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Fast 400 Nutzer-Konten gesperrt Wenn PR-Firmen Wikipedia aufhübschen

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Der Wikipedia-Eintrag von Naomi Campbell wurde geschönt. Dahinter stecken Mitarbeiter einer PR-Firma.

Twitter/NaomiCampbell

Naomi Campbell ist ein Supermodel. Sie hat auch mal Musik gemacht, ihr Album floppte grandios. Das Internet vergisst so was nicht - es sei denn, eine PR-Agentur doktert am Wikipedia-Eintrag herum. Die Praktik ist weiter verbreitet, als man denkt.

Wikipedia ist ein freies Online-Lexikon. "Frei" bedeutet hier nicht nur kostenlos, sondern auch frei für Änderungen aller Art. Jeder Nutzer kann das Portal nicht nur als Nachschlagewerk verwenden, er kann auch selbst Einträge erstellen, korrigieren und erweitern. Besondere fachliche Qualifikationen gibt es nicht: Wer was weiß, darf was schreiben. Eigentlich ein effizientes Konzept, doch es wartet nur darauf, missbraucht zu werden.

Zu den Geschäftsbedingungen von Wikipedia gehört es, dass Nutzer Interessenkonflikte kenntlich machen müssen. Wenn also der "Sohn von" Papas Eintrag verändert, muss er sich aus Gründen der Transparenz identifizieren. Für jemanden, der gegen Geld als Autor im Wikipedia-Netzwerk unterwegs ist, gilt das gleiche. Am 16. Juni 2014 hat Wikipedia seine Regeln entsprechend verschärft. Nun hat das Unternehmen 381 Konten von Nutzern gesperrt, weil sie dagegen verstoßen haben.

Verlust der Glaubwürdigkeit

Auch 210 Artikel wurden gelöscht. Sie seien werbend und oft einseitig gewesen, heißt es auf dem Blog des Unternehmens. Die meisten dieser Einträge betrafen andere Unternehmen, Geschäftsleute oder Künstler, also Institutionen und Personen, die ganz besonders auf ihre öffentliche Wirkung bedacht sind. Doch auch Wikipedia muss ein Image bewahren. Ein Lexikon, das nicht neutral ist, verliert seine Glaubwürdigkeit und damit seinen Wert.

*Datenschutz

Wer bringt beispielsweise die Wikipedia-Einträge der Promis auf Vordermann? Wenn Taylor Swift zum Beispiel einen neuen Freund hat oder die Serie "Game of Thrones" alle Rekorde bricht, dann sind es oft Fans, die das Nachschlagewerk mit frischen Fakten bestücken. Doch gegen Bezahlung möbeln auch PR-Firmen Einträge ihrer Kunden auf. Besonders beliebt: Schandflecken bereinigen - so geschehen bei Naomi Campbell.

Campbell kennt man als 90er-Jahre-Supermodel. Man kennt sie eher weniger als Sängerin und das, obwohl sie doch 1994 ein Pop-Album veröffentlicht hat. "Baby Woman" hieß das und es floppte grandios. "Wenigstens habe ich es versucht", sagte Campbell einmal in einem Interview. Jahre später sollte die Platte trotzdem nicht als "von Kritikern verrissener kommerzieller Misserfolg" bezeichnet werden. Deswegen löschte die PR-Firma Sunshine Sachs laut dem Portal "Wiki Strategies" einen entsprechenden Vermerk.

Objektivität vs Anonymität

Es war demnach nicht die einzige Korrektur, die Mitarbeiter von Sunshine Sachs vornahmen, ohne sich als bezahlte Schreiber auszuweisen und so Wikipedia eine Beurteilung ihrer Änderungen zu ermöglichen. Und die 45-jährige Campbell war auch nicht die einzige Kundin. Auch an den Einträgen zu Woody Allens Ex Mia Farrow, dem US-amerikanischen Journalisten Mark Leibovich und der britischen Sängerin Sarah Brightman wurde gewerkelt.

Der Journalist Jack Carver, der für "Wiki Strategies" die Änderungsverläufe in den Einträgen von Campbell und Co. untersucht hat, konnte feststellen: Die meisten Bereinigungen sind völlig harmlos. Oft verfeinerten die PR-Leute einfach nur den Satzbau oder reparierten kaputte Links in den Referenzen.

Wieso es um Himmels willen da denn nun so wichtig ist, dass Naomi Campbell mal furchtbare Popsongs aufgenommen hat, mag man sich fragen. Wichtig ist das natürlich nicht. Genauso wenig wie ihre Fehlinvestition in eine Restaurantkette oder ihr von einem Ghostwriter verfasstes Buch "Swan", das niemand leiden konnte. Selbst ohne genauere Informationen zu Campbells zahlreichen körperlichen Übergriffen auf Mitarbeiter lässt es sich ganz gut leben. Was aber, wenn politische Interessengruppen historische Fakten verdrehen oder Meinungen neu gewichten? Wenn Wikipedia seinen Mitwirkenden weiterhin Anonymität zusichern will, wird es schwer, die Objektivität der Artikel auf Dauer zu gewährleisten.

Quelle: n-tv.de

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