Unterhaltung

"Sagen Sie Karl-Heinz zu mir!" Unverkennbar Loriot

2zrq0159.jpg1251692504742112553.jpg

"Hello? This is Heinrich Lohse from the Deutsche Röhren AG."

(Foto: dpa)

Er rettete den Ruf des deutschen Humors. Seine Schöpfungen wie die klemmende "Kommode Trelleborg" oder den Ausspruch "Früher war mehr Lametta" kennt jeder. Heiligabend ohne die Hoppenstedts ist in deutschen Wohnzimmern kein Weihnachten. Vicco von Bülow ist gestorben. Vergessen wird man Loriot nicht.

"Bloß keine Gala", bat Loriot zu seinem 80. Geburtstag. Der Großmeister des deutschen Humors nahm sich selbst zu seinem runden Jubiläum nicht besonders wichtig. Und so gestaltete er seine Ehrensendung in diesem stattlichen Alter selbst in altbekannter Manier, anstatt sich feiern zu lassen. Auf dem hellgrün bezogenen Sofa saß wie eh und je ein aristokratisch wirkender, weißhaariger Herr, der mit einem verschmitzten Lächeln die nächsten Geschichten der Hoppenstedts oder eines Dr. Klöbner ankündigte.

Vicco von Bülow hatte seinen ganz eigenen Stil, den er stets beibehielt. Keine Neuerfindung oder Ausflüge ins Privatfernsehen, keine Identitätskrise, wie sie so viele ereilt, die sich dann beeilen, schleunigst ihr Image zu verändern. Loriot hatte gefunden, was er am Besten konnte. Dabei konnte er so vieles.

DI10152-20110823.jpg1683764626728649029.jpg

"Wenn meine Frau Klöße kocht, sind sie leicht und bekömmlich."

(Foto: dapd)

Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, so sein voller Name, wurde 1923 in Brandenburg geboren. Angefangen hat sein Aufstieg zur Institution des deutschen Humors zunächst mit dem Zeichnen. Mit 24 Jahren ging er an die Hamburger Kunstakademie, wo er sein Handwerk lernte. Den Humor besaß er ja schon. Er malte Cartoons für den Stern und "humoristische Zeichnungen" für das Quick-Magazin in einer Zeit, in der "Illustrierte" Hochkonjunktur hatten. Mit 30 Jahren brachte er seine eigenen Bücher mit den Knollnasenmännchen heraus, die später im Bewegtbild Sätze sagen würden wie: "Ja, wo laufen sie denn?" und: "Noch ein Schuss von dem Heißen und man könnte sich einigen."

Das Absurde im Alltäglichen

Seine Zeichnungen in Bewegung liefen erstmals 1967 im Fernsehen, als er die Sendung "Cartoon" moderierte und sich zunehmend traute, eigene Witze in die Moderation einzubauen.

In seiner 1976 erstmals ausgestrahlten eigenen Fernsehserie "Loriot" schuf er schließlich den Schatz an Zitaten, den niemand mehr vergessen wird. 45 Minuten lang in sechs Folgen gab es auf unbösartigste Weise die Verballhornung gesellschaftlicher Gepflogenheiten und menschlicher Verhaltensweisen. Aus den Regeln, an die sich jeder hält, entstand die Komik. Intelligent trat Loriot einen Schritt zurück und sah das Absurde im Alltäglichen. Wenn etwa der Kellner den Gast vom Essen abhält, weil er aus Höflichkeit alle zwei Sekunden fragt, ob es denn auch schmecke oder zwei nackte Männer in der Badewanne beim Streit um eine Gummiente jegliche formalen Regeln des Umgang strengstens einhalten.

Tausendsassa

Doch er war ein Mann mit unzähligen Talenten: So gehörte beispielsweise das Dirigieren zu seinen Stärken. Ob als Opa Hoppenstedt, der mit "Alte Kameraden" seine Familie am Weihnachtsabend terrorisiert oder als Klaviertransporteur, der versucht eine Fliege zu fangen und mit seinen fuchtelnden Armen ein ganzes Orchester zum Spielen bringt. So erzählen die Musiker, dass sie tatsächlich beim Dreh der Szene ganz seinen Armbewegungen folgten.

2zrp3519.jpg3364600061864583546.jpg

Dr. Klöbner (l) und Herr Müller-Lüdenscheidt in der Badewanne, legendär.

(Foto: dpa)

Er war immer ein Dirigent, der seine Arbeit perfekt kontrollierte. Wenn etwas nicht saß, beispielweise die ins Gesicht geworfene Torte, wurde so lange an ihr herumpräpariert, bis der komische Effekt bis zum Äußersten ausgereizt war. Beim Humor legte er eine professionelle Ernsthaftigkeit an den Tag. Den Sketch, in dem sich Evelyn Hamann als überkorrekte Politesse in den Wahn redet, sollte ursprünglich er spielen. Doch weil ihm der genial-komplizierte Nonsenssatz: "Ich habe eine Münze in den für den Münzeinwurf bestimmten Münzeinwurf eingeworfen, in die er ordnungsgemäß keine Münze eingeworfen hatte, da er in den für den Münzeinwurf bestimmten Münzeinwurf der anderen Parkuhr ordnungsgemäß eine Münze eingeworfen hatte", am Abend vor dem Dreh nicht so recht von den Lippen gehen wollte,  übergab er die Aufgabe lieber an Kollegin Hamann.  Binnen einer Nacht lernte diese den schwierigen Text auswendig und spielte sich am nächsten Tag ins Gedächtnis der Deutschen.

Abgezapft und original verkorkt

Die 2007 verstorbene Schauspielerin wurde vor allem durch ihre jahrzehntelange künstlerische Partnerschaft mit Loriot unvergesslich, etwa als Frau Hoppenstedt mit ihrem Jodeldiplom. Die Familie Hoppenstedt, die gleichzeitig von Staubsaugervertretern, Weinhändlern und Versicherungsmaklern heimgesucht wird, sich um einen Kosakenzipfel streitet und das Geschenkpapier "einfach in den Hausflur tut", begleitet seit ihrem ersten Fernsehauftritt jede Familie in Deutschland um die Weihnachtszeit. Konsequent senden die öffentlich-rechtlichen Kanäle Jahr um Jahr diesen Schatz der Fernsehgeschichte, der immer wieder Zuschauer findet, obwohl diese wahrscheinlich synchron mitsprechen können. Wer hätte gedacht, dass dieser Sketch einmal selbst als Synonym für "die Weihnachtssendung im Dritten oder Ersten Programm" gelten würde, um die sich Herr und Frau Hoppenstedt streiten.

Ein paar Ausflüge in ernste Fach unternahm der Freiherr in seinen späteren Jahren dann doch. Er inszenierte die Oper "Martha", gab Lesungen von Thomas Mann und setzte sich für die Beibehaltung der alten Rechtschreibung ein. Es gab für ihn Preise, Ehrendoktorwürden und an seinen runden Geburtstagen die besten Sendeplätze. Mit 82 Jahren zog er sich aus dem Fernsehgeschäft zurück. 

Vicco von Bülow wird im engsten Familienkreis bestattet. So hätte er es wahrscheinlich gewollt: "Bloß keine Gala."

Nachtrag: Das legendäre Zitat "Ja wo laufen sie denn?" stammt nicht von Loriot. Er hat "nur" die Zeichnungen zu dem Trickfilm "Auf der Rennbahn" angefertigt. Synchronstimmen und Text sind nicht von Loriot.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema