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Aram Chatschaturjan Mehr als nur der "Säbeltanz"

Sein "Säbeltanz" erlangte weltweit Erfolg. Aber auch mit Solokonzerten und Ballettsuiten weiß Chatschaturjan zu begeistern. Seine Musik fordert Frieden und entlarvt die Gesellschaft.

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Armenische Volkmusik prägt die Kompositionen Chatschaturjans.

Endlich liegt die Einspielung der bekanntesten Werken dieses großen Komponisten vor, auf einer Doppel-CD, die Mitte der siebziger Jahre unter Mitwirkung des großen russischen Violinisten David Oistrach, der brasilianischen Pianistin Cristina Ortiz und anderen aufgenommen worden waren. Überwiegend begleitet von so großartigen Klangkörpern wie dem London Symphony Orchestra respektive dem London Philharmonic Orchestra sind Kleinode entstanden, die in keiner ordentlichen Klassiksammlung fehlen dürfen.

Chatschaturjan, als Sohn eines pauperisierten armenischen Buchbinders in der georgischen Hauptstadt Tiflis geboren, verkörpert wie kein anderer die kulturelle Vielfalt dieser Region an der Trennlinie zwischen Europa und Asien. Ihm gelang es wie keinem anderen, diese Tradition mit der russischen Klassik zu einem einheitlichen Ganzen verschmelzen zu lassen. Es spricht für die grenzenlose Dummheit Stalinscher Kulturbonzen, dass sie diese Musik dereinst als volksfeindlich denunzierten. Chatschaturjans Musik ist Volkes Musik in des Wortes bester Bedeutung. Sein "Säbeltanz" knüpft an kurdische Elemente an und wurde zu einem weltweiten Erfolg, der sogar eine Bluesrockband wie Love Sculpture mit dem Waliser Dave Edmunds an der Leadgitarre zu einer Aufnahme inspirierte. Die Geschichte des thrakischen Gladiators Spartakus, der sich an der Spitze einer Armee ehemaliger Sklaven gegen das Imperium Romanum auflehnt, wird bei Chatschaturjan zu einem kraftvollen Epos, das Aufbruch, Sieg und Niederlage ebenso eindrucksvoll erleben lässt wie die Dekadenz der Herrschenden.

Wunsch nach Frieden

"Gajaneh" spielt auf einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, in der Sowjetunion Kolchose genannt. Die Akteure sind Angehörige verschiedener, im Kaukasus lebender Völker, was die Musik zu einem einzigartigen Spiegelbild der jeweiligen Kulturen werden lässt. Zweifellos war der Kaukasus im Jahre 1942, als das Werk entstand, alles andere als eine multikulturelle Idylle. Doch in "Gajaneh" widerspiegelt sich der Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben, was nach der Zurückdrängung der Hitlerschen Horden und dem Tode Stalins dann auch - bis zum Ende der UdSSR - zunehmend gelang. Auch das Klavierkonzerte ist ein Zuckerstückerl: Von Prokofjew beeinflusst, fusionieren armenische und westliche Inspirationen zu einer harmonischen Symbiose. Dem aus Rumänien stammendem Virtuosen Mindru Katz am Klavier gelingt es in faszinierender Weise, dies einzufangen.

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Man mag die "Kindheitsbilder" als naiv empfinden, unfertig, in der Frühzeit von Chatschaturjans kompositorischem Schaffen entstanden. Aber mit etwas Phantasie erkennt man die Wurzeln bei den "Bildern einer Ausstellung" des großen Russen Modest Mussorgsky. Dass Oistrachs Einspielung des Violinkonzerts mit dem Philharmonic Orchestra - neben dem "Säbeltanz"- zu den Höhepunkte der vorliegenden Edition gehört, versteht sich fast von selbst.

Bessere Gesellschaft wird entlarvt

Entlarvend die "Maskerade", perfekt aufgenommen vom glorreichen Hollywood Bowl Orchestra. Das Stück reflektiert Borniert- und Gemeinheit der sogenannten besseren Gesellschaft des vorrevolutionären St. Petersburg so, wie sie in der literarischen Vorlage von Michail Lermontow geschildert wurde. Lermontow hat auch gemalt. Unter anderem ein Bild von Chatschaturjans Geburtsstadt Tiflis.

Christina Ortíz, David Oistrach, London Symphony Orchestra, London Philharmonic Orchestra: "ARAM KHATCHATURIAN - Piano Concerto & Violin Concerto, Suites From Gajaneh, Masquerade, Spartacus", 2 CD, EMI Classics.

Quelle: n-tv.de