Bücher

Ungutes Familiengeheimnis Die Sydow-Morde

Hjalmar von Sydow ist im Schweden der 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Mann, Reichstagsabgeordneter und Arbeitgeberpräsident, sein Anteil an den ersten Machtkämpfen mit den Gewerkschaften fehlt in keinem Geschichtsbuch. Ein gutsituierter geachteter Bürger und Patriarch einer anerkannten Familie. Am 7. März 1932 wird er ermordet.

Der Mörder ist sein eigener Sohn Fredrik, der nicht nur den Vater tötet, sondern auch noch zwei Hausangestellte, später noch seine Ehefrau und sich selbst. Den Vater erschlägt er mit einer Eisenstange, auch die Köchin und die Haushälterin, seine Frau Sofie erschießt er nach einer aussichtslosen Flucht, ebenso wie sich selbst. Zurück bleiben Verwandte, Geschwister und ein Kind des Paares, die die Bluttaten kaum verkraften können und darum am liebsten vergessen möchten.

So wächst eine und eine weitere Generation heran, belastet mit einer Familiengeschichte, über die nicht gesprochen wird. Helena Henschen hat zwar einen Vater mit Kindheitserlebnissen und Erinnerungen, ihre Mutter aber scheint dergleichen nicht zu haben. Sie ist die zum Zeitpunkt der Morde 15-jährige Schwester Fredriks und bleibt bis ins Alter traumatisiert von den Ereignissen ihrer frühen Jugend, so sehr, dass sie selbst mit ihren Kindern nicht darüber sprechen kann.

Was diese simple Tatsache für den Alltag der Familie bedeutet haben mag, lässt sich nur erahnen. Helena Henschen bringt sie über 60-jährig dazu, sich noch einmal zurückzubegeben in die Geschichte der Familie ihrer Mutter und den Gründen für die Morde nachzuspüren. Sie kann sich dabei kaum auf Familien-Zeugnisse stützen, alles ist sorgsam vernichtet, das wenige Material ist eher der öffentlichen Person Hjalmar von Sydow gewidmet, einige dürre Polizeiakten bleiben. Und es gibt eine Cousine der Mutter, Monica, die damals genauso viel sah, wie die Mutter und die darüber sprechen kann.

Henschen verfolgt jede mögliche Erinnerung, ist aber frei genug, die nicht füllbaren Lücken mit ihrer Imagination anzureichern. So entsteht ein Sittengemälde aus drogenabhängigen Müttern und Kindern, ungewollten und verheimlichten Schwangerschaften, aus ungelebten Leidenschaften und verschwundenen Müttern, aus wenig Liebe und viel Fassade.

Leicht mag Henschen diese Arbeit nicht gefallen sein, gelungen ist sie ihr allemal. Vielleicht bleiben viele Geheimnisse um die Sydow-Morde, etwa die Frage, warum die Hausangestellten sterben mussten und ob Sofie wirklich mit ihrem Mann gemeinsam sterben wollte, aber was für Henschen sicher Therapie war, liest sich fesselnd und erinnert zudem daran, dass noch zu Zeiten der Großeltern vieles tabuisiert war, was bis in unsere Zeit unselige Schatten werfen kann.

Solveig Bach

Helena Henschen, „Im Schatten eines Verbrechens. Die Sydow-Morde“ Insel-Verlag, Frankfurt/ Main und Leipzig, 2005, 270 Seiten, 19,80 Euro

Quelle: n-tv.de