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Der Tod ist nicht das Ende von allem Ein Blick in die Welt der Leichen

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Ötzi erwies sich als äußerst nützliche Leiche.

(Foto: picture alliance / dpa)

Tot, aus und vorbei. So denken viele Menschen über ihren Körper nach dem Tod. Aber auch ohne esoterische oder religiöse Überlegungen gibt es ein Leben danach. Denn Leichen können auch postmortal durchaus sehr nützlich sein.

Wenn das Leben zu Ende geht, bleibt ein menschlicher Rest – die Leiche. An ihr drücken die Hinterbliebenen ihre Trauer aus, dann wird sie auf die eine oder andere Weise bestattet. Für Mary Roach ist dieses "Dasein als Leiche" schlicht zu langweilig. Was sie nahtlos zu der Frage führt: "Warum nur daliegen, wenn man interessante neue Dinge tun und sich nützlich machen kann?"

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Das Buch ist zuletzt bei Riva erschienen und kostet 19,99 Euro

Mit dieser Frage im Gepäck macht sie sich auf, "Die fabelhafte Welt der Leichen" zu erkunden. Schließlich sind Tote seit 2000 Jahren "teils bereitwillig, teils unwissentlich an den kühnsten wissenschaftlichen Neuerungen und den sonderbarsten Projekten beteiligt". Sie testeten die erste Guillotine, an ihnen wurden die neuesten Einbalsamierungstechniken ausprobiert, sie wurden benötigt, um die Gurtpflicht durchzusetzen. Für Roach, die bekannt für ihre etwas schrägen populärwissenschaftlichen Bücher ist, sind Leichen im Grunde Superhelden.

Ganz ohne Berührungsängste sucht die Autorin Orte auf, wo Leichen jenseits des Friedhofs ihre Zeit verbringen, als wissenschaftliches Material oder Kunstobjekt beispielsweise. Es ist nicht so, dass Roach nicht ahnt, dass sie mit diesem Thema als verschroben gilt. Aber als neugieriger Mensch erschien ihr der Blick auf tote Menschen zwar auch als absonderlich, mehr noch aber als verlockend, eigenartig und beschreibenswert. Also schildert sie 40 Köpfe in 40 Schalen, die Gesichter nach oben gerichtet – Übungsmaterial für Fachärzte für plastische Chirurgie. Wer sein Wissen über Gesichtsanatomie und Facelifting auffrischen will, sollte diesen Anblick ertragen können. Wer Roachs Buch liest, bekommt die Beschreibung davon.

Viele Facetten

Und das ist nur der Anfang. Leichen werden gezielt bestimmten Verwesungsprozessen ausgesetzt, um Gerichtsmedizinern Erkenntnisse zu liefern. Bestatter versuchen sich an neuen Techniken, die mit Erdbestattung oder Verbrennung nichts mehr zu tun haben. Dafür aber sehr viel mit Gefriertrocknung und Kompostierung. Und auch die gute alte Einbalsamierung findet noch immer ihre Anhänger, wenn sich die Menschen nicht gleich plastinieren lassen.

Doch Roach wirft auch einen Blick zurück auf die ersten Versuche der Rechtsmedizin. Aus Mangel an Forschungsobjekten für den Sektionssaal wurde im 19. Jahrhundert der Leichenraub von Friedhöfen und Leichenhäusern zu einem makabren Geschäftsmodell. Dass diese Taten aus anatomischer Leidenschaft auch den Verbrechern zu schaffen machte, belegen Tagebuchaufzeichnungen, in denen starker Alkoholkonsum immer wieder eine Rolle spielt.

Einen Schnaps braucht man zum Lesen von Roachs Buch nicht, sie schreibt einerseits sehr präzise, aber nie geschmacklos oder larmoyant. Sogar dann, wenn Wissenschaftler mit Leichen Auffahrunfälle oder Flugzeugabstürze nachbilden, tun sie das offenbar immer noch mit einem gewissen Respekt vor den Menschen, die die Leichen einmal waren. Roach gibt ethischen Überlegungen nicht allzuviel Raum, vor allem nicht der Frage, ob Leichen heutzutage überhaupt noch für bestimmte Zwecke eingesetzt werden müssen.

Am Ende ihrer Recherchen stellt sich Roach dann die Frage, was denn nun mit ihrer Leiche werden soll. Die Antwort darauf ist dann trotz aller Erfahrungen gar nicht so leicht.

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Quelle: n-tv.de

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