Unterhaltung

Wenn der Titel noch das Beste am "Tatort" ist "Türkischer Honig" zum Abgewöhnen

9_Tatort_Tuerkischer_Honig.jpg

Den neuen Tatort finden wohl auch Josefine Preuß und Simone Thomalla zum Heulen.

(Foto: MDR/Saxonia Media/Junghans)

Alle Türken sind Verbrecher! Behauptet jedenfalls der MDR in seinem Neujahrs-"Tatort". Wer den Leipziger Krawall-Kommissaren dennoch beim Kramen in der Klischee-Kiste zusehen möchte, sollte besser eine gehörige Portion Restalkohol mitbringen.

Josefine Preuß ist eine großartige Schauspielerin, keine Frage. Der Bambi für ihre Rolle in "Türkisch für Anfänger": Hochverdient. "Hey", müssen sich da die Entscheider beim MDR gedacht haben, "die Frau kennt sich mit der Materie aus. Wie wär's, wenn wir dem käseweißen Rotschopf die Haare dunkel färben und sie als halbtürkische Schwester von Hauptkommissarin Eva Saalfeld ins Rennen schicken?" Irritierend natürlich - aber längst nicht so irritierend wie der Rest des neuen Leipziger "Tatorts".

"Türkischer Honig" will innerhalb von 90 Minuten zugleich packender Krimi, tiefgründige Milieustudie und tragisches Familiendrama sein - und versagt dabei auf ganzer Linie. Na klar, könnte man sagen, wie um alles in der Welt soll ein Krimi rund um die mimikbefreite Kommissarin Saalfeld (Simone Thomalla) und ihren Kollegen Andreas Keppler (Martin Wuttke) denn auch was werden? Schließlich schämt man sich schon fremd genug, wenn man den beiden nur bei der Zurschaustellung ihrer dicken Ermittler-Eier zusieht. Aber das ist ja noch lange nicht alles.

Allein der Plot könnte ausreichen, um bei sensiblen Zuschauern für einen Migräneanfall zu sorgen: Die bis dato unbekannte Schwester von Saalfeld taucht aus dem Nichts auf, will sich mit der Kommissarin treffen, wird dann aber vor deren Augen entführt. Großes Kuddelmuddel, ein türkischer Geldverleiher stirbt, Julia (die Schwester) taucht wieder auf. Keppler verdächtigt den Sohn des Toten, der mal mit Julia zusammen war, die aber nun mit ihrem neuen Freund türkischen Honig verkauft. Der steckt auch irgendwie mit drin. Genauso wie Saalfelds Vater, den die Kommissarin ja schon vor Jahren ins Gefängnis gebracht hat. Am Ende sind alle ein bisschen schuld und einer ein bisschen mehr.

Zäh, überzeichnet, sterotyp

Das liest sich nicht nur wie der fiebrige Drogentraum eines "Verbotene Liebe"-Drehbuchautors, es fühlt sich beim Zuschauen auch so an. Auf dem Weg zum Finale rührt Regisseurin Christine Hartmann einen zähflüssigen Brei aus Klischees und merkwürdigen Zufällen zusammen, der die Zuschauer in seiner Komplexität wohl beeindrucken soll, in Wahrheit aber einfach nur mies konstruiert ist.

Als wäre das noch nicht genug, irritiert neben der Geschichte auch das massive Ausländerproblem, das das beschauliche Leipzig nach Meinung des MDR offensichtlich hat. Nachdem die Ermittler bereits in der vorletzten Episode "Schwarzer Afghane" einen islamistischen Terrorstudenten per Spezialeinheit zur Strecke brachten, hat diesmal jede einzelne ausländische Nebenrolle Dreck am Stecken. Die Halbtürkin Julia steckt mit ihrem Vater unter einer Decke, der Tote war ein erpresserischer Geldverleiher, sein Sohn ein krimineller Shisha-Bar-Besitzer. Am schlimmsten aber ist der ach so nette und unscheinbare Café-Besitzer Hamid. "Türkischer Honig" zeichnet so stereotype Rollenbilder, dass einem schlecht wird.

Der Wunsch nach ein bisschen Hollywood-Coolness setzt dem ganzen Elend schließlich die Krone auf. Saalfeld und Keppler begeben sich ganz nach US-Vorbild nicht nur grundsätzlich alleine in gefährliche Situationen, auch sonst wirkt vieles wie schlecht abgeschaut vom großen Bruder. Keppler trinkt im Dienst und presst 100 Euro aus dem Hauptverdächtigen, um das Geld einer Bauchtänzerin zuzustecken - er ist halt ein richtig harter Hund. Gleiches gilt natürlich für Saalfeld, die ihre Schwester mit noch blutiger Nase zur Verbrecherjagd einspannen will, kaum dass die ihren vermeintlichen Entführern entkommen ist. Chapeau, genauso stellt man sich sächsische Kriminalarbeit vor.

"Hör auf, immer einen Schuldigen zu suchen", schreit Julia ihrer Schwester am Ende entgegen. Es bleibt wohl eine vage Hoffnung, dass der MDR sich an diesen Ratschlag hält und die Leipziger Ermittler endlich absägt.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.