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Harter Wettbewerb Autokonzerne "auf Crashkurs"

In der Autoindustrie ist der Verdrängungswettbewerb voll entbrannt. Die wichtigsten Absatzmärkte stagnieren; der zu verteilende Kuchen wächst nicht mehr. Wollen die verbliebenen Autohersteller ihren Marktanteil verteidigen oder gar vergrößern, geht das nur auf Kosten der Wettbewerber. Auf dieser Erkenntnis fußt das neue Buch "Auf Crashkurs"* von Helmut Becker, der die Entwicklung der Autobranche als Chefvolkswirt von BMW in den letzten drei Jahrzehnten hautnah miterlebt hat.

Der Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München zeichnet erstmals ein Bild des Automobilsektors aus globaler Sicht. Er analysiert fundiert, welche Hersteller am besten für den anstehenden Ausleseprozess gewappnet sind und beschreibt schonungslos die Schwierigkeiten des Standorts Deutschland.

Markenvielfalt erschlägt die Kunden

Die westlichen Automobilmärkte sind gesättigt, und die jungen Wachstumsmärkte in Osteuropa und Asien können die fehlende Nachfrage nicht ersetzen. Im Kampf um Marktanteile bauen die Hersteller ihre Modellpaletten immer weiter aus.

"Eine regelrechte Typenexplosion" beobachtete der Autor zuletzt. Massenhersteller wie Volkswagen drängen in das Premium-Segment; Premium-Anbieter wie DaimlerChrysler steigen in die Massenmärkte ein. Auch wenn die Zahl der eigenständigen Hersteller durch Fusionen und Übernahmen von 62 im Jahr 1960 auf heute noch elf geschrumpft ist, nahm die Markenvielfalt weiter zu – mittlerweile gibt es fast 300 so genannter "Brands". Die Kunden verlieren zunehmend die Übersicht.

Becker geißelt die Strategie der Konzerne als "lemminghaftes Investitionsverhalten" mit der Folge, dass die globalen Produktionskapazitäten weit über die weltweite Nachfrage hinausschießen. Experten schätzen, dass jährlich 20 Mio. Fahrzeuge mehr produziert werden könnten als tatsächlich vom Band rollen. Fiat beispielsweise lastet seine Werkshallen nur zu zwei Dritteln aus. Von der Misere der Hersteller profitieren die Kunden. Becker prognostiziert, dass die Automobilpreise inflationsbereinigt in den nächsten zehn Jahren nicht steigen werden. Massive Rabattaktionen werden auch künftig die Käufer locken.

DaimlerChrysler bei den Verlierern

Einige Hersteller sind dem Verdrängungswettbewerb freilich besser gewachsen als andere. Zu den Gewinnern zählen nach Ansicht Beckers Toyota, Nissan, Honda, Renault und BMW. Auf der Verliererseite stehen General Motors, Ford, DaimlerChrysler, PSA, Volkswagen und Fiat. Besonders mit DaimlerChrysler geht Becker hart ins Gericht: "Das Beispiel zeigt, wie ein Premium-Hersteller seine Spitzenstellung durch kontinuierliches Missmanagement verwirtschaften kann." Die schlechtesten Chancen im Überlebenskampf räumt Becker allerdings Fiat ein.

Keine neuen Fabriken in Deutschland

Die Lektüre von "Auf Crashkurs" bereitet keine gute Laune: Die deutsche Automobilindustrie hat am Standort Deutschland ihren Zenit überschritten, heißt es da. Das ist schmerzlich, denn beinahe jeder siebte Arbeitsplatz oder 5,3 Mio. Menschen hängen hierzulande vom Auto ab – angefangen mit dem Bäcker, der die Semmeln für die Werkskantine liefert. Wie sehr all diese Jobs in Gefahr sind, zeigte zuletzt die Krise bei Opel.

Deutschland leide vor allem unter den vergleichsweise hohen Arbeitskosten, schreibt Becker. Selbst gegenüber hoch entwickelten Ländern wie Japan, Frankreich und Großbritannien beträgt der Abstand 20 bis 25 Prozent. Darum glaubt der Autor, dass das BMW-Werk in Leipzig vorerst der letzte Bau einer neuen Fabrik in Deutschland gewesen sein dürfte. Das IWK schätzt, dass in den kommenden Jahren von den rund 780.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Autoindustrie 150.000 verloren gehen. Auch wenn zunächst keine bestehenden Werke geschlossen werden: Neue Investitionen werden wohl nur noch im Ausland getätigt. Bereits heute werden 45 Prozent aller Automobile mit deutschem Markenzeichen im Ausland gefertigt.

China läuft allen den Rang ab

Mit den Problemen der Automobilunternehmen wachsen auch die Schwierigkeiten der Zulieferer, weil die Hersteller den Kostendruck an sie weitergeben. Ihnen fällt der Abbau bestehender Produktionsstätten leichter, weil sie nicht so stark im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Von den 380.000 Arbeitsplätzen in diesem Wirtschaftszweig dürft IWK-Schätzungen zufolge fast jeder dritte aus Deutschland abwandern. China wird von den deutschen Zulieferern mit weitem Abstand vor Osteuropa, den USA, Südkorea und Mexiko als attraktivster Standort beurteilt. Westeuropa rangiert zwar vor Japan und Russland, konkurriert aber direkt mit Indien und Brasilien. Auch wenn die Automobilindustrie noch auf absehbare Zeit das Paradepferd der deutschen Wirtschaft bleibt: Schmerzhafte Maßnahmen wie Werksstillegungen und Belegschaftsabbau stehen an. Mit weißer Salbe sind die Probleme nicht zu lösen, resümiert Becker. Bezeichnend ist der abschließende Satz seiner ernüchternden Bestandsaufnahme: "Also keine Entwarnung!"

Von Johannes Christ

*Helmut Becker: Auf Crashkurs. Automobilindustrie im globalen Verdrängungswettbewerb. Verlag Springer, Berlin 2005, 266 Seiten, 69,95 Euro.

Quelle: ntv.de