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Szenarien für die Zeit danach "Das Ende des Euro" als Neuanfang?

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Steht der Euro vor einer düsteren Zukunft?

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Einführung einer gemeinsamen Währung sollte die Eurozone stark machen. Stark gegen die Übermacht des Dollar. Stark als Wirtschaftsraum. Stark als politische Macht. Große Ziele, aber wurden sie erreicht? Wie stehen Euro und Eurozone heute da? Der Volkswirt Christian Saint-Étienne wagt eine Analyse - mit einem erschreckenden Ergebnis.

Seit 1. Januar 1999 gibt es den Euro - aber nie stand es um die Gemeinschaftswährung schlimmer als derzeit: Die Immobilienkrise, die sich zu einer handfesten Finanz- und Weltwirtschaftskrise ausweitete, ist noch immer nicht ausgestanden. Die Eurokrise ist in vollem Gange. Irland musste von den EU-Mitgliedern gerettet werden. Portugal und Griechenland ebenso. Mit Italien könnte schon bald die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone auf Hilfe angewiesen sein und auch Frankreichs Situation ist alles andere als einfach. Genau in diese Zeit fällt das Erscheinen der überarbeiteten und aktualisierten Neuauflage des Buches "Das Ende des Euro" aus dem Jahr 2009 des französischen Volkswirts und Mitglieds des Conseil d’Analyse Économique (Rat für Wirtschaftsanalyse), Christian Saint-Étienne.

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Christian Saint-Étienne: Volkswirt und ausgezeichneter Buchautor

Ein Schelm, wer angesichts des fast zu perfekten Zeitpunkts Böses denkt. Doch Saint-Étienne hat bereits vor Jahren die Eurokrise und deren Gründe vorhergesehen. Er gilt weltweit als ein angesehener Volkswirt und arbeitete bereits für den OECD und den Internationalen Währungsfonds. Mit der zweiten Auflage seines Buches liefert er eine schonungslose Bestandsaufnahme rund um die Probleme des Euro und die Krise der Eurozone - denn beides ist hausgemacht und Deutschland und Frankreich kommen Schlüsselrollen zu.

Politisch uneins – wirtschaftliche Konkurrenz

Während Deutschland in den 2000er Jahren seinen Haushalt und die Verschuldung weitgehend im Griff hatte, stieg die Verschuldung Frankreichs seit 1998 deutlich an, bei einem gleichzeitig hohen Staatsdefizit. Während Deutschland seine Industrie auf Vordermann brachte, "deindustrialisierte" sich Frankreich. Das hatte zur Folge, dass Frankreichs Anteil am weltweiten Export innerhalb von zehn Jahren um rund ein Drittel von 5,6 auf 3,8 Prozent einbrach.

Dagegen steht Deutschland bestens da: Der ehemalige Exportweltmeister kommt noch immer auf einen Anteil am weltweiten Export von 8,8 Prozent statt zuvor 9,1 Prozent. Noch wichtiger ist aber Folgendes: Während von 1998 bis 2007 die Lohnstückkosten in der EU um 14 Prozent gestiegen sind, kletterten sie in Deutschland nur um 2 Prozent, in Frankreich um 17 Prozent und in Italien um 26 Prozent. Auch wegen der restriktiven deutschen Lohnpolitik steht Deutschlands Industrie heute - trotz Eurokrise - besser da als jedes andere Land der Eurozone und tut nach Aussagen Saint-Étiennes auch alles dafür, damit dieser Wettbewerbsvorteil für die Wirtschaft erhalten bleibt.

Genau darin liegt aber auch die Gefahr. Denn die Eurozone ist weit entfernt davon, ein homogener Wirtschaftsraum zu sein - und nur als solcher kann sie laut Saint-Étienne auf Dauer bestehen. Das ist die These des Franzosen. Ein homogener Wirtschaftsraum beinhaltet neben einem gemeinsamen Steuersystem etwa gemeinsame, verbindliche Produktivitätsziele und Einkommensverteilungen. Bei allen drei Punkten versagt sie laut Saint-Étienne aber. Die Solidarität zwischen den Mitgliedern - typisch für einen homogenen Wirtschaftsraum - gibt es in der Eurozone nicht. Stattdessen herrscht knallharter Wettbewerb. Jedes Land versucht das Beste für sich herauszuholen. "Unkooperative Politik" nennt Saint-Étienne das.

Neben Deutschlands Lohnpolitik führt er Irlands Steuerpolitik als Negativbeispiel an. Die Körperschaftssteuer liegt dort seit über 15 Jahren bei 12,5 Prozent. Diese unternehmerfreundliche Steuerpolitik hat sich auch durch die für das Land existenzbedrohende Krise 2010 nicht gravierend verändert.

Drei Szenarien denkbar

Saint-Étienne kommt zu dem Schluss, dass die Eurozone trotz der einheitlichen Währung keine homogene Wirtschaftszone ist und dass genau das dem Euro und der gesamten Eurozone am meisten schadet. Der Euro suggeriert nur eine "trügerische Einheit", er ist Spielball der einzelnen Länderinteressen. Und obwohl sich die Währung international bewährt hat - so stieg beispielweise der Anteil des Euro an Anleihebegebungen innerhalb von zehn Jahren von 27 auf 49 Prozent -, ist der Dollar aber noch immer die uneingeschränkte Weltleitwährung: Knapp zwei Drittel der weltweiten Devisenreserven laufen auf Dollar, nur rund ein Viertel auf den Euro. Zudem ist der Anteil des Dollar an den globalen Transaktionen an den Devisenmärkten zweieinhalbmal so groß wie der des Euro.  

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"Das Ende des Euro" ist im Börsenbuchverlag erschienen.

Für einen Ausweg aus diesem Dilemma und für eine nachhaltige Bewältigung der Krise zeigt Saint-Étienne drei Möglichkeiten auf: Statt der derzeit zerstrittenen Eurozone braucht es eine echte politische Einheit, angefangen mit der Einführung einer Euro-Wirtschaftsregierung. Das würde sehr lange dauern und viel politisches Fingerspitzengefühl erfordern, wie Saint-Étienne einräumt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, schätzt das Mitglied des französischen Wirtschaftsrats dann auch als sehr gering ein.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, so weiterzumachen wie bisher. Saint-Étienne nennt das "Heftpflaster"-Politik. Die Ursache des Übels wird nicht bekämpft, sondern es wird vielmehr versucht, neue Brandherde mit immer neuen und größeren Rettungspaketen zu löschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Eurozone so weitermacht, schätzt der Volkswirt als sehr hoch ein ("80 Prozent"). Eine langfristige Lösung des Problems funktioniert so natürlich nicht. Die dritte Möglichkeit besteht kurz und knapp im Zerbrechen des Euro nach dem Scheitern der Rettungsbemühungen.

Ein Ende mit Schrecken

Saint-Étienne hofft zwar nicht, dass der letzte Fall eintrifft, aber er sieht darin auch eine Chance. Nach dem Zerbrechen der Eurozone könnte es zur Bildung zweier Währungsräume kommen: Die Überschussländer, allen voran Deutschland, steigen irgendwann aus der Eurozone aus und gründen eine eigene Währung. Saint-Étienne nennt sie "Euromark". Die Defizitländer dagegen, also eher die südlichen Eurozonenstaaten inklusive Frankreich, würden den Euro behalten. Der Bruch käme aber nur dann zustande, wenn die Überschussländer schadlos aussteigen können, wohingegen die Defizitländer das Risiko einer Neubewertung ihrer Staatsverschuldung in Kauf nehmen.

Saint-Étienne kann sich vorstellen, dass der Euro, der dann nur noch die Währung der südlichen Länder wäre, auf 0,8 Euromark fixiert würde. Das käme einer Abwertung von 20 Prozent gleich und diese 20 Prozent entsprechen genau dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder seit der Schaffung des Euro am 1. Januar 1999. Es wäre quasi ein Schritt zurück, für den Weg nach vorn.

"Die Eurozone steht an einem Wendepunkt ihrer Geschichte. Entweder finden ihre Mitgliedsländer die Kraft, die Fundamente einer Wirtschaftsregierung samt Föderalisierung der Zone zu bauen, oder sie müssen sich auf die Möglichkeit gefasst machen, dass die Eurozone zerbricht. Dieses Auseinanderbrechen erfolgt im günstigsten Fall geordnet und wirkt im schlimmsten Fall verheerend."

Das Buch "Das Ende des Euro" erschien in Erstauflage bereits 2009. Das ist auch das einzige Manko, denn viele der Schautafeln und Tabellen beziehen sich noch auf die Jahre 2007 und 2008 und sind deshalb veraltet. In der nun vorliegenden aktualisierten und überarbeiteten Neuauflage erläutert Saint-Étienne dennoch sehr gekonnt die Anfänge und den Ablauf der bisherigen Eurokrise. Er erklärt klar und verständlich, warum der Euro von Anfang an eine Fehlkonstruktion war. Er entlarvt die Maßnahmen der Politik als Flickschusterei und liefert mit seinen drei Entwicklungsperspektiven plausible Ansätze für eine mögliche Zukunft.

Das Buch besticht durch seine sehr gute Lesbarkeit und ist selbst für Wirtschaftslaien verständlich. Ein ganz klarer Pluspunkt.

 

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Quelle: n-tv.de