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Samstag, 02. Oktober 2010

"Ostalgie international": Wo die DDR ihre Spuren hinterließ

Von Julia Kreutziger

Simsons in Havanna, Bratwürste in Hanoi, Karl-Marx-Denkmal in Addis Abeba: Auch wenn die DDR vor 20 Jahren zerfiel, sie hat in vielen Ländern ihre Spuren hinterlassen. Thomas Kunze und Thomas Vogel gehen ihnen in einem Sammelband nach.

Ist man auf den Straßen Kubas unterwegs, fühlt man sich zuweilen sehr an die DDR erinnert. Da knattern und heizen MZs, Simsons und Schwalben umher. Auch 20 Jahre nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik ist deren Zweirad-Produktion aus dem kubanischen Straßenbild nicht wegzudenken. Es gibt sogar einen Simson-Club in Havanna, weiß Manuel Torres Gemeil, Professor für Verkehrswesen an der Universität in Havanna, zu "Ostzeiten" Student in Dresden.

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Aber der Karibikstaat ist nicht nur die heutige Heimat der DDR-Motorräder. Vor dem Land liegt eine kleine Insel, die den Namen Ernst Thälmann trägt. Bis heute hält sich das Gerücht, dass Fidel Castro die Insel der DDR 1972 zum Geschenk machte. Aber einen Nachweis der Übereignung gibt es nicht.

Was ist geblieben?

Kuba ist nur eines von vielen Ländern, in denen der ehemalige Arbeiter- und Bauernstaat vielfältigen Einfluss hatte. Zwischen 1964 und 1989 waren 22 FDJ-Freundschaftsbrigaden in 16 Staaten tätig. Was ist dort von der DDR geblieben? Gleichzeitig lebten Tausende Menschen aus Angola, Palästina, Vietnam oder Nicaragua zum Studieren und Arbeiten in der DDR. Was haben sie mitgenommen? Wie sehen sie die DDR heute?

20 Jahre nach der Wiedervereinigung gehen Thomas Kunze und Thomas Vogel diesen Fragen in einem Sammelband nach. Die Herausgeber haben unter anderem Journalisten, Diplomaten, Politiker, Bürgerrechtler und ehemalige ausländische Studenten in der DDR für "Ostalgie international. Erinnerungen an die DDR von Nicaragua bis Vietnam" gewinnen können.

Historische Rolle in Afrika

Hans-Georg Schleicher erzählt, dass das stete und aktive Engagement der DDR im Süden Afrikas unvergessen ist. Noch heute würdigten die Regierungen die frühzeitige Unterstützung Ostdeutschlands im Befreiungskampf gegen den Kolonialismus und Rassismus. Schleicher bekommt die Ehre selbst zu spüren: Als ehemaliger DDR-Diplomat stehen ihm viele Türen offen.

Adriano Nantumbo ist einer von vielen ehemaligen DDR-Gastarbeitern aus Mosambik. Er machte in der DDR eine Maurerlehre. (Archivbild vom 27.03.2003)
Adriano Nantumbo ist einer von vielen ehemaligen DDR-Gastarbeitern aus Mosambik. Er machte in der DDR eine Maurerlehre. (Archivbild vom 27.03.2003)(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die intensivste Kooperation pflegte Ostberlin zwischen 1977 und 1990 mit Mosambik: Während 21.000 DDR-Bürger dort Berufsausbildungszentren, Krankenhäuser oder Industriebetriebe aufbauten, empfing Erich Honecker 7000 mosambikanische Gastarbeiter und über 1000 Soldaten zu Weiterbildungskursen in einem abgeschirmten Lager bei Teterow.

Doch nicht nur Erwachsene kamen in die DDR. Die Journalistin Carola Dorner erinnert in ihrem Beitrag an die "DDR-Kinder" von Namibia. Zwischen 1979 und 1989 wurden 430 Kinder ausgeflogen, deren Eltern entweder im Befreiungskampf involviert oder dem bereits zum Opfer gefallen waren. In der DDR sollten die Kinder zur späteren Elite eines befreiten Namibia erzogen werden. Doch die Theorie ging nicht auf: Nicht nur entfernten sich die Kinder von ihrem Heimatland und lebten sich schnell in Ostdeutschland ein. Der Fall der Mauer führte zu einer überstürzten Rücküberführung, die für viele Kinder die "schlimmste Zeit ihres Lebens" war. Von Elite keine Spur. Viele von ihnen leben heute wieder in Deutschland. Weder hierzulande noch in Namibia fühlen sie sich richtig angekommen.

Spurensuche in Fern- und Nahost

Die Autoren zeichnen ein unterschiedliches Bild von der DDR: von ostalgischer Verklärung bis zur kritischen Reflexion.
Die Autoren zeichnen ein unterschiedliches Bild von der DDR: von ostalgischer Verklärung bis zur kritischen Reflexion.(Foto: Ch. Links Verlag)

In Vietnam herrscht eine ungeschmälerte Sympathie für Ostdeutschland – und Westdeutschland. Verantwortlich dafür sind auch die ehemaligen vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiter, die nach der Wende zurück in ihr Heimatland gingen. Sie haben erfahren, dass der DDR und ihrem Heimatland das Schicksal eines geteilten Staates gemein ist. Clauspeter Hill, Leiter des Rechtsstaatsprogramms für Asien, beschreibt die Unabhängigkeit von Fremdbestimmung als das höchste Ziel der Vietnamesen. Die Ostdeutschen haben dieses Ziel erreicht. So ist es den Vietnamesen gleich, ob die Deutschen heute im Sozialismus oder Kapitalismus leben.

Nach ihrer Rückkehr haben viele Vietnamesen vereinsartige Gruppen gebildet, wie die "Moritzburger Kinder" und "Freiberger". Regelmäßig kommen sie noch heute zusammen. Nicht wenige von ihnen bringen ihren Kindern Deutsch bei. Neben der Sprache haben sie auch eine ostdeutsche Spezialität importiert: In Hanoi kann man original Thüringer Bratwürste mit Bautzner Senf schmausen.

Thomas Kunze vertritt die Konrad-Adenauer-Stiftung in Zentralasien und lebt in Taschkent.
Thomas Kunze vertritt die Konrad-Adenauer-Stiftung in Zentralasien und lebt in Taschkent.(Foto: Thomas Kunze)

Eher verhalten erinnern sich die Syrer an ihren Studienaufenthalt in Ostdeutschland. Houssein Karahamo hatte nach seiner Rückkehr das Gefühl, der erste „Ossi“ zu sein, lange bevor der Begriff mit der deutschen Einheit entstanden ist. Etablierte syrische Beamtenschichten und Institutionen lehnten die DDR-Absolveten ab, schikanierten sie sogar. Für die daheim gebliebenen Syrer waren sie gottlose Kommunisten. Dennoch haben viele Karriere gemacht, wie Karahamo, der heute als Übersetzer und Dolmetscher an der syrischen Botschaft in Berlin tätig ist.

Kurzweilig und abwechslungsreich

Kunze und Vogel ist ein kurzweiliges und vielfältiges Buch gelungen. Die einzelnen Beiträge beleuchten nicht nur die Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik der DDR. Sie setzen sich darüber hinaus auch mit den DDR-Überresten in den Bereichen Fernsehen, Malerei, Zeitschriften und Internet auseinander und bieten so viel Abwechslung.

Thomas Vogel ist Redakteur der Schweizer Nachrichtensendung "Zehn vor zehn" in Zürich.
Thomas Vogel ist Redakteur der Schweizer Nachrichtensendung "Zehn vor zehn" in Zürich.(Foto: Thomas Vogel)

Fast alle Kapitel werfen einen Blick in die Vergangenheit, um die Ostalgie heute überhaupt beleuchten zu können. Doch nicht allen Autoren gelingt es, einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, so dass deren Texte bei der Geschichtsnacherzählung verharren und oftmals bereits bekannte Fakten preisgeben. Umso mehr erfreuen die vereinzelten persönlichen Erzählungen und Schicksale, die einen lebendigen, authentischen und spannenden Bezug zur heutigen Zeit geben.

Thomas Kunze, Thomas Vogel (Hg.) 2010: Ostalgie international. Erinnerungen an die DDR von Nicaragua bis Vietnam, Berlin: Ch. Links Verlag.

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Quelle: n-tv.de