Bücher

Bilder aus Kims Reich Ästhetik des Grauens

Nordkorea ist eines der am meisten abgeschotteten Länder der Erde. Bilder aus dem letzten streng kommunistischen Land der Erde sind rar, die Regierung misstraut ausländischen Journalisten. Nachrichten aus dem Reich Kim Jong-ils haben schon deshalb für viele Menschen etwas Beängstigendes. Was aber geschieht in dem kommunistischen Land, das in unserer Wahrnehmung zwischen künftiger Atommacht und hungernder Bevölkerung pendelt.

Der Verlag "Schwarzkopf und Schwarzkopf" legt in diesem Herbst einen Bildband des Franzosen Philippe Chancel vor: "Nordkorea. Fotografien aus einem abgeschotteten Land". Chancel hat als Fotograf überall auf der Welt gearbeitet und seine Bilder in vielen Ausstellungen gezeigt. In den letzten Jahren hat er seine Reisen vor allem in den südostasiatischen Raum ausgedehnt.

Chancels Fotos zeigen die Inszenierungen der nordkoreanischen Machthaber, ihren Personenkult, ihre Fahnen, Wandmalereien und Parolen. Alles an diesem Land scheint ausgerichtet und genau skaliert. Menschen sind gegenüber dieser staatlichen Macht winzig und ohnmächtig, sie sind eher ein Accessoire als Fahnenträger oder Wimpelhalter. Menschen sind nur Erfüllungsgehilfen, um riesige Bilder vom "Großen Führer" und vom "Geliebten Führer", von glücklichen Kindern und schlagkräftigen Waffen noch ein wenig perfekter darzustellen. Alles in Nordkorea scheint so gigantisch, dass jedes Individuum gefährdet wirkt, zermahlen zu werden.

Überhaupt scheint den Leser beim Umblättern jeder neuen Seite ein wenig mehr das Grauen zu packen. Ein Kinderpalast ohne Kinder, riesige Boulevards ohne Autos, gigantische Plätze – gähnend leer. Es ist ein kaltes Grauen, das aus den Bildern quillt. Die Bilder zeigen Disziplin, Strenge, Beherrschung. Es sind keine Reporter-Fotos, die Chancel präsentiert. Er versucht vielmehr den ästhetischen Ausdruck einer Ideologie einzufangen, ohne selbst ideologisch zu sein. Ein Balanceakt zwischen Darstellung und Entlarvung. Die Menschenfeindlichkeit des Systems erschließt sich hier auf den zweiten Blick oder vielmehr durch die Wiederholung der Vorzeigeobjekte in endlosen Ritualen.

Nur selten ist eine menschliche Kraft zu fühlen. Ein Bild wirkt nach all den Steinwüsten und Fahnenmeeren besonders stark. Ein Mann mit Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, die Tasche in einem Fahrradkorb verstaut, im einfachen weißen Hemd und schwarzer Hose auf einem leeren Boulevard, den Blick in eine verlorene Ferne gerichtet. Verstörender Horror, der ahnen lässt, wie groß das Leid sein muss, wenn es dieser Kulissen bedarf.

Solveig Bach

Philippe Chancel, Michel Poivert, Jonathan Fenby: "Nordkorea. Fotografien aus einem abgeschotteten Land", Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, Oktober 2006,208 Seiten, 45 Euro

Quelle: n-tv.de