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Die große Lüge vom Übergewicht Dick, doof und arm?

Politik, Krankenkassen und Pharmaindustrie haben die Übergewichtigen zu Sündenböcken erklärt, weil die Kosten explodieren und das Gesundheitssystem zu kollabieren droht. Diese gigantische Kampagne ist an Verlogenheit kaum zu überbieten, meint Friedrich Schorb in seinem Werk "Dick, doof und arm?".

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Mit kostenlosen Äpfeln, Bananen oder Pflaumen sollten Kinder in Niedersachsen eigentlich zu ernährungsbewusstem Verhalten aufgefordert werden. Doch vorerst gibt es für sie kein Schulobst vom Staat - der bürokratische Aufwand für das EU-Programm sei zu groß, hieß es zur Begründung. Der Soziologe Friedrich Schorb richtet sich gegen eine derartige "Pausenbrotpolizei". Sie ist für ihn ein weiterer Beleg für eine "riesige Übergewichtskampagne", die nicht auf zu vielen dicken Menschen beruhe, sondern vor allem auf Interessen der Industrie.

"Dick, doof und arm?", schon der Titel von Schorbs Werk verrät es: Der in Berlin lebende und in Bremen lehrende Soziologe will provozieren und ist nicht nur um Sachlichkeit bemüht. Er schreibt: "Weder ist Übergewicht ein Killer, noch sind die gegenwärtigen Grenzwerte medizinisch gerechtfertigt." Er versucht, diese These auf 240 Seiten zu belegen. Es gehe vielen nicht um die Gesundheit der Menschen, sondern vielmehr um einen Milliardenmarkt für Diäten, Schlankheitspillen und Fitnessprogramme.

Schorb nimmt sich reihenweise scheinbar eindeutige Fakten vor: So sei die "Kiggs"-Studie zu übergewichtigen Kindern in Deutschland unbrauchbar, weil sie auf völlig unterschiedlichen und viel zu wenig Daten beruhe. Auch die von der Bundesregierung genannte Zahl von 70 Milliarden Euro Gesundheitskosten wegen Übergewichts in Deutschland sei zweifelhaft, denn es werde pauschal behauptet, 30 Prozent der Krankheiten seien ernährungsbedingt.

Zweifelhafter BMI

Schon der "Body-Mass-Index" sei verdächtig, meint Schorb weiter. Viele verwendeten die Formel: Körpergewicht durch Körpergröße mal Körpergröße. Ein BMI-Wert von 25 bis 30 lege Übergewicht nahe, einer über 30 krankhaftes Übergewicht. Den Soziologen wundert die fehlende Diskussion über diese Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie würden einfach übernommen, obwohl viele Menschen nicht zu viel Fett, sondern Muskeln auf die Waage brächten und Asiaten beispielsweise ganz anders gebaut seien als Europäer.

Besonders erzürnt ist der Autor, wenn der "Unterschicht" pauschal unterstellt werde, sie pflege einen Lebensstil zwischen Fast Food und Videospiel. Er sieht hinter den Klagen über dicke Deutsche eine Leistungsgesellschaft, in der Übergewichtige nur im Weg sind.

Zwar gebe es in Wohlstandsgesellschaften viel Übergewicht, räumt der Soziologe ein. Dennoch sei es lange kein so großes Problem, wie es etwa von der Bundesregierung mit ihrem "In Form"-Programm behauptet werde, meint Schorb und fordert einen differenzierteren Umgang mit diesem weiterhin aktuellen Thema.

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Quelle: n-tv.de, Johannes Wagemann, dpa