Unterhaltung

Raab greift nach der Macht Lena? Sichi! Aber nicht für immer!

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"I'm Not A Girl, Not Yet A Woman": Lena Meyer-Landrut.

(Foto: dpa)

Deutschland ist krank. Es leidet an einer vorübergehenden Fehlwahrnehmung der Wirklichkeit. Ausgelöst durch eine 19-Jährige aus Hannover, die im norwegischen Oslo den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Lena heißt das Mädchen. Die Krankheit heißt also, sagen wir, lenatöse Verwirrung.

Ein guter Weg, die Diagnose einer lenatösen Verwirrung zu überprüfen, ist der Vergleich zwischen dem, was ist – und dem, wie wir das bewerten. Fangen wir vorne an. Die ARD hat es lange Zeit nicht mehr geschafft, die Deutschen für den Grand Prix zu begeistern. Reihenweise stürzten die in kruden Auswahlverfahren ermittelten deutschen Vertreter auf die hinteren Plätze. Gracia Baur etwa, die vollbusige Matrone. Oder die von der Windmaschine ordentlich rangenommenen No Angels. Insgesamt war das Land sich einig: Der Eurovision Song Contest ist eine langweilige, peinliche, überholte Show aus den 80ern, die nur noch einige Hardcore-Fans auf dem Hamburger Kiez begeistert, wegen der guten alten Zeit. National anerkannte Künstler scheuten den Auftritt dort – er war sowas wie die Garantie fürs Karriereende.

Alles wird sich ändern, wenn wir groß sind ...

Und nun? Plötzlich ist die Show irgendwie frisch, natürlich unheimlich wichtig, die Musik ganz toll, Europa kann mit einer Zunge sprechen, keine Spur von Block-Bildung mehr. Wahngehalt: mindestens 50 Prozent. Denn die Wahrheit ist: Die Eurovision Song Contest war so frisch wie eine Kartoffel, die seit drei Jahren im Gemüsefach liegt. Die Songs wie immer von minderer Qualität zwischen schlechtem Euro-Dance und Knödel-Rock, zwischen Folklore-Techno und Junge mit Gitarre. Die Show immer noch nahe an reinem Konfetti-Schmeißen. Die Moderation so keck wie ein Fußbad, das ganze Ding so lang wie ein Zahnarztbesuch. Einziger Unterschied zu den zähen Jahren vorher: Lena hat gewonnen. Und das mit einem Song, der zwar gut ins Ohr geht, aber in der Pophistorie natürlich in etwa die Bedeutung haben wird, die Karl-Herbert Himmelgart für den Niedergang der DDR hatte. Sie kennen Karl-Herbert Himmelgart nicht? Genau.

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Also, ein Mal ist okay. Das reicht dann aber.

(Foto: picture alliance / dpa)

Womit wir bei Lena sind. Gut, also der nächste Realitäts-Check. Lena ist süß und nett und so, keine Frage. Sie ist eben so süß und nett wie eine 19-Jährige sein sollte und so süß und nett anzusehen wie jedes schlanke Mädel mit langen Haaren, das schwarze Strumpfhosen und Mini-Rock trägt. Sie ist so süß und nett wie es die meisten 19-Jährigen auch sind. Mädchen wie Lena kommen nicht in den Nachrichten vor. Sie rauben keine Omas aus, drehen keine Internet-Pornos und prügeln auf dunklen S-Bahnhöfen keine Leute tot. Und sie zeigen sich nicht in Hartz-IV-Shows bis nachmittags schlafend in einem fleckigen Bett, sie müssen auch nicht in der Wüste von einer Frau mit Cowboy-Hut umerzogen werden.

Wollen Sie Lenas sehen? Dann schalten Sie mal den Fernseher aus und schauen in der Nachbarschaft vorbei, da gibt es ein paar. Etwas unfassbar Einzigartiges, nein, das ist Lena nicht. Sie sagt "sichi", wenn sie "sicher" meint, "krass", "crazy" und "ihr seid ja verrückt". Dabei hibbelt und zuckt sie ein bisschen herum. "I'm Not A Girl, Not Yet A Woman", drückte Brittney Spears die Stufe der Erwachsenwerdung aus, auf der sich Lena wie tausende andere gerade befindet. Ist Lena also nun das brodelnde Epizentrum der "verrückten Hühner"? Nein! Wahngehalt: mindestens 70 Prozent.

Wenn es ein Herz gibt, schlägt es nicht so!

Bisher könnte man sagen: Deutschland, ab ins Bett, eine Paracetamol gegen das Fieber und ordentlich ausschlafen! Das wird dann schon. Wenn, ja, wenn Fleischergeselle Stefan Raab nicht im Überschwang der Hormone in Allmachtsphantasien abdriften würde. Nachdem er nun Ralph Siegel und Dieter Bohlen platt gemacht hat, will er doch tatsächlich, dass Lena im nächsten Jahr wieder antritt. Eine gesetzte Größe, nur ein anderes Lied. Und was das Tollste ist: Er erntet kaum Widerspruch für die Idee, die alle zunächst für einen schlechten Witz hielten. Wahngehalt: 100 Prozent!

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Findet sich super im Moment, kann man auch verstehen, sollte er aber auch nicht übertreiben: Stefan Raab.

(Foto: APN)

Das Herz des Eurovision Song Contests ist, dass genau sowas nicht passiert, ist die gemeinsame, gefühlt basisdemokratische Suche nach einem frischen Talent, einem Künstler, einer Art der Interpretation, auf die sich das Kollektiv des Landes einigen kann. Hat Raab selbst nicht genau das bewiesen? Stellen Sie sich vor, Deutschland hätte 1954 beschlossen, auf ewig die Weltmeisterschaftsmannschaft so zu lassen, wie sie ist, nur weil sie gewonnen hat. Helmut Rahn und Fritz Walter wären 1974 dann aber gehörig ins Schwitzen gekommen. Zudem muss man es sehen, wie es ist: Auch Lena wachsen irgendwann Achselhaare. Ein bisschen Hibbeln und Giggern und "sichi" und "krass" wird nicht reichen als Fundament für eine ernsthafte Beziehung. Lena wird, das haben Von-Null-auf-Hundert-Stars so an sich, bald im Mainstream-Pop-Betrieb ankommen, etwas langweilen, vielleicht aber auch ziemlich nerven. Und dann?

Es kann nur eine Antwort geben auf diesen Raab'schen Machtergreifungsversuch: Nein, das geht zu weit! Lena hat es selbst erkannt: "Kein Grund, jetzt durchzudrehen!", quietschte sie irgendwie irgendwo irgendwann. Das ist ein wahres Wort – gelassen ausgesprochen. Und ein guter Tipp zur Selbstheilung.

Lena für immer? Aber sichi!

Quelle: ntv.de

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