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Samstag, 21. Mai 2011

280 Seiten Bundeswehr-Mängelliste: Ex-Soldat zeichnet düsteres Bild

von Solveig Bach

So langsam nimmt die Bundeswehrreform Gestalt an. Für viele Soldaten ergibt sich das Bild einer "intransparenten, ressourcenverschwendenden, ungesteuerten Reformarbeit". In seinem "Schwarzbuch Bundeswehr" schaut Achim Wohlgethan aus Soldatensicht auf das, was mit Deutschlands Armee geschieht oder geschehen soll. Sein Urteil ist niederschmetternd.

Das Buch ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 19,99 Euro.
Das Buch ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 19,99 Euro.

Fast 14 Jahre hat Achim Wohlgethan bei der Bundeswehr gedient, als Fallschirmjäger war er unter anderem einer der ersten deutschen Soldaten, die das Feldlager in Kundus mit aufbauten. Er ist ein gestandener Soldat mit Kampferfahrung und hat auch schon früher kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um seinen Arbeitgeber ging. In seinen Büchern "Endstation Kabul" und Ekel vor sich selbst berichtete er von der Härte der Auslandseinsätze für deutsche Soldaten, von versagenden Vorgesetzten, fehlender Ausrüstung und von dem schrecklichen Gefühl, unter diesen Bedingungen kaum einen vernünftigen Job machen zu können.

Nach seinem Abschied von der Bundeswehr hat ihn das Thema nicht losgelassen. Er ist inzwischen Inhaber einer Beratungsfirma für Sicherheit und Medien und arbeitet auch weiter als Autor. Gerade ist sein "Schwarzbuch Bundeswehr" bei Bertelsmann erschienen, für Wohlgethan die logische Fortsetzung der ersten beiden Bücher: "Ich habe versucht, mit den vorherigen Büchern etwas zu ändern und sehe nun, es ist zum Teil noch schlimmer geworden", sagt er im Gespräch mit n-tv.de.

Viel Geld für nichts

Wohlgethan wird diesmal grundsätzlich, er hat unzählige Dokumente gesichtet, und er hat nach wie vor gute Kontakte zu seinen früheren Kameraden. Es geht ihm diesmal um die Frage, was läuft prinzipiell falsch bei der Bundeswehr? Die Zahl der aufgezählten Missstände ist erheblich. "Nach wie vor hat sich bei der Ausrüstung nur sehr wenig verbessert. Nur bei wenigen Einheiten hat sich was getan, im Großen und Ganzen ist der Stand aber unverändert." Diese Tatsache führt Wohlgethan vor allem darauf zurück, dass die Bundeswehr über Jahrzehnte hinweg immer wieder in Pleiteprojekte investiere, aber nichts daraus lerne. Als Beispiele führt Wohlgethan das Transportflugzeug A400M, den NATO-Helikopter 90 oder den Eurocopter Tiger an.

Verteidigungsminister de Maiziére will viel umgestalten.
Verteidigungsminister de Maiziére will viel umgestalten.(Foto: dapd)

Ihn machten diese Pleiteprojekte nur noch wütend. "Es sind nachweislich deutsche Soldaten ums Leben gekommen, weil sie minderwertiges Material hatten. Die Rüstungsindustrie hat Aufträge bekommen und nicht erfüllt, und die wird sie auch in absehbarer Zeit nicht erfüllen." Aber dieses Material würde täglich benötigt. "Wenn ich der einheimischen Rüstungsindustrie treu bleiben will, wogegen ja nichts spricht, muss ich eben deren Material von der Stange kaufen. Das hat sich bewährt, das verwenden andere Nationen auch, das ist günstiger und sofort zu bekommen, damit kann man in einer Übergangsphase arbeiten. " Er könne sich jedoch des Verdachts nicht erwehren, dass bei den Anschaffungsentscheidungen die Interessen der Industrie stärker berücksichtigt würden als die der Armee.

Bundeswehr ist nicht einsatzbereit

"Es sind ja nur knapp 7000 Soldaten im Auslandseinsatz bei insgesamt derzeit noch 240.000 bis 250.000 Bundeswehrsoldaten." Tatsächlich hält Wohlgethan auch nur diese 7000 für wirklich einsatzbereit. Der Rest der Truppe wäre mit einem Einsatz komplett überfordert, so Wohlgethans Einschätzung. Schon jetzt würden zum Teil immer wieder dieselben Kämpfer in den Auslandseinsatz geschickt, weil es einfach keine anderen Ausgebildeten gäbe. Was dies für die Soldaten und ihre Familien bedeute, werde weitgehend ausgeblendet.

Die Bürger in Uniform würden bei allen Überlegungen zur Bundeswehr überhaupt am wenigsten bedacht, so Wohlgethan. Dafür führt er immer wieder bittere Beispiele an. "Was ist mit Soldaten, die mit "Das ist sehr unangenehm" aus dem Einsatz zurückkommen? Warum müssen die beweisen, dass sie überhaupt ein Problem haben? Warum gibt es nicht genügend Betreuer und "Wer kämpfen muss, ist stärker belastet" für diese Soldaten und ihre Angehörigen?"

Feige Generäle

Für die Soldaten werde zu wenig gesorgt, sagt Wohlgethan.
Für die Soldaten werde zu wenig gesorgt, sagt Wohlgethan.(Foto: dpa)

Für die unhaltbaren Zustände bei der Bundeswehr gibt es seiner Ansicht nach viele Verantwortliche. So hätten die Abgeordneten des Bundestags kaum eine Verbindung zu den Streitkräften, selbst im Verteidigungsausschuss sitze gerade mal ein früherer Berufssoldat. Bei ihren Truppenbesuchen aber bekämen die Politiker auch kaum ehrliche Antworten, wenn sie nach den Sorgen der Soldaten fragten. "Soldaten haben immer Respekt ihren Vorgesetzten gegenüber, ob sie die nun mögen oder nicht. So sind sie gedrillt. Das gilt auch für Politiker. Um da eine ehrliche Antwort zu bekommen, muss man das durchbrechen." Auch die Rolle des Wehrbeauftragten sieht Wohlgethan eher kritisch. Der sei zwar die Sammelstelle für Klagen, habe aber anschließend nur ein Vorschlagsrecht und "letzten Endes gar nichts zu sagen".

Und auch die Führungsebenen der Bundeswehr versagen in Wohlgethans Augen. Er habe mit früheren Generälen gesprochen, die sich inzwischen drastisch über den Zustand der deutschen Armee äußerten. Er habe sie gefragt, "warum sie erst dann etwas sagen, wenn sie nicht mehr im aktiven Dienst sind. Und dann wird ganz klar, ab dem Dienstgrad Oberst sind das keine Soldaten mehr, sondern karrierebewusste Leute, die nach oben wollen. Wenn die jemandem auf die Füße treten, können sie das vergessen. Diejenigen, die das ausbaden, sind Dienstgradniedrigere."

Sammelbecken für Gescheiterte?

Für Wohlgethan liegen die Vorteile einer Berufsarmee auf der Hand, er hätte sich einen klaren Abschied von der Wehrpflicht gewünscht. Trotz der deutschen Geschichte müsse vor einer Berufsarmee niemand mehr Angst haben, wenn sie denn kritisch überwacht werde. Allerdings fürchtet er, dass die Bundeswehr ein Problem mit qualifiziertem Personal bekommen wird. "Die Bundeswehr könnte, wie das in der US-Armee schon ist, zum Sammelbecken für diejenigen werden, die nicht unbedingt etwas anderes bekommen. In der US-Armee haben wir bis zu 45 Prozent Analphabeten." Dies mag das deutsche Bildungssystem verhindern, doch die schlechten Beispiele mahnen zur Aufmerksamkeit für ähnliche Entwicklungen.

Achim Wohlgethan findet für seine Ansichten drastische Worte.
Achim Wohlgethan findet für seine Ansichten drastische Worte.(Foto: privat)

Eindringlich mahnt Wohlgethan, dass jede Die neuen verteidigungspolitischen Richtlinien unter dem reinen Sparansatz scheitern muss. Gerade in der Startphase werde die Armee wegen der Umsetzung einer neuen Struktur und der Anschaffung von "vernünftigem Material" mehr und nicht weniger Geld kosten. Langfristig spare man aber nicht zuletzt durch den Abschied von ambitionierten Rüstungsprojekten und die Schließung von 80 bis 100 Standorten in den nächsten sechs bis acht Jahren. Diese unbequemen Wahrheiten müssten ehrlich ausgesprochen werden, sonst könne die Reform der Bundeswehr nur scheitern.

Schmerzvoller Prozess

"Wir werden schnellere, flexiblere Verbände bekommen", ist sich Wohlgethan sicher. "Das ist gut, um schnell reagieren zu können. Das birgt aber auch die Gefahr, dass die Soldaten auch viel schneller wirklich in den Einsatz geschickt werden. Ich vermute, hätten wir diese Truppe schon, hätten wir sie jetzt nach Libyen entsandt." Dafür müsse Deutschland aber klären, welche Rolle es künftig auch militärisch in der Welt spielen wolle.

Wohlgethan hat ein Buch voller Vorwürfe geschrieben, aber auch voller Sorgen. Er spricht aus, was ihm auf der Seele brennt, und was wahrscheinlich auch unter Soldaten heftig diskutiert wird. Gerade sei die Bundeswehr unterfinanziert, schlecht, ausgebildet und mit ihren Einsätzen überfordert. Und in den "Hinterzimmern der Macht" wirkten noch immer "uneinsichtige militärische und politische Verantwortliche". Selbst wenn nicht jedes von Wohlgethans Beispielen zur Verallgemeinerung taugt, wird deutlich, wie groß der Handlungsbedarf ist und dass die Reform kein schmerzloser Prozess sein wird. Die Auseinandersetzung darüber hat gerade erst begonnen.

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Quelle: n-tv.de

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