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Drogen, Huren, Unsterblichkeit Die letzte Nacht eines Radrennfahrers

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Dem schnellen Aufstieg zum Radstar ist Frank Vandenbroucke wohl nicht gewachsen gewesen.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Ein Radprofi, der einst das Zeug hatte, der neue Eddy Merckx zu werden. Eine Prostituierte, für die träumen verboten ist. Und eine Nacht, in der sich die Lebenswege der beiden ungleichen Menschen in einem senegalesischen Hotel kreuzen. Das ist der "Monolog einer Frau, die in die Gewohnheit verfiel, mit sich selbst zu reden".

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Vandenbroucke mit dem Siegerpokal des Radklassikers Lüttich-Bastogne-Lüttich 1999

(Foto: picture-alliance / dpa)

Belgien ist ein Land der Radsport-Verrückten. Der fünfmalige Tour-de-France-Sieger Eddy Merckx ist daran nicht ganz unschuldig. Doch die größten Erfolge unter seinen mehr als 500 Siegen liegen bereits rund 20 Jahre zurück, als Belgien einen neuen Radstar feiert: Frank Vandenbroucke, kurz "VdB" oder auch "Il bambino d'oro" ("Das goldene Kind"). Sein Stern geht bereits Anfang der 1990er als Junior auf: Belgischer Meister und Dritter bei der Straßenrad-Weltmeisterschaft finden Eingang in sein Palmarès. Mit 19 schließt er sich 1993 einem Profiteam an, in dem sein Onkel der sportliche Leiter und sein Vater der Mechaniker ist. Bereits ein Jahr danach ist er Profi. Und schon wollen Radsport-Experten in ihm den neuen Eddy Merckx erkennen.

Seine Erfolge geben den Kennern recht: In den nächsten Jahren dann für den Rennstall Mapei fahrend, sammelt er Etappensiege und Gesamtsiege. Er sichert sich beispielsweise die Österreich-Rundfahrt. Er triumphiert bei Paris-Nizza und Gent-Wevelgem - Rennen, bei denen Radsport-Liebhaber mit der Zunge schnalzen. 1999 folgen im Cofidis-Trikot Siege bei Het Volk und Lüttich-Bastogne-Lüttich. "VdB" ist die neue Lichtgestalt des belgischen Radsports. Allerdings weiß der Star damals noch nicht, dass Lüttich-Bastogne-Lüttich für immer sein größter Triumph bleiben wird.

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Frank Vandenbroucke 2002: Den sportlichen Zenit hat er bereits überschritten.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

"VdB" schmückt längst die Titelseiten nicht nur der belgischen Gazetten. Die Frau an seiner Seite heißt Sarah Pinacci und ist ein italienisches Model. Es heißt damals, dass nur seine irrsinnige Liebe zu ihr ihn zum Sieg in Lüttich getrieben hat. Die Legende sagt auch, dass sie ihn wenige Monate später auch zum Weltmeister gemacht hätte. Hätte. Vandenbroucke stürzt und schafft es mit zwei gebrochenen Handgelenken "nur" auf Platz 7. Ein Medikamentencocktail hilft ihm dabei, so viel weiß man heute.

An diese sportliche beginnen sich nun auch persönliche Tragödien zu reihen. Skandal folgt auf Skandal. Doping, Drogen, Hausdurchsuchung, Scheidung. Die Negativschlagzeilen reißen nicht ab: ein leergeschossener Revolver, ein missglückter Selbstmordversuch. Im Oktober 2009 wird "VdB" tot in einem wenig repräsentativen Hotelzimmer in einer senegalesischen Stadt gefunden. Die Todesursache lautet Lungenembolie. Die Autopsie, von der Familie in Auftrag gegeben, bestätigt das. Dazu wird ein Herzfehler diagnostiziert und ein jahrelanger Drogenkonsum konstatiert.

Ein Buchtitel, der es in sich hat

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Dimitri Verhulst

(Foto: Tessa Verhulst)

Vandenbrouckes Leben bietet Stoff für gleich mehrere Bücher. Dimitri Verhulst ("Die Beschissenheit der Dinge") hat sich der Geschichte angenommen. Herausgekommen ist eine preisgekrönte Novelle auf 94 Seiten, die laut Verhulst selbst als Theatermonolog angelegt war und wegen der Kürze dann erst einmal in seiner Schreibtischschublade verschwand. Erst der Beharrlichkeit seines Lektors ist es zu verdanken, dass es unter dem Titel "Monolog einer Frau, die in die Gewohnheit verfiel, mit sich selbst zu reden" auf den Markt kam. Covadonga verdanken die Leser es, dass es in deutscher Übersetzung hierzulande zu haben ist.

Die Besonderheit an Verhulsts "Monolog …" besteht darin, dass er die letzten Stunden in Vandenbrouckes Leben - der im Buch Jens De Gendt heißt - aus den Augen und mit den Worten der senegalesischen Prostituierten Seynabou schildert. Sie lernt den Radstar als Tourist in einer Disco kennen, ohne zu wissen, wer er ist: "Er ging wie jemand, der es gewohnt ist, Blicke auf sich zu ziehen. Ein Mann mit natürlicher Gravitation. Wo er hereinkam, änderten sich alle Konstellationen."

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Verhulsts "Monolog ..." ist bei Covadonga erschienen.

(Foto: Covadonga)

Seynabou verspricht sich eine nette Nacht, nach ein paar Stunden mit De Gendt glaubt sie sogar an de große Liebe, obwohl sie weiß, wie lächerlich diese Vorstellung ist. Als De Gendt dann nach einem Abstecher auf sein Hotelzimmer zu Seynabou zurückkehrt, ist er wie ausgewechselt. Seine Augen sind wie "tote Seen". Sein natürlicher Charme ist verflogen. Er ist aggressiv, vorsichtig, fast schon paranoid. Sie lässt ihn allein zurück, ohne zu wissen, dass sie einen Todgeweihten vor sich hat und sie selbst danach unter Tatverdacht steht und im Gefängnis landet. "Eben noch ein senegalesisches Mädchen mit einer für unsere Verhältnisse üblichen Zukunft. Dann ein Fitzelchen Hoffnung, an das ich mich festgeklammert hatte, ein möglicher Ausweg. Und dann, pardauz, die kalte Dusche. Träumen verboten!"

Verhulsts Idee, diese junge Frau, die als Senegalesin von vornherein dazu verdammt ist, in Trostlosigkeit zu leben und zu sterben, zur Hauptperson zu machen in dieser letzten Nacht eines Radrennfahrers, ist schlicht und einfach grandios. Als Leser hängt man Seynabou an den Lippen, als sie ihren "Monolog" erzählt, noch einmal in diesem Zimmer stehend, wo ihr Leben eine tragische Wendung nahm. Ihre zugleich naive und liebenswerte Sicht der Dinge ist es, die den Leser fesselt. Dazu ein wenig Zynismus, pointiert gesetzt, etwas Wortwitz und eine rührende Traurigkeit - das alles zusammen machen Verhulsts "Monolog …" zu einem wahren literarischen Kleinod nicht nur für Radsport-Fans. Das beweist auch die jüngste Nominierung als Kandidat für die "Hotlist 2013", eine Art Buchpreis der unabhängigen Verlage.

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Quelle: n-tv.de

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