Am Ende der Welt regiert die GewaltWanderer, kommst Du nach Feuerland

Wer nach Feuerland kommt, ist Idealist oder hat nichts mehr zu verlieren. Die Natur jedenfalls heißt niemanden willkommen. Doch wenn man Julio Popper betrogen hat und um sein Leben fürchtet, ist einem ohnehin jedes Mittel recht. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwindet.
Drei Männer reiten durch die Einöde. Weit werden sie nicht kommen, das ahnt man schnell. Denn sie befinden sich am Ende der Welt – in Feuerland. Orth, Duca und Kruger flüchten vor den Truppen des Diktators Julio Popper, dem sie Gold gestohlen haben. Bald werden sich ihre Wege trennen, helfen kann ihnen kaum noch jemand.
Nur wenige Menschen leben im 19. Jahrhundert in Feuerland, dem südlichsten Zipfel Südamerikas. Da sind die eingeborenen Yámanas, die von französischen Wissenschaftlern erforscht werden. Da ist die kleine protestantische Missionsstation in Ushuaia, die sich um die kranken Indios kümmert, aber auch den Repressionen der argentinischen Grenzposten ausgeliefert ist. Wer hier dient, wurde strafversetzt in die damals südlichste Stadt der Welt.
Es gilt das Recht des Stärkeren
Schließlich sind da auch die brutalen Truppen von Julio (Julius) Popper. Der rumänische Abenteurer hat sich auf der südargentinischen Halbinsel Paramo niedergelassen, um Gold zu schürfen. Er ist reich geworden und hat Feuerland zu seinem Refugium gemacht, unangetastet von den argentinischen Behörden. Er bringt eigene Münzen und Briefmarken heraus. Fremde Goldsucher verfolgt er jedoch gnadenlos und nach eigenen Gesetzen. Die drei Männer wissen das – sie reiten um ihr Leben.
Christian Perrissin (Szenario) und Enea Riboldi (Zeichnungen) erzählen in der Comic-Reihe „Cap Horn“ (Zack Edition im Mosaik-Verlag) eine äußerst spannende Abenteuergeschichte vor dem Hintergrund der Eroberung des argentinischen Südens im 19. Jahrhundert. Es ist eine harte Zeit, in der das Recht des Stärkeren gilt. Und es sind zwielichtige Gestalten, die Feuerland bevölkern. Hasardeure treffen auf in die Einöde verbannte Offiziere, idealistische Christen auf Abenteurer, die nichts mehr zu verlieren haben. Selbst eine zart aufkeimende Liebe ist geprägt von den schroffen Lebensbedingungen.
Wild und unbezähmbar, mystisch und bezaubernd
Das Schicksal all dieser Menschen verstrickt Perrissin zu einer exzellenten Geschichte mit teils authentischen Ereignissen. Hier gibt es keine Helden und kein Gut und Böse mehr. Tief blicken lässt zum Beispiel die Darstellung der europäischen Wissenschaftler. Ihre Forschungsarbeit zeugt von einem herablassenden Rassismus gegenüber den "Wilden", der typisch für diese Zeit ist. Den Yámanas, einer von vier Gruppen, die damals Feuerland besiedeln, hat der europäische Wissensdurst nichts gebracht. Von dem Volk lebt heute nur noch eine Frau.
So brutal wie die Menschen, so abweisend ist auch die Natur, die zum eigentlichen Hauptdarsteller der Comic-Reihe avanciert – wild und unbezähmbar, mystisch aber auch bezaubernd. Die Zeichnungen Ribaldis sind bestechend. Stürmische Winterlandschaften und Szenen auf tosender See ziehen den Betrachter schnell in den Bann. Der Mensch wird hier zum Spielball der Gewalten. Doch die zerklüfteten und kargen Landschaften spiegeln auch Stimmung und Seelenleben der Protagonisten. So gelingt Perrissin und Riboldi eine ungemein atmosphärische und spannende Comic-Reihe.
Bisher sind in der Reihe "Cap Horn" zwei Bände erschienen, Band 3 ist in Vorbereitung.