Unterhaltung
"Ich sehe jede Performance vor meinem inneren Auge."
"Ich sehe jede Performance vor meinem inneren Auge."(Foto: Ohne Titel, 2017, Performance 7 days left, Schmetterlingshaus/Deutschland@MFW)
Dienstag, 04. April 2017

Zwischen Liebe und Hass : Mia Florentine Weiss, Madonna of Art

Ganz sanft und zart wirkt sie - aber was sie sagt, das sitzt. Und für ihre Kunst gilt das erst recht. Sie ist die Frau der Gegensätze: Zartes Kleid, derbe Stiefel. Schöne Künstlerin, schreckliche Motive. Liebe - Hass. Schwarz oder Weiß. Grau eher nicht: Wenn sie Schokolade isst, dann kein Stückchen, sondern die ganze Tafel. Oder eben keine. Sie hat vor zehn Jahren als Model gearbeitet und als Schauspielerin, als Kellnerin und Übersetzerin - aber nur, um ihre Kunst zu finanzieren. Sie studierte einiges - nur nicht Kunst. Sie kennt die Schönen und die Reichen - das ist nie verkehrt. Die 37-Jährige ist eine Getriebene, deswegen reiste sie mit einer lebensgroßen Pegasus-Figur die Flüchtlingsrouten entlang, sie begab sich auf das Dach des Rosslyn "Million Dollar" Hotels in Los Angeles - jenen mystischen Ort, von dem sich schon viele Lebensmüde in den Tod stürzten - und sie erklomm den bekanntesten Schriftzug der Welt - das Hollywood-Sign - und zeigt uns damit die Kehrseite des Lebens hinter dem schönen Schein - dort, wo die Obdachlosen leben. Das alles hält sie in einer performativen Momentaufnahme fest. Sie selbst trägt dabei entweder Soldatenuniform, selbstgebaute LED-Flügel oder liegt nackt wie ein Embryo in einem XXL-Inkubator. Sie verbrachte fünf Tage in einem Gefängnis-Bett, nennt die Performance "Digital Autism" und kommuniziert mit der "Welt da draußen“ über moderne Kommunikationstechnik, die sie als "digitale Nabelschnüre" bezeichnet. Sie will die Welt verändern. Sie kann gar nicht anders. Mia Florentine Weiss hat ihren eigenen Kosmos, und in den nimmt sie uns mit. Wir treffen sie in Berlin-Charlottenburg: Nach Ausstellungen und Performances (unter anderem im Senckenberg Museum, im Palazzo Albrizzi in Venedig oder auf der "Context" Art Miami Basel) bietet die Schau in der Galerie Friedmann-Hahn einen umfassenden Einblick in das Schaffen von Mia Florentine Weiss. Mit n-tv.de spricht sie über Schutz und Geborgenheit, Emigration und Flucht, Schönheit und Kinder, und die ganze Zeit zieht sie einen in den Bann mit ihrem intensiven Blick.

n-tv.de: Nach dem Betrachten Ihrer Bilder und Kunstwerke stellt man sich sofort die Frage: Sind Sie mit Ihrer Offenheit nicht unglaublich angreifbar?

"Ich habe gar keine andere Wahl!"
"Ich habe gar keine andere Wahl!"(Foto: Spineam Coronam, 2016, Performance Noli me tangere@MFW)

Mia Florentine Weiss: (lacht) Ich sag' mal so: Madonna singt und schreibt ihre Songs auch selbst.

Sobald man an die Öffentlichkeit geht, ist man natürlich angreifbar, vor allem, wenn man eine eigene Meinung hat. Kommen Sie damit gut klar?

Ja. Darüber denke ich gar nicht mehr nach. Das ist bei mir so: Ich sehe jede Performance vor meinem inneren Auge, bevor sie passiert ist. Und dann muss ich sie nur noch machen, ich habe gar keine Wahl. Und dann tue ich alles dafür, um sie in irgendeiner Form zu realisieren.

Sie müssen das machen, heißt: Sie haben eine Idee, und die schlägt ein wie ein Blitz?

Nicht ganz. Bei mir sind Vorstellungen und Ideen dauerhaft da, sie begleiten mich ständig. Das Problem ist, ich muss ständig selektieren, auswählen, bestimmen, eingrenzen, um aus all dem, was mir durch den Kopf geht, etwas Konkretes zu schaffen.

Viel zu viele Ideen?

Jedenfalls so viele Ideen, dass ich gar nicht alle umsetzen kann. Zum Beispiel das Bild mit dem Muttertier, mit der Milchpumpe, das habe ich genau so gesehen. Es aber umzusetzen, ist noch mal eine ganz andere Sache gewesen. Für manche Dinge braucht man ja eine Genehmigung, nicht nur ein Gefühl. Plus: Ich musste mein neugeborenes Kind mitnehmen, meine Mutter musste mitkommen, und dann muss auf einmal alles stimmen. Dasselbe bei dem Bild mit dem Hollywood-Sign - das hatte ich auch schon so im Kopf, wie es mal aussehen sollte. Die Realisierung kann jedoch Jahre dauern.

Die Reise in die Freiheit ...
Die Reise in die Freiheit ...(Foto: The Pegasus Project, 2015, Serie Edges of Europe/Senckenberg Museum Frankfurt a. M.@MFW)

Sie haben eine Reise entlang einer Flüchtlingsroute mit Ihrem selbstgebauten Pegasus gemacht: Was hat Sie am meisten berührt?

Was Menschen aushalten können und wozu sie fähig sind, das berührt mich am meisten. Viele Flüchtlinge haben wochenlang nicht geduscht, kaum gegessen, sind alleine, haben Todesangst - doch sie gehen weiter! Als Nichtschwimmer aus der Wüste in der Nussschale über die Ägäis - den Überlebenswillen, doch nicht aufzugeben - das berührt mich! Eine Anekdote: der Pegasus ist zwar im Beuys'schen Sinne ein offenes Kunstwerk, doch war er fertig von mir konzipiert - und die "objets trouvés" auf den Gitterflügeln fest in Epoxidharz eingegossen. Dann kam plötzlich ein Junge, er hieß Nart, aus Damaskus. Er gab mir einen syrischen Geldschein und seinen Ring. Mit Zeichensprache forderte er mich auf, seine beiden Gegenstände an den Flügeln anzubringen. Was sollte ich da machen? Ich organisierte eine Heißklebepistole und ließ ihn gewähren. Nach ein paar Minuten kamen seine Mutter und seine Schwester. Irgendwann der Rest des Flüchtlingscamps - alle hatten ihre letzten Kleinigkeiten dabei und wollten, dass Pegasus sie in seinen Flügeln mit nach Europa nimmt, auf die Reise ihres eigenen Traumes, falls sie es nicht schaffen sollten. Diese Menschlichkeit inmitten der unzumutbaren Unmenschlichkeit zu spüren werde ich in meinem ganzen Leben niemals vergessen!

Nochmal zurück: Viele Frauen würden sich dabei nicht gern fotografieren lassen, wie sie abpumpen, Sie aber wirken selbstbewusst, schön, stark. Genau die entgegengesetzten Eigenschaften, die frau sonst so mit dem Begriff "Milchpumpe" in Verbindung bringt.

Etwas ganz Natürliches!
Etwas ganz Natürliches!(Foto: Muttertier, 2014, Apotheke der Anomalien/Senckenberg Museum Frankfurt a. M.@MFW)

(lacht) Es ist ja etwas ganz Natürliches, aber Frauen sind ja noch lange nicht da, wo sie sein könnten.

Woran denken Sie da noch?

Allein wenn ich das Wort Burka höre, könnte ich ausflippen. So ein Thema inspiriert mich dann zu den Bildern mit dem Stacheldraht um den Frauenkörper, das sind ja schon Themen mit einem eindeutigen Statement. Da habe ich eine ganze Serie gemacht, "Burning Burka“!

Schwieriges Thema, spannendes Thema. Die einen sagen, das ist ein Versteck und eine Herabsetzung für Frauen, andere sagen, so können sie wenigstens auf die Straße gehen, statt nur zu Hause zu bleiben.

Also ich habe da eine ganz klare Meinung: Eine Burka hat gar nichts mit Toleranz zu tun, sondern mit Abgrenzung, Ausgrenzung, ja Isolation. Ich sehe mich als Künstlerin, die für alles offen ist, wahrscheinlich bin ich die liberalste Person auf der Welt. Deshalb bin ich der Meinung, dass Religion oder Ideologie nicht uns Menschen beherrschen sollte, seinen Raum, seine Freiheit, seine Beziehungen. Religion sollte absolute Privatsache sein. Da gibt es für mich nichts zu diskutieren, da werde ich ganz totalitär, vor allem, wenn es um Gleichberechtigung, Freiheit, Demokratie und Aufklärung geht. Deshalb fordere ich in Sachen Burka: Der Ganzkörperknast muss weg! Für immer, auf der ganzen Welt. Egal wo!

Glauben Sie? Und wenn woran?

Ur-Vertrauen, Geborgenheit - große, wichtige Themen.
Ur-Vertrauen, Geborgenheit - große, wichtige Themen.(Foto: Muttererde, 2016, Performance Anthropocene/Senckenberg Museum Frankfurt a.M.@MFW)

Noch immer sterben im Namen irgend eines Gottes unzählige Menschen - wie wäre es daher mit etwas "Heidenspaß statt Höllenqual" - Religionskritik á la Pädagoge Philipp Möller? Wer leichter glaubt wird schwerer klug - ganz meine Maxime! Und Kreuze und Kruzifixe sind grafische oder architektonische Glanzleistungen - die muss man doch einfach um- oder ausbauen und ironisieren! Aber nein, mir fehlt nicht der Glaube: Cogito ergo sum! Ich denke, also bin ich. Gedanken manifestieren sich in Worte, diese werden zu Taten! Yes, Baby, I am a believer (lacht).

Was bedeutet Ihnen Familie?

"Familie ist Heimat - alles andere kommt danach" - mein künstlerisches Leitmotiv seit 1999 ist "What is your place of protection?". Mein Sohn ist mein Mittelpunkt der Welt - ich versuche ihm beides zu sein: Mutter und Freund. Und ihm beides mit auf den Weg zu geben: Grenzen und Flügel. Meine Eltern lieben mich bedingungslos - egal was ich mache. Für dieses Ur-Vertrauen bin ich ihnen mein ganzes Leben lang dankbar und werde es hoffentlich an meinen Sohn weitergeben.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Kunst, das, was Sie jetzt machen, nicht nur eine Berufung, sondern auch ein Beruf ist?

Da hat meine Mutter, die an der Folkwang-Schule in Essen studiert hatte, einen ganz wichtigen Einfluss. Sie hat ihr Diplom in Kunst und Design gemacht, aber eine Mappe anzufertigen und mich eins zu eins auf ihre Spuren zu begeben, das wär' damals nicht das Richtige für mich gewesen. Deswegen musste ich vieles eruieren, immer im Wechselspiel zwischen Darstellender und Bildender Kunst. Ich musste ausprobieren, was passt, und dann auch einiges eleminieren. Ich habe zum Beispiel echte Probleme damit, mir von einem Regisseur sagen zu lassen, was ich tun soll (Anm.: Weiss hatte ein Schauspielstudium an der Filmhochschule Berlin aufgenommen und auch gedreht). 

Schauspielerin fällt also aus.

Genau (lacht). Aber Skulptur, Fotografie und Multimedia hat mich auch gereizt, ich fing an, zu bauen, alles wurde immer größer und stärker, und dann habe ich gemerkt, dass das, was ich da studiere, vielleicht gar nicht meins ist. Ich hatte auch keinen Plan B. Ich war dann viel in der Welt unterwegs, auch in Afrika. Meine Großmutter wurde dort geboren am Fuße der Usambara Berge, und ich begab mich auf  Spurensuche, nach meiner "Ur-Mutter". Als ich aus Afrika zurück kam, habe ich gewusst,  dass es nur noch diesen einen Weg geben wird. Dann war ich allerdings auch irgendwann am finanziellen Limit und mich hat nur gerettet, dass eine sehr bekannte Sammlerin ein Werk von mir gekauft hat.

Schläft fast nie: Mia Florentine Weiss.
Schläft fast nie: Mia Florentine Weiss.(Foto: My dreams keep me from sleep, 2017, Projection on skin@MFW)

Und dann kamen die Galerien?

Ja, und die ersten Ausstellungen. Und seit 2010 kann ich davon leben (lacht). Das war gar nicht so einfach, meine Arbeit zwischen Ästhetik und Aggression zu verkaufen. Zwischen Wut und Wahnsinn, Schönheit und Schrecken, und ich freu' mich sehr darüber, dass viele Frauen darauf positiv reagieren.

Nicht selbstverständlich im Kunstbetrieb. Aber Sie haben eine große Schar von männlichen und weiblichen Fans.

Ja, zum Glück!

Sie wirken sehr leicht und luftig, wirbeln zwischen vielen Möglichkeiten herum, wie ein Tornado ...

... und ich bin sehr kommunikativ (lacht). Ich rede wahnsinnig viel und gerne. Ich stehe nie still, ich schlafe auch fast nie, ständig muss ich an etwas denken, und jetzt mit Kind ist es noch extremer, da kann ich fast nur nachts arbeiten.

Wie schafft man es, mit so wenig Schlaf so gut auszusehen?

(lacht) Naja, es geht einfach nicht anders. Ich altere wahrscheinlich doppelt schnell.

Ist Mia Florentine Weiss ein Pop-Star in der Kunstszene?

Wow! So eine Madonna of Art? Why not? Wenn ich etwas dazu beitragen kann, dass sich in der Kunstszene etwas verändert, gerne! In den Museen hängen zu 95 Prozent Männer; Mäzene, Kunstsammler, Museumsdirektoren, Kuratoren, wenn die auch mal weiblich wären, das wäre schon ein Ding (lacht)! Jetzt mal ernsthaft: Warum studieren so viele Frauen Kunst, machen so viele Frauen Kunst, wenn am Ende doch die Männer vorherrschend sind. Die Leute kennen eher Damien Hirst als Marina Abramovic, Banksy verdient ein Vielfaches von Cindy Sherman, so geht es immer weiter. Eine Riesendiskrepanz! 

Das sollte geändert werden!

Ja. Wir Menschen haben alle eine Sehnsucht, egal, woher wir kommen oder ob wir Männer oder Frauen sind. Wir haben eines gemeinsam: Wir wollen geliebt werden.  Und diesen gemeinsamen Nenner, den kann man nur ikonographisch erreichen. Wir kennen ein Herz, einen Totenkopf, Stacheldraht, einen Spiegel, Flügel, all diese Dinge - und damit assoziieren wir eine ganze Welt. Diese Attribute bewegen sich zwischen Kunst und Kitsch á la Jeff Koons, aber auch zwischen Realität und Traum wie bei Neo Rauch. Das mag trivial klingen. Aber diese Einfachheit bringt das Faustische im Menschen doch auf den Punkt.

Zwischen Liebe und Hass spielt sich alles ab.
Zwischen Liebe und Hass spielt sich alles ab.(Foto: Love Hate Monument, 2015, Senckenberg Museum Frankfurt a. M.@MFW)

Das von Ihnen so genannte Banale berührt aber die meisten Menschen ...

Love - Hate ist die Punktlandung aus 1:1 - ein Ambigramm der Gegensätze, mein Zusammenfall der Gegensätze. Aber Dialektik, gegenseitige Bestimmtheit, das bezeichnet gewissermaßen auch das "Faustische" im Menschen (Anm.: Goethes "Faust" - der nach Wissen strebt und unfähig ist, sein Leben zu genießen, aus diesem Grund einen verhängnisvollen Pakt mit dem Teufel schließt und ihm seine Seele verspricht). Der Faust bricht immer wieder aus und man weiß nie in welche Richtung. Auch aktuell ist eine Menge Umbruch in der Welt. So etwas habe ich bisher in meinem ganzen Leben nicht gespürt.

Was können Sie, was können wir tun?

Wischiwaschi war gestern - wir dürfen keine Angst mehr haben, unsere Meinung zu äußern. Ich bin Künstler, ich gehe da rein, wo es weh tut. Ich glaube, die Zeit ist vorbei, zu sagen, dass alles einfach so von allein wieder gut wird. Ich fühle mich wie ein Seismograph und reagiere auf äußere Stimmungen in der Gesellschaft genauso wie auf innerliche, persönliche. Wir müssen uns positionieren. Das versuche ich mit meiner Kunst.

Mit Mia Florentine Weiss sprach Sabine Oelmann.

Die Ausstellung "Memento Mori" läuft noch bis zum 7. Mai 2017. In der Berliner Galerie Friedmann-Hahn sind rund 50 Arbeiten der Performance- und Konzeptkünstlerin zu sehen. Parallel dazu wurde ein Werkkatalog (2006 - 2016) aufgelegt.

Quelle: n-tv.de