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"Hydromania" von Assaf Gavron Eine Welt ohne Wasser

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In 60 Jahren wird Wasser das beherrschende Thema sein und der Nahostkonflikt eine überraschendes Ende gefunden haben. Davon geht zumindest der israelische Schriftsteller Assaf Gavron in seinem Roman "Hydromania" aus. Und nach 286 Seiten kann man sich kaum vorstellen, dass es anders kommen könnte.

Im Jahr 2067 herrscht Dürre auf der Welt. China, Japan und die Ukraine kontrollieren die Wasservorräte und bestimmen, wann und wo Regen fällt. Der über 100 Jahre währende Nahost-Konflikt ist beendet, aber durch den Einfluss Chinas hat sich im Nahen Osten das Kräfteverhältnis verkehrt. Den Großteil des ehemaligen Staates Israel beherrschen nun die Palästinenser. Den Juden ist nur eine kleine Enklave an der Mittelmeerküste geblieben. Ihre Hauptstadt heißt nicht mehr Jerusalem, sondern Cäsarea, es gibt keinen Zugang zu natürlichen Wasserquellen und nur dank der schwimmenden Stadtviertel gibt es genügend Platz für alle. Als der um drei Monate verschobene Regen endlich fällt, beginnt die Hydromania, die Jagd nach Wasser. Mittendrin die schwangere Israelin Maja, die keine Wasservorräte mehr hat und den Kampf gegen die mächtigen Wasserkonzerne aufnimmt. Gleichzeitig macht sie sich auf die Suche nach ihren Mann, dem einige Monate zuvor spurlos verschwundenen genialen Wasseringenieur Ido. Dabei kann sie nur auf wenige Verbündete zählen, denn einige ihrer angeblichen Freunde verfolgen eigene Pläne.

Im Mittelpunkt von "Hydromania" steht das Lebenselixier Wasser. In dieser Zukunftsversion beherrscht die mangelnde Verfügbarkeit von Trinkwasser die Gedanken der Menschen so sehr, dass sie Angst haben, zuviel zu schwitzen. Es ist eine Welt ohne Zigaretten, Kaffee, Cola, Schokolade oder Obst – alles Dinge, deren Herstellung zuviel Wasser verbraucht hat. Stattdessen gibt es ein Wasserwirtschaftsministerium und auch der private Wasserverbrauch wird Monate im Voraus geplant. Denn mächtige multinationale Wasserkonzerne kontrollieren nicht nur den Zugang zu Wasserquellen, sie können auch die Regenfälle beliebig verschieben. So zwingen sie die Verbraucher, das nötige Trinkwasser bei ihnen zu kaufen. Wer kein Geld hat, hat kein Wasser und kein Leben. Privatsphäre ist in dieser Welt nur noch eine ferne Erinnerung, denn in der Haut implantierte Silicon-Titan-Chips ermöglichen nicht nur Zahlungsverkehr, Kommunikation und Unterhaltung, sondern dienen auch der Identifizierung und der lückenlosen Überwachung.

Keine reine Utopie

Für "Hydromania" hat Assaf Gavron den israelischen Geffen-Prize für Science-Fiction-Novellen erhalten. Dass sein Roman ausgerechnet in der Science-Fiction-Gemeinde ein solches Echo hervorgerufen hat, hat den Autor überrascht. Er sei eigentlich kein großer Science-Fiction-Fan, verrät Gavron. Seine Motivation, ein Buch über Wasser zu schreiben, sei eigentlich einfach das heiße Wetter in Israel gewesen, das er wirklich hasse. "Ich habe mir einfach vorgestellt, wie es wäre, wenn es noch zehn Grad heißer wäre und wir nicht genügend Wasser zur Verfügung hätten."

Zudem sei sein Roman eher eine Mischung aus verschiedenen Genres als eine reine Zukunftsfantasie. "Es kommen in 'Hydromania' viele neuen Technologien und politische Entwicklungen vor, aber ansonsten ist die Welt dieselbe", betont Gavron. Alle Ideen würden in aktuellen Ereignissen wurzeln: Der Zugang zu Wasserquellen gehe in einigen Länder bereits jetzt in das Eigentum großer Konzernen über; der Fall der USA und der Aufstieg Chinas werde bereits seit Jahren diskutiert. Und was den Ausgang des Nahostkonfliktes angehe, hätten sich in Israel die Grenzen in jeder Dekade verschoben. "Also ist es folgerichtig anzunehmen, dass es in 60 Jahren noch einmal anders aussehen wird", glaubt der Autor. Dass sich die Grenzen in seinem Buch zugunsten der Palästinenser verschoben haben, sei für das israelische Publikum schwierig gewesen. Aber die Wasserproblematik habe die Leser noch mehr bewegt, als der politische Hintergrund.

Tatsächlich trifft der utopische Roman gleich mehrere zeitgeistige Nerven. Die genauen Alltagsbeschreibungen machen den Leser nicht nur durstig, nein, sie erscheinen teilweise als logische Fortsetzung der Gegenwart. Das geht soweit, dass man in Lesepausen beinahe das Gefühl hat, in die Vergangenheit zurückgeschleudert worden zu sein und sich fragt: Wo ist denn schon wieder meine Interface-Brille? Einzig das allzu plötzliche Ende, das einige Fragen offen lässt, verstimmt. Denn weder die Liebesgeschichte, noch die Thriller- oder Science-Fiction-Elemente des erklärtermaßen genreübergreifenden Buches werden befriedigend zu Ende gebracht. Auf der anderen Seite: So ist es manchmal mit der Zukunft. Sie ist immer anders, als man denkt.

Quelle: ntv.de