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Schnitzeljagd mit Leichen "Abgeschnitten" lässt Hollywood alt aussehen

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Moritz Bleibtreu glänzt in "Abgeschnitten".

(Foto: picture alliance/dpa)

Sebastian Fitzek ist Deutschlands bekanntester Thriller-Autor. Jedes seiner Bücher ist ein Bestseller, viele wurden verfilmt. "Abgeschnitten" schlägt dabei ein neues Kapitel auf und zeigt eindrucksvoll, dass deutsches (Heim-)Kino auch mit Blut, Horror und Thrill umgehen kann.

Stephen King ist nach wie vor der "King of Horror". Jedes Jahr erscheint ein neues Buch, jedes Jahr damit ein neuer Bestseller - und das bereits über Jahrzehnte. Auf die Bücher folgen Verfilmungen als TV-Film, Streamingserie, Kino-Blockbuster. Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Deutschland hat auch einen Stephen King, einen schier nimmermüden Schriftsteller, der einen Bestseller auf den nächsten folgen lässt: Sebastian Fitzek. Auch seine Werke werden verfilmt, neuerdings eben auch fürs große Kino: "Abgeschnitten". Und dieser 130-Minüter ist der Beweis, dass deutsches Kino eben nicht nur romantische Komödien fabrizieren kann, sondern auch knallharte Thriller, die für ein flaues Gefühl in der Magengrube sorgen.

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Sebastian Fitzeks gleichnamiger Bestseller liefert die Vorlage für "Abgeschnitten".

(Foto: picture alliance/dpa)

"Abgeschnitten" verbindet die losen Schicksalsenden mehrerer Menschen zu einem festen Seil puren Überlebenswillens. Da wäre etwa die junge Linda (Jasna Fritzi Bauer; "Barbara", "About a Girl"), die vor ihrem stalkenden und gewalttätigen Ex-Freund nach Helgoland geflohen ist, aber das Gefühl nicht los wird, dass ihr Freund ebenfalls bereits auf der Insel ist und ihr an die Wäsche will. Das gleiche Ziel haben zwei Männer, die sie eines Abends in der Dorfkneipe anquatschen. Sie verlässt das Etablissement, tritt in die stürmische, rabenschwarze Nacht, geht ein paar Meter - und fühlt sich beobachtet. Sie hört Stimmen, rennt los und landet unsanft nach einem Sturz irgendwo klippenabwärts auf einem Küstenstreifen.

Ein klingelndes Handy weckt sie aus ihrer Bewusstlosigkeit. Sie geht dem Läuten nach und findet das Handy bei einer Leiche. Ungläubig schaut sie sich um: Versteckte Kamera, oder was? Das gleiche Gefühl überkommt auch den Berliner Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu; "Das Experiment", "Elementarteilchen"), als er bei einer Autopsie erst seinen neuen Praktikanten sieht, einen steinreichen Schnösel, der kein Blut sehen kann. Und dann, als er in der Leiche, die er gerade untersucht, einen Zettel mit einer Telefonnummer findet. Nicht irgendeine Nummer - die Handynummer seiner Tochter Hannah. Sie wurde entführt und die Spuren deuten auf Helgoland.

Leichen pflastern seinen Weg

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Jasna Fritzi Bauer und Farih Yardim runden das Schauspielerensemble von "Abgeschnitten" perfekt ab.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ab diesem Zeitpunkt nimmt "Abgeschnitten" so richtig Fahrt auf und wird zu einer Art Schnitzeljagd mit Leichen. Die Entführung von Herzfelds Tochter war offenbar von langer Hand geplant und verfolgte ein konkretes Ziel: Herzfeld muss sich seiner Vergangenheit stellen, es geht um einen früheren Fall, in dem der Rechtsmediziner anscheinend eine falsche Entscheidung getroffen hat und nun mit der Entführung und dem Tod seiner Tochter dafür bezahlen muss.

Mit seinem neuen Praktikanten macht sich Herzfeld Richtung Helgoland auf. Vor Ort spannt er Linda und seinen alten Kumpel Ender Müller (Fahri Yardim; "Der Medicus", "Almanya", "Tatort") ein und verlangt beiden genau wie sich selbst alles ab bei der Suche nach weiteren Hinweisen zum Aufenthaltsort seiner Tochter. So muss Linda etwa eine Leiche obduzieren und sich ebenso wie Herzfeld ihrer Vergangenheit stellen, denn ihr Ex-Freund ist auf Helgoland. Aber auch der Entführer Hannahs. Das verspricht einen überraschungsreichen und blutigen Showdown - und der wird auch geliefert.

  Die Fitzek-Pipeline ist gut gefüllt

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"Abgeschnitten" erscheint am 29. Mai auf DVD und BD.

(Foto: Warner)

Aber es ist nicht nur der Showdown am Ende von "Abgeschnitten", der zeigt, dass der Film Hollywood-Format hat. Es sind vor allem die Schauspieler, die "Abgeschnitten" in die für die deutsche Filmbranche bisher ungekannte Thriller-Höhen führen. Mit Bleibtreu und Yardim spielen gleich zwei der beliebtesten deutschen Darsteller überhaupt mit. Bleibtreu gibt den taffen, sorgenden Familienvater mit Ecken und Kanten. Hier mal etwas Jähzorn, dort kalt wie eine Hundeschnauze. Der Zuschauer merkt schnell: Herzfeld würde für das Leben seiner Tochter alles geben - und noch mehr.

Und Yardim? Er sorgt für die komischen Momente im Film, für den Humor, für die Hamburger Kodderschnauze, für coole Sprüche und den ein oder anderen Überraschungsmoment. In manchen Momenten fühlt sich der Zuschauer bei ihm an John "Yippie-Ya-Yeah-Schweinebacke!" MacClane erinnert. Mehr Lob geht nicht! Das gleiche gilt auch für Jasna Fritzi Bauer, deren Figur Linda sich vom ängstlichen und eingeschüchterten Mädchen zu Beginn des Films zur rotzfrechen, coolen und selbstbewussten jungen Frau mausert.

Bei der Besetzung hat Regisseur Christian Alvart ("Antikörper", "Fall 39") also alles richtig gemacht. Wie überhaupt alles stimmig ist: die Action-Sequenzen, die es durchaus gibt; die Plot-Twists, bei denen er sich an die Bestsellervorlage Fitzeks hält; die Geräuschkulisse, die mal bedrohlich ausfällt, mal mit Charme überzeugt. Auch Helenes "Atemlos" darf da nicht fehlen, ein Brüller.

Und so wird aus dem flauen Gefühl im Magen während des Films am Ende ein breites Grinsen im Gesicht, dank der Gewissheiten: Sebastian Fitzek kann Stephen King das Wasser reichen; Deutschland kann hochspannende Thriller auch abseits von Weltkriegs-Themen; Und: Mit "Auris" stünde der nächste Bestseller für einen Kino-Verfilmung bereit. Wenn es dagegen in Richtung Streamingdienste gehen sollte: "Augenjäger" und "Augensammler". Auf geht's!

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Quelle: n-tv.de

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