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Swingerclubs und falsche Vita Houellebecq bleibt ein Rätsel

Wer versteckt sich hinter dem Skandalautor Michel Houellebecq? Ein Provokateur, Rassist, Reaktionär oder Lügner? Der französische Journalist Denis Demonpion hat sich vier Jahre lang intensiv mit der Person des Erfolgsautors beschäftigt und 130 Menschen seines näheren Umfelds befragt. Das Ergebnis seiner minutiösen Recherchen hat Demonpion in "Michel Houellebecq. Die unautorisierte Biografie" in einem kurzen Satz zusammengefasst: "Michel Houellebecq konstruiert sein Leben wie seine Romane - sorgfältig, fleißig und methodisch." Das 300 Seiten umfassende Buch, streckenweise zu langatmig, gibt einen tiefen Einblick in Houellebecqs Leben, ohne jedoch seine undurchsichtige und widersprüchliche Person gänzlich zu demystifizieren.

Demonpion geht bei seiner Arbeit sehr detektivisch vor und lässt keinen Aspekt aus. So erfährt der Leser, dass der Autor von "Elementarteilchen", "Plattform" und "Die Möglichkeit einer Insel" nicht Michel Houellebecq heißt, sondern Michel Thomas. Er soll auch nicht 1958, sondern 1956 geboren sein, hat erfolgreich die französische Eliteschule für Agrarwissenschaft absolviert, danach Film studiert. Der Autor war ein ganz gewissenhafter Beamter in der französischen Nationalversammlung, wohnte in einem Sozialbau, und seine Mutter, Janine Ceccaldi, ist keineswegs tot wie er behauptete.

Interessanter als diese Einzelheiten - Houellebecq ist nicht der erste Autor, der unter einem Pseudonym schreibt und seine Vita in seinem Sinne umschreibt - sind die Parallelen, die Demonpion zwischen dem Leben des Schriftstellers und seinem Werk zieht. Viele der Sexclub-Szenen aus "Elementarteilchen" und "Plattform" stammen aus der Zeit, in der er sich mit seiner zweiten Frau gerne in Swingerclubs im südfranzösischen Cap d'Agde aufhielt. Und der Kontakt mit der Sekte der Raelianer, die von der Unsterblichkeit durch Klonen überzeugt ist, bildete den Stoff zu seiner "Möglichkeit einer Insel".

Aufschlussreich sind auch die Aussagen über die Seilschaften innerhalb des französischen Literaturbetriebs und die Art und Weise, wie Houellebecq von seinen ersten Lyrikerfolgen hin zum umstrittenen Romancier wurde sowie sein Aufsehen erregender Verlagswechsel von Flammarion zu Fayard zu einem Höchstpreis von mehr als einer Million Euro.

Dass sein neuer Verlag dem Autor vor und nach dem Erscheinen der "Möglichkeit einer Insel" Redeverbot auferlegt hatte, um jeglichen Skandal seines für Provokationen bekannten Autors zu vermeiden, hat nichts daran geändert, dass sich das Buch bei weitem nicht so gut verkauft hat wie erwartet - ein Misserfolg, den Houellebecq nach Meinung von Demonpion nur schwer eingesteckt hat. Denn am 2. September stellte er einen 18-seitigen Text mit dem Titel "Sterben" ins Internet, in dem er schreibt: "Ich kann nicht mehr. Ich leide zu sehr. Ich höre auf. Ich mache Schluss. Diesmal bin ich wirklich müde. Ich glaube nicht mehr daran. Ich möchte niemandem wehtun."

Auch auf die Veröffentlichung der "unautorisierten Biografie" reagierte Houellebecq mit dieser Haltung des ewigen Opfers, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch Demonpions zieht. Denn mit Blick auf den Inhalt seiner Biografie lässt Houellebecq wissen, dass er sein eigenes Verhalten "erbärmlich" fände und im Alter von 15 Jahren das Selbstbildnis eines "überlegenen Wesens" entworfen habe, das jedoch im "sozialen Leben furchtbar behindert sei".

Am besten hat die Mutter ihren Sohn beschrieben, der bei jeder Gelegenheit sein Leiden an dieser Welt auf seine "schwierige Kindheit" zurückführt. In einem Interview mit Demonpion fragte die damals 78-Jährige, zu der Houellebecq Anfang der 90er Jahre jeglichen Kontakt abgebrochen hat: "Hat man es nötig, zu klagen und bemitleidet zu werden, um zu existieren. Haben Sie schon einmal vom Komplex des Orest gehört?"

Von Sabine Glaubitz, dpa

Denis Demonpion: Michel Houellebecq -Die unautorisierte Biografie. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 299 S., Euro 19,90. ISBN 3-89602-688-7

Quelle: n-tv.de