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Märchen, Lovestory, Horror "Border" sprengt alle Grenzen

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Sehen so Trolle aus?

(Foto: Capelight)

Angst, Wut, Schuld riechen können? Mit dieser Gabe kann man es weit bringen. Tina bringt es bis zur schwedischen Grenzbeamtin. Dort deckt sie einen Kinderpornoring auf. Dort trifft sie einen geheimnisvollen Mann. Ihm zufolge sind weder er noch Tina Menschen.

Tina hat keine Model-Figur. Jede Form von weiblicher Grazie ist ihr fremd. Dennoch ist ihre Erscheinung bemerkenswert. Sie fällt auf: Tinas Gesicht wirkt seltsam geschwollen, ihr Blick ist stechend und ihr Körperbau kraftvoll. Für ihren Beruf als schwedische Grenzbeamtin kommt ihr all das zugute - und auch die Tatsache, dass sie über einen ultrafeinen Geruchssinn verfügt. Tina hat die Gabe, Angst, Scham und Schuld anderer Menschen riechen zu können.

So wird sie in ihrem Job auf einen Mann aufmerksam, der für alle anderen ihrer Kollegen unbemerkt geblieben wäre. Tina schnüffelt, rümpft die Nase, lässt sich sein Smartphone geben, riecht daran - und zieht angewidert eine Speicherkarte heraus. Darauf sind Kinderporno-Bilder. Gehört der Mann zu einem Pädophilenring, der sein Unwesen in Schweden und dem angrenzenden Finnland treibt? Die Polizei ist hellhörig und ermittelt.

Es ist der Geruch

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Geh' zur Grenzpolizei, da erlebst du was!

(Foto: Capelight)

Ein guter Tag für Tina. Besser als der durchschnittliche Alltag, der davon geprägt ist, dass die junge Frau nach getaner Arbeit in ihr abgelegenes Haus kommt. Dort wartet nur ihr Freund Roland mit seiner Hundezucht, eine warme Mahlzeit und viel Langeweile. Tina schläft nicht mit Roland, das kann und will sie nicht: Kinder kann sie eh nicht bekommen. Meistens besucht Tina dann noch ihren Vater in einem Pflegeheim. Sie wechselt ein paar Sätze mit ihm, das war es dann aber auch schon. Und am nächsten Tag der gleiche Trott.

Die gefundene Speicherkarte geht ihr aber nicht mehr aus dem Sinn. Wie können Menschen nur so etwas den Schwächsten ihrer Gemeinschaft antun? Sie forscht nach, landet bei einer Wohnung, klingelt, ein Baby schreit. Die Tür öffnet sich und Tinas Geruchsinn meldet sich sofort. Hier stimmt etwas nicht. Ist es das Baby? Sind es die Eltern?

Tinas bessere Hälfte

Tina sucht Abwechslung. Ein anderer Mann, der ihr als Grenzbeamtin aufgefallen ist, kommt ihr da gerade recht. Äußerlich ähnelt er ihr: Auch Vore, so sein Name, hat animalische Züge an sich. Er sagt, dass er mal hier, mal da für ein paar Monate sei und sonst seine Freiheit genieße. Das gefällt Tina, die selbst die Natur der menschlichen Zweisamkeit vorzieht.

Es kommt, wie es kommen muss: Tina und Vore kommen sich näher. Sie fühlt sich von ihm magisch angezogen. Es scheint eine Verbindung zwischen ihnen zu bestehen. Tina findet heraus, dass Vore am Rücken die gleiche lange Narbe hat wie sie. Laut ihrem Vater ist sie als Kind auf einen scharfen Stein gefallen. Vore zufolge wurde ihr ein Schwänzchen chirurgisch entfernt. Ein Schwänzchen?

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Es ist nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheint.

(Foto: Capelight)

Laut Vore ist Tina auch kein Mensch. Deshalb fühlt sie sich in der Natur wohler als in der Gesellschaft anderer Menschen. Deshalb kann Tina auch die Angst, Wut und Schuld der Menschen riechen. Deshalb ist sie etwas Besseres. Vore zufolge ist Tina ein Troll.

Das hat man nicht kommen sehen

Ein Troll? Trolle gibt es doch gar nicht. Doch, sagt Vore, früher viel mehr als heute. Aber in den 1970ern habe die schwedische Regierung Jagd auf sie gemacht, sie gefangen und an ihnen herumexperimentiert. Seine Eltern starben dabei, weshalb er jetzt durch die Gegend ziehe und sich an allen Menschen räche: Er stiehlt ihre Babys, ersetzt sie durch Wechselbälger, die er regelmäßig selbst "ausscheidet". Tina kann es nicht glauben.

Aber es ist wahr: Sie ist ein Troll. Tinas vermeintlicher Vater arbeitete früher als Hausmeister in einer Klinik, in der die Regierung ihre Troll-Experimente durchgeführt hat. Tinas leibliche Eltern starben dabei, sie selbst kam in die Obhut des Hausmeisters und wuchs dort mehr oder weniger glücklich auf, ohne zu wissen, wer ihre wirklichen Eltern waren.

Doch nun um ihre wahre Herkunft wissend, steht sie vor der alles entscheidenden Wahl: Lebt sie ihr Leben weiter im Verborgenen und wie bisher? Hilft sie auch künftig der Menschheit, die ihr so Schlimmes angetan hat? Oder schlägt sie sich auf die Seite Vores, entscheidet sich für die scheinbar ultimative Freiheit? Rächt sie sich nun auch wie Vore an den Menschen und raubt deren Kinder? Es ist eine Entscheidung, die Tina nicht leicht fällt.

Modernes Märchen

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"Border" (Capelight) erscheint am 16. August auch als Mediabook.

(Foto: Capelight)

Leicht fallen sollte aber die Entscheidung für das schwedische Fantasy-Horror-Märchen "Border" des Regisseurs Ali Abbasi. Es brilliert mit starken Schauspielerleistungen (Eva Melander als Tina; Eero Milonoff als Vore) ebenso wie mit düsteren Bildern und dunklen Vorahnungen. Der Film spielt gekonnt mit den Urängsten der Menschen vor dem Unbekannten, dem Düsteren, dem Verlust des eigenen Nachwuchses.

Gleichzeitig eröffnet "Border" auch neue Denkweisen. Er geht der Frage nach: Was wäre, wenn? Wenn unsere Welt nicht die ist, für die wir sie alle halten? Wenn da draußen etwas ist, das für uns unbegreiflich erscheint? Wenn in die Dunkelheit etwas verbirgt und gefangen hält, das endlich ans Licht und in die Freiheit drängt?

Das alles, angesiedelt in der geheimnisvoll-düsteren Natur Skandinaviens, macht "Border" zu etwas Besonderem, zu einem modernen Märchen, was man gesehen haben muss. Und das man dann wie dereinst wie zu den besten Zeiten der Gebrüder Grimm weitererzählt - vielleicht am Lagerfeuer auf einer Waldlichtung als schaurige Horrorstory, vielleicht in etwas abgewandelter, entschärfter Form am Bett des nicht einschlafen wollenden eigenen Kindes. Was wäre, wenn es Trolle wirklich gäbe?

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Quelle: n-tv.de

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