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"Oversexed and underfucked" Als Fremde im Schlafzimmer

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Immer mehr heißt nicht immer besser.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Internet beeinflusst Partnerschaften und Beziehungen. Flirten, Spannen, Fremdgehen: Alles, was mit Sex zu tun hat, ist dort zu jeder Zeit bequem und anonym zu haben. In vielen Schlafzimmern herrscht dagegen absolute Flaute. Warum man Sex nicht mit Macht vermischen sollte, das Internet Partnerschaften grundlegend beeinflusst, Dauerbeziehungen immer noch gefragt sind und Unterwäsche rot sein sollte, erklärt die Paartherapeutin und Autorin Felicitas Heyne im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Frau Heyne, der Büchermarkt ist voll von Beziehungsratgebern. Was hat Sie motiviert, ein weiteres Buch dieser Kategorie zu schreiben?

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"Beziehungen werden ganz von allein schlecht", sagt Felicitas Heyne.

(Foto: picture alliance / dpa)

Felicitas Heyne: Mit diesem Thema gehe ich schon seit einigen Jahren schwanger. Ich habe bei meiner Arbeit als Paartherapeutin gemerkt, dass beim Thema Sexualität immer auch das Thema Macht mit hineinspielt. Ein Beziehungskonflikt, der mit Sexualität nichts zu tun hat, wird in das Schlafzimmer der Paare verlagert und schließlich im Bett ausgetragen. Nach dem Motto: "Weil du nicht gemacht hast, was ich wollte, gibt es auch keinen Sex!" Dieses Muster finde ich sehr zerstörerisch. Es ist umso zerstörerischer, weil sich die Paare darüber nicht bewusst sind. Aus diesem Grund habe ich gedacht, das muss einfach mal aufs Papier. Ich habe die Hoffnung, dass man mit Hilfe von "Fremdenverkehr" sich dieses Muster bewusst machen kann, denn erst dann kann man es auch hinterfragen und im besten Falle sogar durchbrechen.

Mit Ihrem Buch "Fremdenverkehr" stellen Sie eine provokante These auf: Im Untertitel heißt es: "Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben". Ist das eine Verkaufsstrategie oder gibt es tatsächlich diese Entwicklung?

Diese Entwicklung gibt es tatsächlich und die wird ihnen auch jeder Paartherapeut bestätigen können. Das hängt vor allem damit zusammen, dass das Internet einen unheimlichen Einfluss auf Beziehungen gewonnen hat. Das sind tatsächlich Dinge wie Cyber-Sex oder Cyber-Pornografie. Es gibt ganz viele Frauen, die stark verunsichert sind, weil sie ihre Männer beim Konsumieren von Internet-Porno-Kram erwischen. Diese Art von ständig verfügbaren, oftmals sogar kostenfreiem und von zu Hause bequem abrufbaren Sex-Angeboten, die vom interaktiven Porno, über Sex- oder Flirt-Chats bis hin zur Seitensprungagentur reichen, ist etwas völlig Neues. Partner wollen am Anfang nur ihren Marktwert prüfen oder ohne Konsequenzen flirten. Bleiben sie dabei, dann geht es oftmals tatsächlich zur Suche nach einem neuen Sex-Partner über, selbst wenn sie noch in Beziehungen stecken. Als Drittes kommt hinzu, das Sex als Thema in den letzten Jahrzehnten in sämtlichen Medien omnipräsent geworden ist. Es wird hier nicht nur der Anschein einer Tabulosigkeit vermittelt, sondern auch Druck aufgebaut. Ständig wird vermittelt, wie man Sex hat, wie man dabei aussieht und sogar, wie man sich dabei fühlen muss. Das ist dann für viele Menschen nicht mehr antörnend, sondern bewirkt genau das Gegenteil. So ähnlich wie bei einem Nerv, der ständig überreizt wird.

Trotz allem scheint Sex zum Machtmittel mit hohem Missbrauchsraten geworden zu sein oder ist das ein altes Phänomen?

Ich glaube, dass es das schon immer gab. Sex war ja in Partnerschaften schon immer eine Währung bzw. ein legitimes Tauschmittel. In der Vergangenheit wurden Beziehungen auf der Basis von Arrangements, Abhängigkeiten und anderen äußeren Umständen zusammengehalten. Frauen sollten ihren Männern Erben gebären und ihnen zu Diensten sein, natürlich auch im Bett. Dafür wurden sie versorgt. Heute ist es nur noch die Liebe, die für eine Beziehung spricht. Religiöse, gesellschaftliche oder moralische Zwänge fallen alle weg. In der Liebe, in diesem heute einzigen Beziehungsklebstoff, sollte Sex ein essenzieller Bestandteil sein, der zusammenführt. Aus diesem Grund ist es für eine Beziehung äußerst gefährlich, wenn sich der Sex gegen die Liebe wendet und als Machtmittel zum Einsatz kommt.

Sie gehen in Ihren Ausführungen in "Fremdenverkehr" aber weit über das Thema Sex in Beziehungen hinaus. Warum?

Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil von Liebe, der allerdings bei Paaren, die schon sehr lange miteinander leben, oftmals bagatellisiert wird. Ich erlebe in meiner Arbeit, dass diese Einstellung für mindestens einen der Partner ein herber Verlust ist. Wenn man Sexualität kleinredet, dann ist das schädlich für die Beziehung. Aber natürlich lebt eine Langzeitbeziehung von viel mehr als von Sex. Aus diesem Grund muss der Ansatz für eine gelungene Dauerbeziehung auch viel breiter gefasst werden. Es geht um das Bewusstmachen von Spielregeln, um Fallstricke und schließlich um bewusste Veränderungen. Es geht um fortwährende Beziehungsarbeit. Bei vielen Paaren in Dauerbeziehungen gibt es Probleme, die sich sehr ähnlich sind. Der Verlust der Lust gehört dazu.

Wieso lesen die Frauen die Beziehungsratgeber und warum winken Männer meistens nur ab?

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Langzeitbeziehungen tragen einen gewissen Zauber in sich.

(Foto: picture alliance / dpa)

Tja, das ist ein Problem, das auch wir als Paartherapeuten oft sehen. Frauen lesen nicht nur die Beziehungsratgeber, sondern schleppen auch ihre Männer zur Paartherapie. Ich schätze mal, 90 Prozent aller Paartherapien gehen von Frauen aus. Ein Erklärungsansatz dafür ist, dass Frauen insgesamt mehr und eher über Probleme sprechen als Männer. Frauen sind zudem sehr viel anspruchsvoller was Beziehungen angeht. Wenn man beispielsweise einen Mann über sein Leben befragt, dann gibt es lange Ausführungen, wie erfolgreich er im Job ist und welche Hobbys er hat und erst zum Schluss wird etwas über seine Beziehung gesagt. Frauen dagegen halten Beziehungen, Partnerschaften und Familie für etwas Grundlegendes in ihrem Leben, das darüber entscheidet, wie glücklich und zufrieden sie insgesamt sind. Frauen haben auch feinere Sensoren, wenn es in einer Beziehung nicht gut läuft. Ich kann immer wieder eine Diskrepanz der Wahrnehmung der Beziehungsrealität zwischen Frauen und Männern vorfinden. Es gibt Paare, die zu mir kommen, bei denen die Frauen seit Jahren unglücklich sind, die Männer jedoch ihre Beziehung oder Ehe als "gut" bezeichnen.

Sie geben in "Fremdenverkehr" handfeste Tipps vor allem für Paare in Dauerbeziehungen. Ist diese Art von Beziehung nicht ein Auslaufmodell?

Nicht ganz. Ich würde sie eher als bedrohte Spezies bezeichnen. Allerdings beobachte ich, dass die Sehnsucht nach etwas Dauerhaftem, nach etwas Besonderem und nach etwas Verlässlichem sehr, sehr groß ist. Dauerbeziehungen können eine Exklusivität, eine Vertrautheit und eine besondere Intimität bergen, die wir in kurzen Beziehungen einfach nicht erreichen können. Ich denke, die Sehnsucht nach diesem einen Menschen, nach dieser Konstante im Leben ist größer, als mancher zugeben kann. In dem Satz: "… bis das der Tod Euch scheidet" kommt das klar zum Ausdruck. Paare, die viele Jahrzehnte miteinander zusammenleben, haben einen großen Schatz an Erlebnissen angehäuft, auf den nur sie beide Zugriff haben. Das Verlangen nach diesem einen besonderen Menschen an meiner Seite ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen ausgeprägt.

Welches ist die größte Gefahr für die Liebe in Langzeitbeziehungen?

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Das Buch ist bei Goldmann erschienen und kostet 8,99 Euro.

Meiner Meinung nach die Sprachlosigkeit, denn das wichtigste in einer Beziehung ist, den Kontakt zueinander zu halten. Das macht man automatisch am Anfang einer Beziehung, doch nach und nach werden bei vielen Paaren echte Gespräche von Alltagsorganisationen überdeckt. Dann geht es nur noch darum, wer die nächste Wasserkiste kauft und was es zum Abendessen gibt. Paare sollten sich jedoch über Themen jenseits des Alltags austauschen, über Wünsche, Träume, Ziele, Ängste, und dabei eine zugewandte Redekultur entwickeln. Bei solchen Gesprächen soll vor allem immer wieder das Wir-Gefühl entstehen. Viele Paare machen das in der Anfangszeit ihrer Beziehung und glauben nach einer Weile, nun alles über ihren Partner zu wissen. Sie hören nach einer gewissen Zeit leider auf zu fragen und auch zu reden. Diese qualitativ hochwertigen Gespräche am Leben zu halten ist deshalb so wichtig, weil sie die Wir-Ebene stärken, so dass zum Schluss ein gefühlter Schulterschluss zwischen den Partnern zustande kommt – etwas Einzigartiges und Verbindendes. Zudem wirkt ein gutes Gespräch zwischen Partnern sehr aphrodisierend.

Wie kann Frau denn ihren langjährigen Partner dazu bringen, die Vorschläge aus ihrem Buch umzusetzen, ohne seine Grenzen zu überschreiten?

Locken kann man die Männer doch ganz gut, wenn man ihnen speziell die Themen Sexualität und Macht vor die Füße rollt. Ich glaube, wenn ein Mann sich nicht auf Vorschläge seiner Frau, beim Sex etwas Neues auszuprobieren, einlässt, dann ist in der Beziehung schon ein sehr kritischer Punkt erreicht oder der Mann verheimlicht etwas. Ich gebe ja genau aus diesem Grund so viele Hinweise in meinem Buch. Sie könnten sich entweder zum "Schlechtesten Sex ihres Lebens" verabreden und schauen, was passiert oder den Vorschlag mit dem Münzwurf einbringen. Je nachdem, ob Kopf oder Zahl zum Vorschein kommt, bleibt Mann oder Frau ganz passiv im Bett. Solche Vorschläge dürften auch bei ihm zu Neugier führen. Zudem sind Männer in den meisten Fällen sehr dankbar, wenn sie klare Anweisungen, ähnlich wie bei Reparaturanleitungen, bekommen. Das alles sollte spielerisch und als ein Ausprobieren angesehen werden. Dann könnte es ein Anfang für eine neue Qualität des Zusammenseins sein. Am besten wirkt es, wenn Frau sich eine Übung aus dem Buch für ihren Mann heraussucht, die sie sich normalerweise nicht ausgewählt hätte. Sie macht ihm damit ein Angebot, das er nicht mehr ausschlagen kann.

Obwohl wir aufgeklärt und offen erscheinen, scheint es den meisten Menschen sehr schwer zu fallen, über Sex und sexuelle Wünsche mit ihrem Partner, der ja die Vertrauensperson Nr. 1 sein sollte, zu sprechen. Warum?

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Felicitas Heyne ist Psychologin und Buchautorin. Sie lebt auf Gran Canaria und bietet Seminare an.

Sexualität ist ein sensibles Thema. Der geeignete Zeitpunkt, über Sex zu reden, ist eigentlich der Anfang einer Beziehung. Leider sind die meisten Menschen in dieser Phase damit beschäftigt, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Dazu kommt, dass man am Anfang einer Beziehung alles richtig machen möchte und deshalb die Hemmschwelle, über Sex zu reden, recht hoch ist. Auch das Vertrauen zueinander ist noch nicht so groß. Zudem gibt es in dieser Phase nicht so viel Redebedarf, denn die Hormone arbeiten stark und das Sexleben ist meistens recht ausgeprägt. Dann, wenn die Lust abflacht und damit die Probleme anfangen, dann sind die meisten der Meinung, dass der Zug abgefahren sei, um sich zu äußern. Nach eineinhalb Jahren Beziehung kann man ja seinem Partner nicht aus heiterem Himmel gestehen, dass man beispielsweise eine bestimmte Stellung überhaupt nicht mag. Beim Reden über Sex schwingt immer ganz viel Angst mit, den anderen zu verletzen, deshalb halten die meisten eben lieber den Mund. Im geschützten und virtuellen Raum des Internets dagegen können viele sehr konkret über Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf Sex reden.

Sie reden in Ihrem Buch auch von gutem Sex. Wie soll der denn aussehen?

So, dass beide Partner Spaß daran haben.

Sie machen in Ihrem Buch ganz konkrete Vorschläge, unter anderem raten Sie zu roter Unterwäsche. Warum?

Es gibt Studien, die beweisen, dass wir in der Linie unserer Primatenvorfahren stehen, für die Rot ja eine Sexualsignalfarbe ist. Bei vielen weiblichen Primaten schwillt ja das Genital an und färbt sich zur Zeit des Eisprungs rot. Es gibt Untersuchungen, nachdem wir Menschen auch ganz unerotische Dinge nur durch die Farbe Rot auf einmal anziehend finden. Werden beispielsweise Fotografien in rote Bilderrahmen gesteckt, dann werden sie interessant. Auch Essen in roten Schüsseln oder Bücher in roten Umschlägen wirken anziehender auf uns als andere Farben.

Der Umschlag Ihres Buches ist auch rot!

Genau aus diesem Grund!

Praktizieren Sie selbst in Ihrer Beziehung die Dinge, zu denen Sie in Ihrem Buch raten?

Aber sicher!

Mit Felicitas Heyne sprach Jana Zeh.

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Quelle: n-tv.de

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