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Als Joseph Conrad den Kongo bereiste Aufbruch ins Herz der Finsternis

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Das Abenteuer von Korzeniowski erweist sich als Reise ins Herz der Finsternis.

(Foto: Futuropolis / avant-verlag 2013)

Joseph Conrads "Herz der Finsternis" ist weltberühmt. Nicht nur weil das Buch als Vorlage für "Apocalypse Now" diente, sondern auch weil es eine Anklage gegen den Imperialismus ist. Dabei erlebte Conrad die Gräueltaten im Kongo am eigenen Leib.

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Bald kommt der junge Kapitän hinter das Geheimnis der Handelsgesellschaft: Sie verkauft Elfenbein.

(Foto: Futuropolis / avant-verlag 2013)

Diese Afrika-Karte mit dem großen Fluss, "dieser faszinierenden langen Schlange". Seit seinen Kindheitstagen träumt Konrad Korzeniowski davon, diesen Fluss zu erkunden, einen der letzten weißen Flecken auf der Weltkarte. Und nun schickt er sich an, diesen Traum zu verwirklichen, mit Hilfe einer belgischen Handelskompanie.

Drei Jahre lang will Korzeniowski Kapitän eines Schiffes auf dem Kongo sein und seinen Beitrag zu jenem "großen zivilisatorischen Werk" beitragen, von dem der Direktor der Kompanie spricht. Doch dieser Traum wandelt sich zum Albtraum, von dem er sich physisch wie psychisch nie wieder erholt. Jene Zeit im Kongo öffnet dem jungen polnisch-britischen Seemann die Augen. Er erkennt, welche Wahrheit sich hinter diesen angeblich zivilisatorischen Absichten verbirgt. Und er bringt diese Erfahrung zu Papier.

"Apocalypse Now" und "Aguirre"

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Mühsam kämpfen sich die Europäer durch das unwegsame Gelände. Aber sie haben ja Sklaven, die für sie arbeiten.

(Foto: Futuropolis / avant-verlag 2013)

Im Februar 1899, vor genau 115 Jahren, veröffentlichte jener Konrad Korzeniowski unter dem Namen Joseph Conrad die Novelle "Herz der Finsternis". Darin beschreibt er die unmenschlichen Zustände im Kongo und prangert Kolonialismus und Imperialismus der europäischen Nationen - in diesem Fall Belgiens - an. Das Buch entfaltet bis heute seine Wirkung und gehört zu Conrads bekanntesten Werken.

Das liegt auch an den zahlreichen Adaptionen: Nicht nur der Film "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola basiert darauf, wenngleich er im Vietnamkrieg spielt. Auch Werner Herzog ließ sich von Conrads Buch inspirieren, als er "Aguirre, der Zorn Gottes" mit Klaus Kinski drehte, der einen zunehmend psychotischen Konquistador im südamerikanischen Dschungel mimt. Zudem verwenden mehrere Videospiele Elemente des Buches.

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Die Aufseher kennen keine Gnade: Ungehorsam wird hart bestraft.

(Foto: Futuropolis / avant-verlag 2013)

Wie es zu diesem Buch kam, was Korzeniowski tatsächlich im Kongo erlebte, ist dagegen Thema des Comics "Kongo" Joseph Conrads Reise ins Herz der Finsternis", der im Avant-Verlag erscheint. Unter Verwendung zahlreicher Quellen, darunter Korzeniowskis/Conrads eigene Aufzeichnungen von seiner Reise, erzählen Christian Perrissin (Text) und Tom Tirabosco (Zeichnungen) eindringlich von den Schrecken in der belgischen Kolonie etwa zehn Jahre vor der Jahrhundertwende.

"Boten des Lichts"

Die Autoren orientieren sich in ihrer Geschichte an den realen Erlebnissen Korzeniowskis. Der heuert 1890 als Kapitän bei einer belgischen Firma an, die Handel mit dem Kongo treibt. "Alles, was im Kongo geschieht, dient in erster Linie der Entwicklung des Territoriums und der Befreiung der Völker", wird ihm versichert. Auch seine Tante, zu der er ein erotisch aufgeladenes Verhältnis hat, sieht in den Europäern "Boten des Lichts", die die Afrikaner von grauenhaften Sitten befreien würden.

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Konrad Korzeniowski verzweifelt nahezu an der Unmenschlichkeit des Imperialismus.

(Foto: Futuropolis / avant-verlag 2013)

Doch je näher der Seemann seinem Bestimmungsziel kommt, desto unsicherer wird er, wer denn hier grauenhafte Sitten hat. Er begegnet etwa jenen Männern, die für den belgischen König Leopold II. den Kongo verwalten. Denn die Kolonie gehört nicht etwa dem Staat - sie ist von 1885 bis 1908 Privateigentum des Monarchen. Und der ist nicht zimperlich mit seinem menschlichen "Eigentum".

Schnell stößt Korzeniowski auch auf jenes Geheimnis, das von der Handelskompanie gut gehütet wird: In riesigen Lagerhäusern wird Elfenbein für den Transport nach Europa vorbereitet - und jeder möchte davon profitieren. Doch die Belgier beuten das Land nicht nur hemmungslos aus, sie versklaven auch die Bevölkerung. Um nach Kinshasa zu gelangen, kaufen Korzeniowski und sein Begleiter etwa mehrere Männer von einem Stammeshäuptling.

Das jedoch ist erst die Spitze des Eisberges. Je näher Korzeniowski seinem Ziel kommt, jenem Flussdampfer, der die Schätze des Landes an die Küste bringen soll, je tiefer er in dieses geheimnisvolle, brutale Land eindringt, desto klarer wird ihm, dass die "Boten des Lichts" in Wirklichkeit Handlanger des Teufels sind. Er droht, daran zu zerbrechen.

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"Kongo" ist bei Avant erschienen, hat 176 Seiten im Hardcover und kostet 24,95 Euro.

Perrissin erzählt das auf ungemein spannende Weise. Der Leser wird nicht nur Zeuge der Gräueltaten, er wird auch zunehmend in die Gewissensqualen Korzeniowskis hineingezogen - eine psychologische Ebene, die sich an Conrads "Herz der Finsternis" anlehnt. Wie schon im Roman geht es nicht um grelle Effekte. Vielmehr sind die Abscheulichkeiten latent spürbar und brechen hier und da auf brutale Weise hervor. Das betrifft nicht nur die Misshandlungen der Sklaven, sondern auch die gegenseitige Missgunst, die zunehmend die weißen Kolonialherren befällt. Denn jeder möchte seinen Anteil haben am Reichtum des Kongo.

Anklage gegen den Kolonialismus

Subtil spiegelt sich im Beziehungsgeflecht der Hauptfiguren das Ringen der europäischen Nationen um Kolonien, Schätze und Sklaven. Vorgeblich ziehen alle an einem Strang - sie wollen den Völkern Afrikas ihre "Zivilisation" nahe bringen. Doch tatsächlich ist ihnen dazu jedes Mittel recht, sie werden selbst zu jenen Wilden, die sie in den Einwohnern der Kolonien sehen. So wird "Kongo" zur eindrücklichen Anklage gegen den Kolonialismus - wie schon "Herz der Finsternis", das diese Reise literarisch verarbeitete.

Unterstrichen wird diese Anklage durch die schwarz-weißen, im Monotypieverfahren gestalteten Zeichnungen von Tirabosco. Beeindruckend ist vor allem das Spiel mit den Schatten, die immer wieder auf die Gesichter fallen. Es ist eine Dunkelheit, die dem Innenleben der Protagonisten entspricht.

Daneben schafft es Tirabosco aber auch, das für die Europäer unwirtliche Klima atmosphärisch zu beleben. Die schwüle Hitze raubt ihnen nahezu den Verstand - auf mehreren Seiten erlebt Korzeniowski eine Fiebervision, die in einer Collage mündet, die die Schrecken des Kolonialismus auf einer Seite zusammenfasst.

Auch dies hat einen realen Hintergrund: Schwer erkrankt muss Korzeniowski eiligst zu einem Arzt gebracht werden, schließlich bricht er sein Kongo-Abenteuer ab. Die Spätfolgen der traumatischen Reise - das Fieber und die späteren Depressionen - wird er jedoch nie wieder los. Auch nicht, als er als Joseph Conrad anfängt, Bücher zu schreiben.

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Quelle: n-tv.de

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