Unterhaltung

Alle Jahre wieder Voradventsmusik von Klassik bis Soul

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Bob Dylans aktuelles Album heißt "Tempest" und erschien 2012.

(Foto: REUTERS)

Die Tage werden kürzer, die Abende länger. Mehr Zeit, daheim Musik zu genießen. Oder auch im Auto, denn in der Dunkelheit sind Staus besonders öde. Gute Musik soll Wunder dagegen wirken. Ob klassisch, folkig oder soulig.

Die Geschichte vom Korsaren, der im Jahre 1393 zum Dogen von Genua gewählt wurde, gehört zu den weniger gespielten Opern von Giuseppe Verdi. Aus Anlass des Verdi-Jahres macht sich mancher Plattenverlag die Mühe, Einspielungen herauszubringen, die das Oeuvre des italienischen Nationalkomponisten würdigen. Decca veröffentlicht in einer opulenten Edition mit Opernstars wie Thomas Hampson in der Titelrolle, Joseph Calleja als Gabriele Adorno samt der Wiener Singakademie und den dazugehörigen Symphonikern unter der Leitung von Massimo Zanetti eine Einspielung, die ihresgleichen sucht.

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Verdis "Simon Boccanegra" in einer Interpretation von Thomas Hampson.

Simon Schwarzmund, so müsste man es wohl übersetzen, war ein Auftragswerk. Schließlich musste auch der Große aus Parma seine Brötchen verdienen. Drum ist es auch so geraten: etwas knitterig, ohne jene Höhepunkte, die wir von "Aida" - zum Beispiel - kennen. Immerhin langte es 1857 für eine Uraufführung am venezianischen "Teatro La Fenice". Der Anklang war nicht so, wie es sich der Meister gewünscht hatte. Er machte sich danach noch einmal an die Arbeit. So entstand die vorliegende Version, die heute auch so noch aufgeführt wird.

Familiär geht es in der Oper hin und her. Nur dem aufmerksamen Zuhörer gelingt es mit einem herkömmlichen Opernführer zu begreifen, warum Adorno den Dogen umbringen will und er von Amelia daran gehindert wird.

Eine politische Dimension bekommt das Ganze, wenn es darum geht, einen Krieg zwischen den Stadtstaaten Genua und Venedig zu verhindern. Dem Nationalkomponisten geht es um die "l'unità della patria italiana". Darum geht es eigentlich heute immer noch. Blödmänner wie der Rassist Umberto Bossi und der auf seine lächerliche Dimension zurückgeworfene Silvio Berlusconi versuchen bis auf den Tag, den Stiefel unter ihre Kontrolle zu bekommen. Verdi war ein Visionär. Bestimmt. Und Simon Boccanegra ist höchst aktuell. Nicht nur wegen des Geburtstags des Maestro.

Bob Dylan: "Constructing The Legend"

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Auf seinem ersten Albumcover zeigt sich Dylan gelassen mit Gitarre und Zigarette.

Ähnliches gilt für Bob Dylan, zumindest für seine Frühphase. Die CD "Constructing The Legend" enthält das als "Bob Dylan" erschienene erste Album und die jeweiligen Vorlagen, derer sich der angehende Meister bediente. Meist klebt der an den Vorlagen, was der Liebe durchaus keinen Abbruch tun muss. So klingt der Opener "You're No Good" aus der Feder von Jesse Fuller, Autor und Interpret des berühmten "San Francisco Bay Blues" fast wie bei dem großen Bluesman aus Jonesboro im US-Bundesstaat Georgia. Seinem Idol Woody Guthrie widmet Mr. Zimmerman gleich zwei Songs: Einmal "Talkin' New York", das sich an Woodys "Talkin' Subway" anlehnt. Der hatte den Titel selbst nie eingespielt, ihn aber dem als Folksänger kaum bekannten Liverpooler Englischlehrer John Greenway beigebracht.

Der als Groenweg geborene hatte 1958 unter dem Titel "Talkin' Blues" beim legendären Folkways-Label eine LP aufgenommen, die Dylan als Basis diente. In manchen Publikationen wird "Talkin' New York" als Dylans Eigenkomposition bezeichnet, was nur sehr eingeschränkt stimmt. So hilft die vorliegende Edition nicht nur, das Frühwerk von Bob Dylan besser zu verstehen, sondern auch mit schlamperten Texten aufzuräumen. Ja, und der zweite Tribut an Guthrie ist natürlich Dylans "Song To Woody", der sich wiederum an dessen "1913 Massacre" orientiert. Dylan selbst hat das Stück nie aufgenommen. Dafür ist auf der Scheibe die Einspielung mit dem Autor zu hören: eine Anklage gegen brutales Vorgehen von Unternehmern gegen Bergarbeiter, die mit dem Tod von Kindern, Frauen und Männern endet.

Kurzum: "Constructing The Legend" ist ein musikalisches Geschichtsbuch, das neben den erwähnten Tracks eben alle Songs des ersten Dylan-Albums und deren Blues-respektive Countryvorlagen enthält. Es sei allen ans Herz gelegt.

Sly and The Family Stone: "Higher!"

Die nächste Edition eignet sich weniger fürs Autoradio, es sei denn, Sie nehmen die vier CDs aus der opulenten De-Luxe-Verpackung heraus und bringen Sie in einer dieser überaus praktischen CD-Taschen unter oder Sie stecken Sie allesamt in den CD-Wechsler, so vorhanden.

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Im quitschig bunten siebziger Jahre Look zeigt sich Stewart auf dem Cover.

Die Rede ist von "Higher!". So heißt nämlich die Kompilation von 77 Songs der Band um Sylvester Stewart aka Sly Stone. 17 davon waren bis jetzt unveröffentlicht. So bunt wie das Outfit und die Zusammensetzung der Bandmitglieder - Männer und Frauen, Weiße und Afroamerikaner - ist auch die Musik. Und die graphische Gestaltung der Box mit ihrem mehr als 100 Seiten starken Booklet sowie die Repliken von Orginalalbencovern, Eintrittskarten für Konzerte und ähnlichem Erinnerungsgut.

Natürlich ist der bekannteste Hit der Gruppe, "Dance To The Music" aus 1968, gleich in zwei Versionen, dabei. Die Prachtausgabe ermöglicht den Einblick in eine von Mitte der Sechziger bis in die zweite Hälfte der Siebziger währende musikalische Karriere, in der Sly und James Brown dem Funk zu internationalem Durchbruch verhalfen. Auch sind Aufnahmen aus jener Zeit zu hören, in denen Sly noch nicht bei Epic unter Vertrag stand. "I Just Learned How To Swim" aus dem Jahre 1964 zum Beispiel ist ein kräftiger Rock'n'Roll-Song, der damals ganz gewiss einen Little Richard neidisch gemacht hat. Die Band hat nicht nur beim Jazz-Giganten Miles Davis Spuren hinterlassen. Schließlich hat er auch einen weißen Rock'n'Roller wie Pete Townshend von The Who in den Siebzigern zu funkigen Einspielungen veranlasst.

Sly und Co. haben nicht nur andere beeinflusst, sondern sich - unvermeidlich in der Musik - auch von anderen inspirieren lassen. Das Instrumentalstück "Buttermilk, Part 1" erinnert frappierend an das berühmte "Green Onions" der Stax-Hauskapelle Booker T. And The M.G.'s. Oder das Lied vom Schwimmenlernen eben an Mr. Penniman. Der heute 70-jährige Sly machte fast durchweg tanzbare Musik. Doch war dies nicht sein einziges Anliegen. Er engagierte sich politisch gegen die Rassentrennung. Musikalisch mag der Song "Don't Burn Baby" dafür stehen.

Neben dem Erwähnten finden sich in der Edition weitere Charttopper wie "Everyday People", "Thank You" und "Family Affair". Dazu Monoversionen und Auszüge aus den Alben "Stand!" (1969), "Greatest Hits" aus dem Jahr darauf, "There’s A Riot Goin’ On" (1971) und nach zweijähriger Studiopause dann "Fresh". Dazu gibt’s Livemitschnitte vom dritten Isle Of Wight-Festival im Sommer 1970.

Sly and The Family Stone: "Higher! - The Best Of The Box"
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Das Best of-Album enthält nur 16 Songs, überzeugt aber durch soulige Rhythmen.

Wem die Luxusausgabe etwas zu kostenaufwändig ist, dem sei "Higher - The Best Of The Box" anempfohlen. Darauf hat es zwar nur sechzehn Songs. Aber das hilft auch schon, seine Unkenntnis über Sly & The Family Stone zu beheben. Und im Auto ist die Ausgabe allemal  komfortabler zu transportieren.

Bob Dylan u.a.: "Constructing The Legend", CD, BDA in-akustik

Thomas Hampson u.a.: "Simon Boccanegra", 3CD, Decca

Sly and The Family Stone: "Higher!" 4CD-Box, Epic Legacy Sony Music

Sly and The Family Stone: "Higher! – The Best Of The Box", CD, Epic Legacy Sony Music

Quelle: n-tv.de