Unterhaltung

Jugendbücher ohne heile Welt Pausewang wird 80

Eines wusste Gudrun Pausewang schon, als sie noch jung war und Jugendbücher las: "Wenn ich später einmal Schriftstellerin werde, will ich meine Leser ernst nehmen - egal, wie alt sie sind." Geschichten aus einer heilen Welt wollte die Autorin ihren jungen Lesern nie erzählen. Ernste Themen waren es denn auch, mit denen sich Pausewang einen Namen machte. Ihre Jugendbücher schildern die atomare Bedrohung, den Nationalsozialismus und die Armut in Südamerika. Der Roman "Die Wolke" über eine Reaktorkatastrophe wurde 1988 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und ist mit einer Auflage von mehr als einer Million Exemplaren Pausewangs erfolgreichstes Buch. Am 3. März feiert die Autorin in Schlitz (Hessen) ihren 80. Geburtstag.

"Man muss die Welt so schildern, wie sie ist, aber durchschimmern lassen, wie sie eigentlich sein sollte", beschreibt Pausewang ihren Stil. Literaturkenner bezeichnen die Bestseller-Autorin deshalb als Moralistin. "Pausewang hält an einem politisch-moralischen Wirkungsanspruch fest", sagt der Direktor des Frankfurter Instituts für Jugendbuchforschung, Prof. Hans-Heino Ewers. "Ihre bekanntesten Bücher sind parteiisch von oben bis unten - aber das gehört zu dieser Art von Literatur. Genauso wie die recht konventionellen literarischen Muster, teilweise mit einem einfachen Gut-Böse-Schema." Für Pausewang ist gerade das wichtig: "Ein gutes Buch ist meistens so angelegt, dass eine Identifikationsfigur für den Leser da ist."

Atomkrieg und Nationalsozialismus

Mit Büchern wie "Die letzten Kinder von Schewenborn" (1983), einem drastischen Roman über einen Atomkrieg in Deutschland, traf Pausewang in den 1980er Jahren den Nerv der Zeit. "Das waren politische Bücher, mit denen ich vor einer Gefahr warnen wollte." Heute beschäftigt sich Pausewang vor allem mit dem Nationalsozialismus. "Ich bin ja noch Zeitzeugin und wurde damals genauso wie viele andere Kinder zu einem kleinen Nazi erzogen." Dazu schrieb sie "Ich war dabei. Geschichten gegen das Vergessen" (2004). Auch ihr aktuelles Projekt dreht sich um den Zweiten Weltkrieg.

Auch mit ihren jüngsten Büchern will Pausewang warnen - nun vor dem Rechtsextremismus. Zu dem Thema verfasste sie "Die Meute" (2006). "Man kann nicht sagen: Politik interessiert mich nicht. Das war ja der Fehler von vielen, die dann dem Nationalsozialismus in die Hände gefallen sind." Die jüngsten Bücher über Krieg und Flucht zählt Ewers zu Pausewangs wichtigsten Werken: "Das wird bleiben."

Pausewangs Bücher stehen bis heute in vielen Klassen auf dem Lehrplan. Sechs Schulen sind sogar nach ihr benannt, je eine im hessischen Lauterbach und in Nidda - ganz zur Freude der ausgebildeten Lehrerin. Rund zwölf Jahre lang arbeitete Pausewang an deutschen Schulen in Südamerika. Aus den Erfahrungen im Ausland speisten sich ihre Bücher über das Elend in der Dritten Welt wie "Die Not der Familie Caldera". Ende 1972 kehrte Pausewang nach Deutschland zurück und wurde Lehrerin an einer Grundschule in Schlitz. Einer ihrer Schüler aus der osthessischen Kleinstadt sollte es später selbst zum Bestseller-Autor bringen: Florian Illies, der Erfinder der "Generation Golf".

"Der Geist der Rosinkawiese"

Pausewang wuchs von 1928 bis zur Vertreibung 1945 im böhmischen Mladkov (Wichstadtl) auf, das heute zur Tschechischen Republik gehört. Im Geist der Lebensreformer machten ihre Eltern dort ein sumpfiges Stück Land, die Rosinkawiese, fruchtbar und eckten mit ihrem Idealismus bei der Bevölkerung an. Zusammen mit fünf Geschwistern wurde Pausewang mitten in der Natur groß. "Der Geist der Rosinkawiese hat mich noch lange geprägt", sagt die Autorin über das alternative Leben, von dem sie später in einer Buch-Trilogie berichtete.

Pausewangs erster Roman erschien 1959 und richtete sich an Erwachsene - wie alle ihre frühen Veröffentlichungen. Erst um 1970 kamen Bücher für Kinder und Jugendliche hinzu: "Ich schreibe gern abwechselnd. Man darf mich nicht auf die politischen Jugendbücher reduzieren." Auch Räubergeschichten für Kinder und Sachbücher für Erwachsene gehören zu Pausewangs Werk, das mehr als 80 Bücher umfasst. Mindestens eine Veröffentlichung pro Jahr soll auch in Zukunft noch hinzukommen: "Schreiben ist aufputschend. Das macht noch immer Spaß."

Von Pierre-Christian Fink, dpa

Quelle: n-tv.de