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"Stroke" holt die Kunst von der Straße Street Art wird stubenrein

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Auch in diesem Jahr kann man wieder - wie hier 2010 in München beim Brasilianer Enivo - den Künstlern direkt über die Schulter schauen.

Stroke Art Fair

Graffiti-Künstler und Street Artists müssen nicht mehr nachts mit Kapuze durch die Straßen ziehen, um ihre Fähigkeiten zu zeigen. Auf der Kunstmesse "Stroke" können sie ihre Werke präsentieren. Oder gleich vor Ort malen.

Ja, ein Banksy-Druck hängt auch da. Zwei sogar. Dazu ein paar Werke von Shepard Fairey, der mit seiner "Obey"-Kampagne bekannt wurde und mit seinem Obama-Poster berühmt (das Motiv schaffte es sogar zum Bravo-Poster). Aber die Kunstmesse "Stroke", die nach München und Leipzig nun in Berlin ihre Türen öffnet, hat natürlich noch mehr zu bieten. "Urban Art Fair" nennt sich die Veranstaltung – Messe für urbane Kunst. Der Untertitel "Kunst für das 21. Jahrhundert" zeugt von viel Selbstbewusstsein.

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(Foto: Markus Lippold)

Doch was ist diese Urban Art? Marco Schwalbe, der mit seinem Bruder Raiko die Messe gründete, sieht darin "eine Art Sammelsurium aus ganz vielen subkulturellen Entwicklungen", wie er im Gespräch mit n-tv.de erklärt. Die omnipräsenten und täglich konsumierten Medien, Musik, Popkultur und Mode, vor allem aber das Internet würden das ästhetische Empfinden der Menschen beeinflussen und damit auch die Kunst prägen. "Das ist Kunst, nicht inspiriert durch den urbanen Raum, sondern durch das immer mehr sich urbanisierende Leben der Menschen", sagt Schwalbe.

Der Besucher wird zum Künstler

Ihren Ursprung hat diese Kunst auf der Straße, in Graffiti und Street Art. So unkonventionell und erlebnisorientiert will auch die Messe sein. Und das gelingt auch weites gehend. Während im Obergeschoss des Berliner Postbahnhofs Galerien aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Italien und Argentinien ihre Künstler und Werke präsentieren und zum Verkauf anbieten, können die Besucher im Erdgeschoss in verschiedenen Workshops selbst zum Künstler werden - ganz im Sinne von Joseph Beuys. Auf dem Hof entstehen derweil live Werke von Künstlern und Graffiti-Sprayern aus Europa und Lateinamerika. Man ist also mittendrin im Kunstbetrieb – von der Entstehung der Werke bis zu ihrer Präsentation durch Galerien.

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Urbane Art nimmt vielfältige Einflüsse aus Medien und Popkultur auf.

(Foto: Markus Lippold)

Wobei Schwalbe darauf verweist, dass man eben nicht zum klassischen Kunstbetrieb gehöre. Zwar gebe es Kontakte, doch von etablierten Kunstmessen werde man eher am Rande wahrgenommen, als Nische. Dafür spreche man aber ein viel breiteres Publikum in allen Altersgruppen an, betont Schwalbe. Das sieht man bereits am ersten Messetag, wo Schüler und Studenten neben ergrauten Kunstfreunden stehen. Gerade die Möglichkeit, die Entstehung eines Kunstwerks live miterleben zu können, unterscheidet die "Stroke" von anderen Kunstmessen und macht deren Reiz aus.

Diese Direktheit, dieses Mittendrin erinnert natürlich an bemalte Züge und mit Street Art versehene Häuserwände. Es ist Kunst, die auf den Straßen von Tokio, Berlin, New York und Los Angeles in den letzten Jahren viel Anerkennung erfahren hat. Und das nicht nur, weil etwa der Brite Banksy zuerst mit subversiven Aktionen auf sich aufmerksam machte und dann mit seiner sehr empfehlenswerten, doppelbödigen Doku "Exit Through the Gift Shop" am Wettbewerb der Berlinale 2010 teilnahm. Street Art spielte in diesem Jahr auch auf anderer Ebene eine Rolle: Einerseits in den arabischen Revolutionen – man denke nur an die vielen Anti-Gaddafi-Malereien an libyschen Wänden. Andererseits passt deren Spontanität und Gesellschaftskritik etwa auch zur "Occupy Wall Street"-Bewegung.

Die Grenzen verschwimmen

Doch kann man Street Art und deren Direktheit und Subversion auf eine Kunstmesse übertragen? Kann man nicht. Und das wissen auch die "Stroke"-Organisatoren, die bewusst auf den Begriff "Street Art" verzichten. Diese gehöre auf die Straße, sagt Schwalbe. "Street Art hat unglücklicherweise den Begriff 'Art' schon mit dran", fügt er an. Dabei sei sie zunächst eine subkulturelle Bewegung, die in gewisser Art und Weise dem Graffiti ähnle. "Es geht darum, seine Marke zu hinterlassen." Und dies sei erst mal nicht gleichzusetzen mit normaler Kunst.

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Ein Werk des Künstlers Sepe.

(Foto: Stroke Art Fair)

Die "Stroke", sagt Schwalbe weiter, setze dagegen auf Kunst, die sich aus Graffiti und Street Art entwickelt, die deren Ästhetik und Techniken übernommen habe. Und das sei dann auch für Ausstellungen, Galerien und sogar Museen geeignet. Schließlich wollen die Künstler von ihrer Arbeit leben können. Das erfordere dann aber auch mehr künstlerische Leistung, ergänzt Schwalbe. Auf der "Stroke" erlebt man diesen Spagat recht gut. Vielen Werken sieht man an, dass sie von Graffiti und Street Art inspiriert wurden. Sie sind spontan, weniger verkopft, basieren auf witzigen Ideen und kuriosen Einfällen. Hinzu kommen aber Werke, die sich verstärkt an zeitgenössischer Kunst orientieren sowie digitale Kunst und Fotografie. Die Grenzen verschwimmen zunehmend.

Etablierte Galerien und Museen in Deutschland schrecken vor diesem Grenzübertritt noch zurück, neue Kunstformen haben es hier besonders schwer. "Wir hängen da immer hinterher", weiß auch Schwalbe. "Hier muss immer alles erst über den akademischen Kontext gehen, bevor man irgendwo etwas machen kann." In Los Angeles dagegen gab es in diesem Jahr im Museum of Contemporary Art (MoCA) eine große Ausstellung zur Straßenkunst, die Tate Modern in London machte bereits 2008 Street Art zum Thema. Immerhin: Schwalbe spricht von einem steigenden Interesse an der "Stroke". Im fünften Jahr müsse man nicht mehr um Anerkennung kämpfen. Das ist schon viel für eine Kunst, die teilweise noch als Schmiererei und Vandalismus abgetan wird.

Die "Stroke Art Fair" ist noch bis 16. Oktober im Berliner Postbahnhof zu sehen.

Quelle: n-tv.de

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