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Der Dichter und seine Frauen "Von sich aus hätte Hesse nie geheiratet"

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Hesse in seinem Arbeitszimmer in Montagnola.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Am 9. August 1962 stirbt Hermann Hesse in seinem Haus in Montagnola, wo er mit seiner dritten Ehefrau Ninon lebt. Er hinterlässt drei Kinder und auch Enkel. Ein Familienmensch war er nie, auch wenn er drei ungewöhnliche Frauen heiratete. Deren Persönlichkeiten erkundet die Autorin Bärbel Reetz und kommt zu dem Schluss, dass der Dichter im Zusammenleben alles andere als ein normaler Ehemann war.

n-tv.de: Was war Hermann Hesse für ein Ehemann?

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Ninon Hesse 1955 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

(Foto: AP)

Bärbel Reetz: Ich habe mich mit seinen drei Ehefrauen beschäftigt, und glaube, dass man ihn als Ehemann nicht an den Anforderungen messen kann, die man als Frau an einen "normalen" Ehemann hat. Hesse ist ein Künstler und hat auch, unter anderem im Roman "Roßhalde", über die Probleme der Künstler-Ehe geschrieben. Er war davon überzeugt, dass Künstlertum, bürgerliches Leben und Familie nicht zusammen funktionieren.

Er galt als bindungsscheu, war trotzdem dreimal verheiratet. Wie passt das zusammen?

Auf den ersten Blick passt das überhaupt nicht zusammen. Aber man muss bedenken, dass er zum ersten Mal als junger Mann - mit 27 Jahren - heiratete. Zwei Jahre zuvor hatte er eine fast zehn Jahre ältere Frau kennengelernt, die Fotografin Maria (Mia) Bernoulli. Sie stammte aus einer berühmten Basler Gelehrtenfamilie und war sehr emanzipiert für ihre Zeit, dennoch verkörperte sie etwas Mütterliches, und danach sehnte Hesse sich, dessen Mutter kurz vor der Begegnung mit Mia gestorben war. Allerdings hat Mia, wie auch die beiden späteren Ehefrauen, diese Verbindung sehr stark gefordert. Hesse hätte aus eigenem Antrieb vermutlich nicht geheiratet.

Vor allem das Zusammenleben mit Mia Hesse entspricht noch am ehesten der allgemeinen Vorstellung von einem bürgerlichen Eheleben: zwanzig gemeinsame Jahre, drei Kinder, Haus und Garten. Was hatten die beiden für eine Beziehung?

Mia und Hermann Hesse hatten trotz des Altersunterschieds viel Gemeinsames. Als sie ihn kennenlernte, war er ein Buchhandelsgehilfe in Basel, der ein paar Texte zumeist im Selbstverlag veröffentlicht hatte. Mia hat aus Liebe geheiratet, da spielte nicht mit, dass er berühmt war oder berühmt werden könnte. Beide liebten die Musik und sie hatten das Ideal, nicht in großen Städten leben zu wollen. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts ein lebensreformerischer Entwurf, und eines ihrer Vorbilder war Tolstoi. Gemeinsam versuchten sie, dieses ländliche Leben, zunächst in Gaienhofen am Bodensee, auszugestalten. Es wurde ein bürgerlicher Hausstand, stammte doch Hermann Hesse aus einer patriarchalischen, pietistischen Familie, war mit festen Vorstellungen aufgewachsen, wie eine Familie zu funktionieren hatte. Dazu gehörten Haus, Garten und unbedingt auch Kinder.

Die Ehe scheitert, unter anderem, weil Mia Hesse unter den Belastungen, die durch seine künstlerische Arbeit, Haus und Kinder entstanden, zusammenbricht. Wie reagierte Hesse darauf?

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Bärbel Reetz' Buch ist bei Insel erschienen und kostet 16,99 Euro.

(Foto: Suhrkamp Verlag)

Er hat dafür kein Verständnis aufbringen können. Viele Hesse-Biografen haben das Scheitern der Ehe versucht, für Hesse zu schönen, indem sie Mia die Schuld dafür gaben. Sie habe nicht genug Verständnis für seine Arbeit gehabt, sei zunehmend depressiv geworden. Einige blieben bei Hesses Erklärung, Mia sei viele Jahre in Irrenhäusern gewesen. Nach meinen Recherchen war sie nach einem Zusammenbruch, heute würden wir von einem Burnout sprechen, für einige Zeit in einer Klinik, danach noch zweimal in Belastungssituationen. Sie war in ihrer Ehe mit Hesse zunehmend überfordert von den zahlreichen täglichen Aufgaben. Wenn man bedenkt, dass Hesse sich kurz nach der Geburt des dritten Kindes für Monate nach Hinterindien einschiffte, Mia mit zwei kleinen Kindern, einem Säugling, dem großen Haus und einem riesigen Garten allein blieb, versteht man, dass sie an den Rand ihrer Kräfte kam. Diese und andere lange Abwesenheiten Hesses haben entscheidend zum Scheitern dieser Ehe beigetragen und führten zur Trennung.

Nach der Scheidung ordnete Mia Hesse ihr Leben neu. Wie ging ihr Leben nach der Trennung weiter?

Sie war eine sehr kraftvolle, unabhängige Frau und hat ihr Leben nicht nur während dieser Ehe, sondern auch danach ganz fabelhaft gemeistert. So wollte Mia von Hermann Hesse finanziell unabhängig sein. Das war für die damalige Zeit eine ungewöhnliche Haltung. Sie hat Klavierstunden gegeben und im Kino die Stummfilme am Klavier begleitet, hat in ihrem Haus in Ascona an Gäste Zimmer vermietet, ihnen Frühstück gemacht. Ein sehr sympathischer Wesenszug ist Mias Großzügigkeit. Nie war sie nachtragend, hat sich außerordentlich fair bei der Scheidung verhalten. Allerdings musste sie um ihre Kinder kämpfen, da zu dieser Zeit der Mann das komplette Bestimmungsrecht sowohl über das Vermögen der Ehefrau als auch die Kinder hatte. Ihre Briefe zeigen, wie schwer sie mit Hesse gerungen hat. Dennoch verband die früheren Eheleute bis ins hohe Alter eine tiefe Freundschaft.

Nach dem Ende der ersten Ehe hatte Hesse zunächst einmal eine Geliebte, Ruth Wenger. Sie wurde dann allerdings auch seine Ehefrau. Was war sie für ein Mensch?

Neue Bücher über Hesse

Heimo Schwilk, "Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers", Piper Verlag, 432 Seiten, 22,99 Euro

Gunnar Decker, "Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten", Carl Hanser Verlag, 703 Seiten, 26,00 Euro

"Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!" Hermann Hesse. Die Briefe, Band 1, 1881-1904, Suhrkamp Verlag, 661 Seiten, 39,95 Euro

Sie war ein verwöhntes Mädchen. Ihr Vater, Theo Wenger, war ein sehr wohlhabender Fabrikant, der unter anderem die berühmten Schweizer Armeemesser herstellte. Ruths Mutter war eine bekannte Märchenschriftstellerin. Das junge Mädchen war es gewöhnt, dass man ihm jeden Wunsch erfüllte. Und nun lief ihr im Tessin dieser berühmte Dichter Hesse über den Weg. Der passte ganz gut in ihre Menagerie, ich sage das Wort mit Absicht, weil sich Ruth immer mit vielen Tieren umgeben hat. Sie himmelte ihn an, und er fühlte sich geschmeichelt. In Hesses Erzählung "Klingsors letzter Sommer" ist sie die Königin der Gebirge und da spürt man, dass die beiden sehr verliebt waren.

Aber warum heiratet Hesse nach der Flucht aus der Familie erneut?

Die zweite Ehe schloss Hesse, weil der Vater von Ruth Wenger da sehr hinterher war. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte ein Paar nicht einfach so ein freies "Techtelmechtel" haben.

Aus den Briefen der beiden wird deutlich, dass sie am besten in schwärmerischem Abstand miteinander harmonierten und nicht im täglichen Zusammenleben. Wie verlief diese zweite, recht kurze Ehe?

Es war keine normale Ehe. Die beiden haben eigentlich nie zusammengelebt. Hesse scheute zu große Nähe, hatte panische Angst davor, weitere Kinder zu haben. Das sah bei Ruth natürlich ganz anders aus. In einem Brief schreibt sie von sieben Kindern, die sie sich wünschte. Da zog Hesse sich zurück, schrieb, wenn sie nicht zusammen waren, die schönsten Texte, Gedichte, wundervolle Briefe der Sehnsucht. Aber bei Begegnungen kam sehr schnell Missmut auf, machten Hesses Befindlichkeiten, Krankheiten und depressiven Verstimmungen ein Zusammenleben gänzlich unmöglich. Er hat nie mit Ruth eine gemeinsame Wohnung oder ein gemeinsames Haus bezogen. Das hat sie so sehr belastet, dass sie krank wurde. Aber nach drei Ehejahren fand sie die Kraft, zu sagen, aus dieser Verbindung muss ich raus. Sie verlangte die Scheidung und kränkte Hesse damit tief.

Sie hat einmal an ihn geschrieben: "Du lässt meine Liebe auf Dich herunterregnen. Aber Du hältst kaum die Hände auf, um sie zu empfangen." Was sagen diese Sätze über Hesse aus?

Sie zeigen die Kollision mit der Realität, wenn er aus seiner Kreativität herausgerissen wird. Dann war er enttäuscht vom Normalmenschlichen und vom Alltag. Er hatte in seiner ersten Ehe die Erfahrung gemacht, dass er mit Nähe schlecht umgehen kann und deshalb eine gewisse Distanz gegenüber anderen Menschen eingeübt. Ruth drohte emotional zu verhungern. Deshalb löste sie sich aus dieser Verbindung und hat wenige Jahre später in ihrer zweiten Ehe mit dem Schauspieler Erich Haußmann die Zuwendung gefunden, die sie gesucht hatte. Sie bekam einen Sohn, Ezard Haußmann, ist also die Großmutter des Schauspielers und Regisseurs Leander Haußmann.

Das Zusammenleben gelang auch mit der dritten Ehefrau nicht wirklich. Wer war sie?

Die dritte Frau hatte Hesse schon als Jugendliche verehrt. Man kann sagen, es war eine Art Lebensziel von Ninon Dolbin-Ausländer, den Dichter zu heiraten.

35 Jahre war sie an seiner Seite. Wie lief diese Beziehung?

Ninon ist dieses Wagnis offenen Auges eingegangen, sie war ja selbst auch bereits verheiratet. Trotz dieser Ehe mit Fred Dolbin hat sie immer an ihrer Schwärmerei für Hesse festgehalten. Sie war die Aktive, Hesse war eher passiv, hat es sogar abgelehnt, sie zu treffen. Und er wollte auf keinen Fall erneut heiraten. Aber dann ermöglichte einer seiner Mäzene den Bau der Casa Rossa in Montagnola, und da wurde ihm nahegelegt, seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Also lässt er sich noch einmal den "Ring durch die Nase ziehen". Allerdings gestaltete er das Zusammenleben diesmal so, dass er zwar mit Ninon im gleichen Haus lebte, aber auch ungestört sein konnte. Es gab gemeinsame Räume wie das Wohnzimmer, das Esszimmer, die Bibliothek, aber auch komplett abgetrennte Bereiche. Die Verständigung lief oft über "Hausbriefe".

Was war Ninon Hesse für eine Frau, dass sie diese Ehe auf größtmöglichem Abstand nicht nur toleriert, sondern geradezu angestrebt hat?

Von den drei Frauen ist sie diejenige, die ich am schwersten verstehe. Ich kann es mir nur so erklären, dass Ninon in einer Projektion befangen war, denn sie kannte Hesse ja gar nicht, nur seine Bücher, die sie las, seit sie 14 Jahre alt war. Seither schwärmte sie für ihn, schrieb ihm regelmäßig. Das muss im Zusammenleben mit Hesse, bei ihr eine harte Kollision von Wunschbild und Wirklichkeit gegeben haben, aber sie war offenbar entschlossen, diesen Ehetraum zu verwirklichen. Ich denke, sie hat emotional sehr dafür zahlen müssen, aber hat versucht, das zu kompensieren, indem sie ihren eigenen Interessen nachgegangen ist. Sie war Kunsthistorikerin und sehr interessiert an Archäologie, hat Tagungen besucht und ist in Museen und zu Ausgrabungen gereist. Was ich Ninon hoch anrechne, ist, dass sie nach Hesses Tod seinen Nachlass sehr umsichtig und klug geregelt hat. In den vier Jahren, die sie ihn überlebt hat, veröffentlichte sie zum Beispiel Fragmente des Romans "Gertrud", bei denen sie gemerkt hatte, dass sie sprachstärker sind als die von Hesse veröffentlichte dritte Version. Und sie hat mit der Herausgabe von Hesses frühem Briefwechsel mit seiner Familie und Freunden unter dem Titel "Kindheit und Jugend vor 1900" begonnen. Das ist eine großartige Arbeit, die uns die Entwicklung Hesses zum Schriftsteller nachvollziehbar macht.

Welchen Anteil haben Hesses Frauen an seinem Werk?

Ich glaube, dass wir Mia Bernoulli und Ninon Dolbin-Ausländer Hesses Werk mitverdanken, weil beide Frauen ihm die alltäglichen Lasten abgenommen haben und sehr sensibel darauf schauten, dass er Ruhe für seine Arbeit hatte. Bei Ruth liegt der Beitrag vielleicht eher in der Anregung, der Inspiration, die sie für Hesse bot, in dem schöpferischen Moment.

Sie beschreiben Hesse als kränklich und auch als hypochondrisch. Was macht ihn dennoch so spannend für die Frauen?

Ich glaube, dass ihnen seine asketische Erscheinung gefallen hat, auch das Nachdenkliche. Dann war er inzwischen auch berühmt und erfolgreich, auch das hatte sicher etwas Erotisches. Seine Enkelkinder und auch Freunde berichteten außerdem, dass Hesse sehr viel Humor hatte. Wenn er nicht gerade diese finsteren Zeiten hatte, muss er charmant und witzig gewesen sein. Das war offenbar sehr anziehend.

Mit Bärbel Reetz sprach Solveig Bach

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Quelle: ntv.de