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Reform der Reform Duden gegen Wahrig

Am 22. Juli kommt der neue Duden in seiner 24. Auflage und im wohlbekannten satten Gelb auf den Markt. Das "Auflaufkind" und auch der weibliche Libero, die "Libera" sind drin, während das öffentliche Fußballgucken "Public Viewing" noch nicht die begehrte Aufnahme in den Olymp der Rechtschreibung geschafft hat.

Doch der Duden, der in seiner 24. Auflage angibt, "das umfassende Standardwerk" zu sein, hat Konkurrenz bekommen. Bereits seit Mitte Juni ist der neue Wahrig, ein gemeinsames Produkt der Verlage Bertelsmann und Cornelsen, auf dem Markt. Mehr und mehr hat sich das Wörterbuch zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für den Duden entwickelt und ihm schließlich seinen Alleinvertretungsanspruch in Sachen richtiger Rechtschreibung streitig gemacht. Nach dem Wirrwarr um die umstrittene Rechtschreibreform wollen nun beide Wörterbücher wieder für mehr Klarheit beim Schreiben sorgen - und über Stolpersteine bei den Regelungen hinweghelfen, die vom 1. August an in allen Bundesländern verbindlich sind.

Die größten Stolpersteine legen sie sich jedoch selbst in den Weg. Wer gedacht hat, jetzt seien alle Plagen mit der Groß- und Klein-, Getrennt- und Zusammenschreibung, kurz, mit all den Freiheiten, die die neue Rechtschreibreform uns zugesteht, vorbei, der irrt gewaltig. Ein Vergleich zwischen den beiden großen Wörterbüchern zeigt, dass beide in vielen Punkten stark von einander abweichen und auch in sich nicht immer stimmig sind.

Der Duden ist nicht nur außen Gelb, sondern auch beim Durchblättern stößt der Leser auf zahlreiche gelb markierte Wörter. Erstmals gibt die Redaktion - gelb hinterlegte - Empfehlungen bei Wörtern, für die künftig verschiedene Schreibweisen zulässig sind. So wird etwa zu "Delfin" statt "Delphin" geraten, zu "aufwendig" statt "aufwändig" und zu "Joghurt " statt "Jogurt". Ausschlaggebend bei der Wahl der Empfehlungen waren der tatsächliche Sprachgebrauch, ein optimales Textverständnis und das Bedürfnis nach einer möglichst einfachen Handhabung der Rechtschreibung. Der Leiter der Duden Redaktion, Matthias Wermke, ist überzeugt, damit den "Nerv der Schreibgemeinde und gerade auch der Schulen" getroffen zu haben.

Die Neuerung ist jedoch nicht unumstritten: Kritiker bemängeln, dass der Duden damit Entscheidungen des "Rates für deutsche Rechtschreibung" vorwegnimmt. Dieser hat im Dezember 2004 seine Arbeit aufgenommen und fungiert seitdem als Sprachwächter. Selbstbewusst stellt der Duden aber seine eigenen Regeln zur "Rechtschreibung und Zeichensetzung" an den Anfang des Buches, während die "Amtlichen Regeln der deutschen Rechtschreibung" nur einen Platz auf den letzten Seiten zugewiesen bekommen haben. In der Tat, es scheint, als haben viele der ausgesprochenen Empfehlungen einen recht willkürlichen Charakter und so wundert man sich, warum es "Strom sparend", aber "energiesparend", oder "wohlriechend", aber "übel riechend" heißt.

Der Wahrig dagegen, der damit wirbt, "endlich Sicherheit" zu geben, spricht nur vereinzelt Empfehlungen aus. "Wir wollen der Arbeit des Rates nicht vorgreifen", sagt eine Bertelsmann-Sprecherin. Schließlich soll die von den Kultusministern eingesetzte Einrichtung die Schreibentwicklung gerade auch bei den möglichen Varianten beobachten. Die Wahrig-Redaktion unterstreicht vielmehr den Übergangscharakter der jetzigen Regelung und auch die Sprachberatung spricht stets von den "derzeit gültigen Regeln". Alle zwei Jahre soll es daher eine neue Ausgabe geben. Der Duden will alle fünf bis sechs Jahre seinen Wortschatz aktualisieren. Im August wird Wahrig allerdings eine "Hausorthografie von A bis Z" mit Empfehlungen für eine Schreibvariante heraus, um etwa Unternehmen eine einheitliche Rechtschreibung anzubieten. Im Januar folgt dann eine Neuauflage des ähnlich angelegten Bandes "Was Duden empfiehlt". Dass die Zeit der Hausorthographien bereits um 1900 mit der Einführung einer einheitlichen Rechtschreibung vorbei war, wird nicht weiter thematisiert. Künftig wird man also nicht mehr beurteilen, ob der Verfasser des Textes Anhänger der alten oder der neuen Rechtschreibung ist, sondern es wird zwischen einem Wahrig- und Duden-Anhänger unterschieden werden – sofern er nicht gleich beide Büchern auf dem Tisch liegen hat.

Von einer einheitlichen Rechtschreibung kann also keine Rede sein. Schon gar nicht, wenn man sieht, wie unterschiedlich die Empfehlungen der Rechtschreibfibeln sein können. Dies betrifft vor allem die Großschreibung von Eigennamen, aber auch die leidige Getrennt- und Zusammenschreibung besonders bei Zusammensetzungen mit Verben. Während Wahrig einen "Blauen Brief" nach Hause schickt, bekommt man vom Duden nur einen "blauen Brief". Ähnlich verhält es sich mit dem "Runden Tisch" bzw. dem "runden Tisch". Im Wahrig ist man "engbefreundet", im Duden "eng befreundet". Auch der Supersommer hat uns im Wahrig "braungebrannt", im Duden hingegen "braun gebrannt".

In Größe, Gewicht und Schriftbild dagegen sind sich die beiden Rechtschreibfibeln sehr ähnlich. Auch bei der Zahl der Stichwörter geben sich die Bände kaum etwas: Der Duden listet rund 130.000 Einträge auf, der Wahrig 125.000. Beide geben einen Überblick über die Rechtschreibregeln sowie das neue amtliche Regelwerk, beide bieten ihr Wörterbuch auch als CD-ROM an, und beide bilden die Vorgaben des Rates zuverlässig ab, wie dessen Geschäftsführerin Kerstin Güthert lobt.

Der neue Duden ist vierfarbig und damit bunter als der Wahrig, kostet aber mit 20,00 Euro genau 5,05 Euro mehr als der Konkurrent. Während der Duden die Schreibweisen vor der Reform 1996 mit dem aktuellen Stand vergleicht, stellt der Wahrig die Schreibungen von 2004 dem neuen Stand gegenüber. Eine Liste mit den Wörtern und Unwörtern des Jahres findet sich zusätzlich im Duden, der Wahrig wiederum wartet mit einem beispielhaften Lebenslauf und einem Bewerbungsschreiben sowie einem Kapitel zur Geschichte der Rechtschreibung auf.

Bei aller Babylonischer oder babylonischer Sprachverwirrung ist nur eins klar: Der Duden hat seine uneingeschränkte Vorreiterrolle in punkto richtiger Rechtschreibung verloren. Dies sieht man nicht zuletzt daran, dass das Vorwort im Duden mit "Die Dudenredaktion" unterzeichnet ist, während für den Wahrig der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair (CSU), das Geleitwort geschrieben hat. Für Schüler und Lehrer sind aber beide Werke kein zuverlässiges Nachschlagewerk. Der Dauerstreit um die Rechtschreibreform wird auch mit dem 1. August nicht zu Ende sein.

Von Esther Siepe mit Material von dpa.

Quelle: ntv.de