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Verdammt saubere Sache "Dirty Laundry"

Nichts hält sich bekanntlich länger als Klischees. Zum Beispiel dies: Country Music ist Musik von Weißen für Weiße. Ein Klischee, das selbst Projekte mit gut gemeinten Intentionen wie die Blues Brothers ganz ungeniert pflegen.

Weil nun aber alle Klischees entweder falsch sind, die Wirklichkeit zumindest aber ungenau wiedergeben, sei hier gesagt, dass die Entstehung des „weißen“ Country auf das Engste mit dem Blues verbunden ist. Zweifellos liegen die Ursprünge der oft als reaktionär – siehe Blues Brothers – verschrienen Country in der Tradition der anglo-keltischen Einwanderer in die USA.

Doch der Abraham dieser Musik, A.P. Carter, zuckelte mit dem schwarzen Bluesman Lesley Riddle durch die Lande, gemeinsam lauschten beide den Songs der Eisenbahnarbeiter Prediger und Trapper, um daraus etwas Eigenes zu machen. Jimmy Rodgers und Hank Williams haben eine unüberhörbare Portion schwarzen Bluts in ihren musikalischen Adern.

Dass nun auch Afroamerikaner selbst Countrymusic singen, fällt in der derzeitigen Ray-Charles-Euphorie kaum jemandem auf und ein. Schließlich gelang dem Großmeister des Rhythm & Blues der Durchbruch erst, als er 1962 den Don Gibson-Hit "I Can’t Stop Loving You" so unvergleichlich coverte.

Ray Charles ist auf dem Album nicht vertreten. Die Rechte an den Songs gehören EMI, die dereinst von dem berühmten Hündchen auf den Markt ging, das der Stimme seines Herrn lauschte. Trikont führt in seinem Namen den Zusatz "Our Own Voice", bäckt aber keineswegs kleinere Brötchen. Solomon Burke ist drauf, sicher nicht ganz unabsichtlich mit einem "I Can’t Stop Loving You", das allerdings ein ganz anders ist als der Charles-Hit.

James & Bobby Purify, das Florida-Pendant zum legendären Soul-Duo Sam & Dave, präsentieren eine Version von "Sixty Tons", das in den Fünfzigern durch den weißen US-Amerikaner Tennessee Ernie Ford zu Ruhm gelangte. Das quirlige Pointer-Sisters-Trio ist mit von der Partie, ebenso Etta James, James Brown und Clarence "Gatemouth" Brown. Insgesamt 24 Beiträge zum Thema "Klischeezerstörung". Dazu ein informatives Begleitheftchen.

Das Album hat gewollt zynisch den Titel des Curtis-Mayfield-Song "Dirty Laundry" zur Überschrift. "Schmutzige Wäsche", eine verdammt saubere Sache.

Manfred Bleskin

"Dirty Laundry", Trikont (Indigo), November 2004, 15,99 Euro

Quelle: ntv.de