Unterhaltung
Der Wechsel von einem ins andere Deutschland traf viele Kinder unvorbereitet.
Der Wechsel von einem ins andere Deutschland traf viele Kinder unvorbereitet.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Samstag, 21. April 2012

Ein diffuses Gefühl von Heimatlosigkeit: "Ein Spaziergang war es nicht"

von Solveig Bach

Wer in den 1970er oder 80er Jahren von der DDR in den Westen zieht, hat meist lange um diese Freiheit gekämpft. Viele Künstler und Dissidenten reisen mit der ganzen Familie aus. Ihre Kinder werden oft überraschend aus ihrer Welt gerissen und müssen neu anfangen. Erstmals berichten sie nun von ihren Erfahrungen mit diesem besonderen "Umzug".

Ein Verlassen der DDR war nicht vorgesehen. Dennoch bemühten sich viele Künstler und Dissidenten in den 1970er- und 80er-Jahren darum, aus der DDR ausreisen zu können. Dies war über einen Antrag zur ständigen Ausreise aus der DDR möglich. Allerdings konnte man kaum deutlicher artikulieren, dass man mit der DDR nichts mehr am Hut hatte. Wer bis dahin noch nicht von der Staatssicherheit überwacht wurde, stand spätestens ab der Stellung des Ausreiseantrags unter Dauerbeobachtung. Bis zum Tag, als er die DDR verließ und oftmals noch darüber hinaus.

Aber auch die DDR entdeckte den Rauswurf - politische Häftlinge wurden an die Bundesrepublik verkauft, allzu freien Geistern jahrelange Auslandsaufenthalte nahegelegt, die meist in der Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR gipfelten. 20.000 Menschen verließen so im Durchschnitt in jedem Jahr die DDR.

Aufbruch in eine andere Welt

Das Buch ist bei Heyne erschienen und kostet 19,99 Euro.
Das Buch ist bei Heyne erschienen und kostet 19,99 Euro.

Oft waren es ganze Familien, die nicht nur ein Land, sondern ein Leben zurückließen. Susanne und Anna Schädlich, die Töchter des Schriftstellers Hans-Joachim Schädlich, geben in "Ein Spaziergang war es nicht" den Kindern eine Stimme, die wie sie mit den Eltern die DDR verließen. Schädlich hatte einen Ausreiseantrag gestellt, im Dezember 1977 verließen er und seine Familie die DDR. Damals war Susanne zwölf, ihre Schwester Anna vier Jahre alt.

20 junge Männer und Frauen berichten Jahre nach der Übersiedlung von ihren Erfahrungen mit dem abrupten Heimatwechsel. Von einem Tag auf den anderen blieb alles Vertraute zurück, Freunde, Verwandte, oft auch Spielzeug, der Nachhauseweg und der Lieblingseisladen sowieso.

Die inzwischen erwachsen Gewordenen haben den Verlust ganz unterschiedlich erlebt. Oft hatte es etwas Befreiendes, wenn die Eltern wieder frei sprechen oder arbeiten konnten. Viel ist von der freundlichen Aufnahme durch Freunde und Verwandte die Rede und vom leuchtenden Westen mit seinen vollen Supermärkten und glänzenden Reklametafeln. Doch selbst dann blieb vielen ein Moment der Trauer. Cornelia Franck beschreibt, es sei mit ihr und ihrer Zwillingsschwester Julia ausgereist worden. Sie fühlte sich in die westliche Welt versetzt, eine Versetzung, die trotz der objektiven Verbesserungen nicht ohne seelische Verletzungen abging. 

Lange Nachwirkungen

Von diesen ganz persönlichen Verletzungen erzählen beinahe alle Dissidenten- und Künstlerkinder. Das Außenseiterleben in der DDR wurde abgelöst durch ein neues Anderssein, plötzlich werden die Kinder, die mit Auftrittsverboten und Stasi-Überwachungen vertraut sind, als "Ostler" eingestuft. Die Zeit der privilegierenden Westpakete ist vorbei, stattdessen leben die Neuankömmlinge von Kleider- und anderen Spenden. Aldi-Klamotten sind keine Schätze mehr, sondern stigmatisierende Kleidungsstücke, deren soziale Signale die Eltern nicht verstehen und schon gar nicht ändern wollen.

Manchmal können die Kinder zurückkehren in ihr altes Leben, um die Großeltern oder Freunde zu besuchen. Es sind angstbesetzte, aber auch absurde Ausflüge in das alte Leben, das immer weniger zu dem neuen passen will.

Mit dem Verlassen der DDR beginnt oft eine Phase der Heimatlosigkeit. Der Bruch in ihren Biografien ist schon für die Kinder und Jugendlichen fühlbar und setzt sich oft weit ins Erwachsenenleben hinein fort. Elijah Havemann, Nadja Klier, Moritz Schleime, Moritz Kirsch, Julia und Cornelia Franck und andere erzählen davon zutiefst berührend. Manche Beschreibungen gleichen Skizzen, andere suchen die Annäherung an ihre Erinnerungen im Gespräch, manchmal schwingt Dank an die Eltern mit, manchmal so etwas wie ein Vorwurf. Ein höchst spannender und zutiefst authentischer Blick auf Menschenleben in den Wechselläufen der deutschen Geschichte.

"Ein Spaziergang war es nicht" im n-tv shop bestellen

Quelle: n-tv.de