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Wege aus der DDR 13 Fluchtgeschichten

"Die beiden DDR-Flüchtlinge machten gute Fahrt, jeder versank in Gedanken. Der Kompass zeigte, wo Norden ist." So beschreibt der Leipziger Journalist Constantin Hoffmann die gefährliche Reise von Georg Wagner in einem Faltboot über die Ostsee. 1979 flüchtete der damals 32-Jährige mit einem Freund nach Dänemark. Die Insel Bornholm, die sie von der polnischen Küste aus ansteuerten, lag 110 Kilometer Luftlinie entfernt. 24 Stunden dauerte die Flucht, mit der Angst im Nacken, entdeckt zu werden. In dem Buch "Ich musste raus" erzählt Hoffmann 13 Geschichten von Menschen, die ihren Weg aus der DDR fanden, darunter seinen eigenen. Seit Anfang März ist die Neuerscheinung aus dem Mitteldeutschen Verlag in Halle im Handel.

300.000 Menschen flüchteten

Die innerdeutsche Grenze galt als unüberwindbar. Die DDR-Staatsmacht ließ sie scharf überwachen, ebenso wie ihre Bürger. Hoffmanns Reportagen dokumentieren, warum und auf welch unterschiedliche Weise Menschen das Land verließen. Zwischen 1961 und 1989 kehrte fast eine Million Ostdeutsche der DDR den Rücken, rund 300.000 davon ungenehmigt, schreibt der Autor in seinem Vorwort. Manche gingen nach jahrelangem Warten auf die Genehmigung ihres Ausreiseantrages in den Westen oder nahmen - wie Hoffmanns jüngerer Bruder - 1989 den Weg über die ungarisch-österreichische Grenze. Andere wurden aus dem Gefängnis freigekauft oder sogar zur Ausreise gezwungen, weil sie dem SED-Staat zu unbequem geworden waren.

Hoffmann selbst stammt aus einer christlichen Familie - sein Vater war Pfarrer. Eine Mitgliedschaft in der DDR-Jugendorganisation FDJ oder Wehrdienst kam für ihn nicht in Frage. Der Weg zur Erweiterten Oberschule blieb ihm und seinen vier Geschwistern versperrt. 1976 beantragte Hoffmann erstmals die Ausreise. 13 Mal wurde sein Wunsch abgelehnt. Am 14. Februar 1981 durfte der gelernte Automechaniker schließlich die DDR verlassen. Er holte das Abitur nach, studierte in München Politikwissenschaft und wurde Rundfunkjournalist. Nach dem Mauerfall kam er nach Ostdeutschland zurück und ging zum Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Seit 1993 arbeitet er als Redakteur bei der Fernsehnachrichtensendung "MDR aktuell".

Spannende, detaillierte Schilderungen

Spannend und reich an Details berichtet Hoffmann aus den Biografien von Freunden und Bekannten, allesamt Menschen aus Halle an der Saale. Darunter sind ein Tierarzt, ein Rechtsmediziner, eine Lehrerin, ein Krankenpfleger, ein Kellner und ein Diakon. Fünf davon kehrten nach 1989 zurück. Was diese Menschen gewagt und erlebt haben, stehe beispielhaft für viele andere, sagt der 52-jährige Autor.

"Ich will diese Geschichten zu Protokoll geben", hatte der Journalist sich vorgenommen. Er beschränkte sich dabei nicht auf die Schilderung von Flucht oder Ausreise. Er lässt Fakten sprechen, damit sich der Leser selbst ein Bild von den reglementierten Zuständen in der DDR machen kann. Außerdem erzählt Hoffmann, wie seine Protagonisten später in der neuen Welt zurechtkamen und wie sie die Deutsche Einheit erlebten.

Menschen mit Courage

Den Mitteldeutschen Verlag reizte offenbar genau diese umfassende Betrachtung. "Bei der Prüfung des Manuskripts haben wir sofort gemerkt, dass sich dieses Buch von den anderen Wendepublikationen absetzen wird", sagt die Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit, Joanna Hengstenberg. Das Jubiläum des Mauerfalls vor 20 Jahren sei ein willkommener Anlass gewesen. Doch unabhängig davon besitzen die Geschichten von Menschen mit Courage dauerhaft Gültigkeit und Faszination.

Constantin Hoffmann: Ich musste raus - 13 Wege aus der DDR
Mitteldeutscher Verlag, Halle
224 S., Euro 19,90
ISBN 978-3-89812-612-0

Quelle: ntv.de, Anett Böttger, dpa