpa)

Ja, er war nicht professionell und auch nicht nett, was Sahra Wagenknecht anging. Nein, es war kein einmaliger Ausrutscher. Über Markus Lanz wird noch zu reden sein - aber auf ZDF-Leitungsebene vielleicht, nicht in Internet-Petitionen.

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Frau Wagenknecht ist sicher Schlimmeres gewöhnt ...

(Foto: imago/Future Image)

Das ist doch lächerlich! Man kann darüber streiten, ob man Gebühren zahlen sollte für Öffentlich-Rechtliches, aber über einen einzelnen Moderator so zu streiten? Haben wir nichts Besseres zu tun? Keine anderen Probleme? Wir haben Schnee vor der Tür, hui, es ist ja Winter, ganz vergessen, die Leute fliegen reihenweise auf die Nase, tatütata. Wir haben Nachbarn, bei denen brennt es. In der Ukraine sehen wir einen Boxer, der für ein besseres Leben in seinem Land kämpft, und manchmal sieht man ihm direkt an, dass er gerne seine Fäuste einsetzen würde, das kann er nämlich. Man selbst würde auch gerne mal seine Fäuste einsetzen und anderen eine verpassen: Bitte den Mund halten! Schon mal was von dem roten Knopf auf der Fernbedienung oder direkt am Gerät gehört? "Ausschalten" heißt das Zauberwort.

Sachverhalt

Markus Lanz hatte vor Kurzem die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht zu Gast in seiner Talk-Sendung. Er nahm sie immer wieder in die Mangel und ließ sie nach Ansicht vieler Zuseher nicht recht zu Wort kommen. Das ZDF stellte sich in einer ersten Reaktion hinter seinen Protagonisten. "Viele Zuschauer haben den Stil der Diskussion mit Frau Wagenknecht kritisiert", hieß es dann in einer Sendermitteilung, "und diese Kritik nehmen wir ernst und haben das auch intern diskutiert. Die Redaktion und der Moderator hatten im Nachgespräch mit Frau Wagenknecht nicht den Eindruck, dass sie mit der Sendung unzufrieden war. (...)"

Dann jedoch wurde eine Petition eingereicht: "Der im explizitem Falle miserable Stil im Umgang mit Sahra Wagenknecht spiegelt in drastischem Maße wider, dass politische Neutralität für Lanz ein Fremdwort ist", heißt es da. Schön und gut, aber jetzt hat das ganze Formen angenommen, die über jedes Maß hinausschießen. Ging es zu Beginn der Debatte noch um den Fragestil und das Verhalten von Lanz gegenüber der Politikerin, so durchwühlt die Debatte mittlerweile den Untergrund des politischen Boulevards. Fraktionskollegen von Wagenknecht fordern 'Raus mit Lanz aus den öffentlich-rechtlichen Sendern', Parteimitglieder erklären öffentlich, die Petition bereits unterzeichnet zu haben.

'Digitale  Erregungsdemokratie' hat der Journalist und Blogger Christian Jakubetz diese Form kurzatmiger Empörung einmal genannt.

Markus Lanz steht so im Fokus, weil er dieses Samstagabend-Flaggschiff moderiert, und ungefähr 82 Millionen Hobbyschreiberlinge können auf allen Plattformen, die sich bieten, ihren Senf dazugeben. Lanz-Bashing ist schicker Party-Talk momentan: "Und, was haben Sie so für Hobbys?" "Ich hasse Markus Lanz." "Nein, das ist ja toll, dann können wir das ja mal zusammen machen!" "Gerne, wie wär’s am Sonntag?" "Schade, da kann ich nicht, da hab' ich immer Jauch."

Man muss Markus Lanz nicht toll finden, und ja, er muss in sich gehen, er muss über ein paar Dinge nachdenken, aber der ist doch nicht doof. Das wird er machen! Es ist wie beim Fußball: Wiederum Millionen von Nationaltrainern wissen besser als alle Torwarte zusammen, wie sie den Ball halten müssen, sagen Stürmern, wie sie ein Tor zu schießen haben und halten sich dabei doch bloß den eigenen Bauch mit der einen Hand und die Bierflasche in der anderen. Jaaaa – Achtung, Totschlagargument! – die verdienen total viel! Na und? Dann strengt euch doch mehr an in eurem nächsten Leben und werdet auch ZDF-Moderator oder Fußballer oder wenigsten Spielerfrau oder Michelle Hunziker oder Cindy aus Marzahn!

Mainzelmännchen raus!

Es ist nicht auszuhalten, dieses Bessergewisse! Aber bereits über 130.000 Menschen haben die Petition "Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr" geklickt. Korrekt müsste es heißen: "Raus mit der Rundfunkgebühr aus meinem Markus Lanz!" Wir bezahlen so viel Schrott mit, der gesendet wird, und niemand hat Lust, das alles mitzufinanzieren. Aber es ist nun mal so. Außerdem müssten wir dann auch fordern: "Rosamunde Pilcher raus!", "Marietta Slomka raus!", "Stefan Raab aus dem Fernseh-Duell raus", "Mainzelmännchen raus", überhaupt, macht doch den Lerchenberg ganz platt und baut eine Mehrzweckhalle!  

Hausfrauen raus!

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Gebührenfuzzis!

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn ich keine Lust habe auf "Lafer! Lichter! Lecker!" (weil ich grundsätzlich Koch-Shows bescheuert finde, aber jede), dann kann ich ja fast zeitgleich um 12.40 Uhr aufs "Schlagerfestival 1926, Show mit Hans Rosenthal und Theo Lingen" im ZDF.Kultur schalten. Oder bei ZDF.info was lernen: "Frauen an der Front: Das 'schwache Geschlecht' in starken Jobs" läuft da, oder ich klicke mich mal in den anderen Programmen durch, wie auch immer diese sich finanzieren mögen. Durch Werbung zum Beispiel, in der glückliche blonde Hausfrauen den Boden schrubben, während der Rest der Familie und der Hund gleich wieder über den blankgescheuerten Fußboden latschen und sie das mit einem Lächeln oder einem Swiffer wegwischt, auch irgendwie ärgerlich. Ich fordere daher: "Weg mit den blonden Hausfrauen, die wie ein Swiffer lächeln" und bitte Sie um Ihre Unterschrift! Alternativ schlage ich auch gleich vor, dass es einen Hausmann zu sehen gibt, der die Pfennigabsatzspuren seiner Business-Gattin mit der Zahnbürste vom Boden ledert.

Besserwisser raus!

Aber zurück zum Lanz: Er hat sich neulich in seiner Talkshow nicht besonders nett oder professionell Sahra Wagenknecht gegenüber verhalten, aber ganz ehrlich: Die kann das ab. Viel schlimmer ist, dass er vor circa einem Jahr mal der Katrin Sass eine Plattform zum Pöbeln gegeben hat (n-tv.de berichtete), und jetzt aufzuzählen, wie vielen FDPlern er vor Linken oder Rechten den Vorzug in seiner Sendung gegeben hat, ist so was von lächerlich. Und ob die Sendung jetzt mieser war als sonst, meine Güte, er hat seinem Gegenüber schon immer und viel und gerne dazwischengequasselt. Ja, er findet sich bestimmt ganz gut, aber ebenfalls ja: er ist immer gut vorbereitet. Die Sendung läuft so spät, man muss sie nicht sehen, und es stürzen sich eh nur alle drauf, weil er eben auch noch die Samstagabendunterhaltung neu erfinden sollte. Sonst würde man ihn da in seinem kleinen Talk-Studio in Ruhe lassen.

Dieser Hass, der der Person und seinem Arbeitgeber da entgegenschlägt, ist vollkommen surreal. Regt euch auf über Pestizide, Pferdefleisch und Park-Gebühren, demonstriert nicht gegen etwas, sondern FÜR. Lenkt diese ganze negative Energie ins Positive um, das macht auch nicht so hässlich, wie es dieser herablassende Gesichtsausdruck des Besserwissers nun mal ist.

"Wetten, dass...?" der Lanz das überleben wird? Zu sehen am Samstag übrigens, wenn er unter anderem Liam Neeson, Yvonne Catterfeld, Max Kruse, Peter Maffay und James Blunt auf seinem vieldiskutierten Sofa zu Gast hat. Und - Sie müssen ja nicht ausschalten, Sie könnten umschalten: Bei RTL läuft "DSDS" und danach das "Dschungelcamp".

Quelle: ntv.de

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