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"Ick freu' ma wie Bolle" Paul McCartney feiert in Berlin

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Paul McCartney auf Facebook: "We stand together with Orlando ‪#‎OneOnOne‬ Waldbühne Berlin"

(Foto: Facebook/ Paul McCartney)

Alles richtig gemacht: Karte besorgt für einen Beatle, der prächtig gelaunt ist. Er plaudert mit den Einheimischen in ihrer Muttersprache, die Sonne lacht, er spielt fast drei Stunden - und das auf der schönsten Bühne Deutschlands, der Waldbühne.

Ein, zwei Fakten vorneweg: Ja, es gibt Längen in einem Konzert, das fast drei Stunden dauert. Und nein, das macht nichts, denn ja, an diesem Abend wurde die Musik nicht neu erfunden - das ist bereits vor über 50 Jahren passiert, als vier Liverpooler Jungs Noten und Texte zu Klängen gemacht haben, die bis heute das Geheimnis der ewigen Haltbarkeit innehaben. Aber: Diese Musik wurde frenetisch gefeiert.

Außerdem: Feuerwerk im Sommer ist cool, Zeitreisen machen sentimental und Paul McCartney ist ein großartiger Entertainer. Ein Ex-Beatle, der während seines Konzerts mit einer Regenbogenflagge auf die Bühne kommt - "We stand together with Orlando!" - und sich mit allen wie auch immer Liebenden auf der Welt solidarisiert, ist einfach ein toller Beatle.

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Besser geht's nicht ...

(Foto: soe)

Vergessen, dass er nie der Charismatischste war. Verziehen, dass es gegen Ende auch viel Ärger im Beatles-Paradies gab. Süß, wenn er Entschuldigungszettel für japanische Schüler unterschreibt, die sich auf "Bildungsreise" in Deutschland befinden. Schlau, die deutsch-englische Freundschaft zu beschwören. Und rührend, seinen zahlreichen verstorbenen und auch noch lebenden Lieblingsmenschen Songs zu widmen, die 20.000 Leute mitsingen können. Hach, Paul McCartney war in Berlin und man darf sich glücklich schätzen, in dieser wunderbaren Stadt zu leben.

Ich war großer George-Harrison-Fan, doch der ist seit 15 Jahren tot, und wer könnte das Erbe der Beatles besser transportieren als Paul McCartney - bei aller Sympathie für Ringo Starr? Deswegen rafft es mich auch ganz besonders dahin, als Paul "Something" anstimmt, dieses Lied, das so unglaublich gefühlvoll daherkommt. Damit hat Paul, der immer am spießigsten von allen Vieren rüberkam, an diesem Abend auch die Zweifler gekriegt. 46 Jahre nach der Auflösung der Beatles bin ich froh, ihn überaus lebendig, entertainig, respekt- und kraftvoll zu sehen. Und er scheint sich auch zu freuen: "Hey, hier sind ja Leute, die waren noch nicht mal geboren, als wir die Beatles waren!"

Was die Hüfte hergibt

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Großes Kino bei "To Live And Let Die"

(Foto: soe)

Aber von vorne: Er lässt ein bisschen auf sich warten, der Sir, keine Vorband, und als er dann kommt, lässig gekleidet in Jeans und Jackett (das er kurz darauf ablegt und klarmacht, dass dies sein einziger Kostümwechsel des Abends sein wird), legt er los. Und wie! "Let's have some fun!", ruft er den 22.000 Fans in der fast ausverkauften Berliner Waldbühne zu. Das lassen die sich nicht zwei Mal sagen, jung und alt (und das ist jetzt echt Definitionssache) singen, klatschen, wippen mit, was die Hüfte so hergibt. Er spielt "A Hard Day's Night" und "Can't Buy Me Love", und, wenig überraschend, alle sind textsicher. Das ist auch ganz gut so, denn bei den Höhen hapert's beim 73-jährigen Ex-Beatle an der einen oder anderen Stelle - das macht allerdings überhaupt nichts.

Paul McCartney hat die Berliner in der Hand, immer wieder erzählt er kleine Anekdoten. Wie er zum Beispiel zum ersten Mal auf dem Roten Platz in Moskau gespielt hat und die Russen-Polit-Schickeria ihm klarmachte, dass sie ihre Englischkenntnisse bei den Beatles gelernt hat, "Hello Goodbye". Verhaltener Applaus, Russland ist gerade nicht das Lieblingsthema in Deutschland.

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"Mein Team und ich hatten keinen großartigen Plan für diese Sammlung, außer dass es Spaß machen sollte." Auf "Pure McCartney" ist das gelungen.

Egal, er hat noch mehr Geschichten. Er spielt für seinen "Kumpel John (Lennon)" das äußerst poetische "Fool on the Hill". Er singt für die aktuelle Gattin Nancy das wunderbare "My Valentine". Er gedenkt seiner großen Liebe Linda. Und die Emotionen sind in der sommerlichen Waldbühne (Danke, Wettergott!) vollends aufgeladen, als er zur Ukulele greift und für George Harrison "Something" anstimmt. Zum Glück legt er die Ukulele noch während des Songs wieder ab, so dass sich das Lied, zusammen mit der Band, zu dem engelsgleichen Stück entwickeln kann, das es tatsächlich ist.

Ruhe auf den billigen Plätzen

Hinter Paul McCartney immer wieder Bilder auf der Videoleinwand, vor allem Bilder der Beatles, aber auch private Fotos, mit den Kindern, einige aus "Wings"-Zeiten, und selbst der Zuschauer auf den "billigen Plätzen" (also ganz hinten, dennoch nicht wirklich "billig") müsste hier und da eine Träne im Knopfloch gehabt haben. "Time flies!" Ja, und so fliegen "Eleonor Rigby", "Band On The Run", "Back In The USSR", "Let It Be" und andere Klassiker an uns vorüber. Auch sein Hit aus dem letzten Jahr - "FourFiveSeconds" mit Rihanna und Kanye West - wird abgefeiert, und bei "Hey Jude" flackert ein kollektives Handy-Lichtermeer, unterbrochen von einzelnen Old-School-Wunderkerzen. Da ist selbst der alte "Macca" gerührt.

Paul McCartney ist ein Genie. Viele Songs haben dennoch gefehlt (kein Wunder bei dem Repertoire), trotz des fast drei Stunden dauernden Konzerts. "Ob-La-Di Ob-La-Da", quasi der "Radetzky-Marsch des Pop", hätte nicht sein müssen, aber die Fans sind ausgerastet. Und das will was heißen in Zeiten, in denen Fußball und Randale, Homophobie und Attentate, Flüchtlingskrise und Brexit unsere Schlagzeilen bestimmen. McCartney hat versprochen, dass er wiederkommt - seine aktuelle Deutschlandtour ist leider beendet.

Thank you, Sir Paul. Aber vor allem: Lang lebe Paul McCartney!

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Wie aktuell Paul McCartney ist, zeigt er zusammen mit Timo Maas und James Teej in dem re-mixten Hit "Nineteen Hundred and Eighty Five"

Quelle: n-tv.de

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