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"Martyrs" - das Remake Der härteste Horrorfilm aller Zeiten?

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Lucie: Märtyrer oder Opfer?

(Foto: Tiberius)

Warum? Wieso? Weshalb? Das sind die Fragen, die sich Zuschauer nach dem französischen Folter-Revenge-Streifen "Martyrs" stellen, als er 2008 erscheint. Er lässt keinen kalt und gilt als härtester Horrorfilm aller Zeiten. Nun kommt ein Remake.

"'Martyrs' ist ein Test. Pascal Laugiers Extremschocker sprengt Grenzen, probiert aus, wie weit man gehen kann, ohne sich davon beeinflussen zu lassen, wie weit man gehen sollte. Er steht natürlich ganz in der Tradition der neuen harten Welle im französischen Genrekino, geht jedoch über seine Vorgänger 'High Tension' oder 'Inside' noch hinaus: 'Martyrs' ist ein metaphysisches Experiment in purem Schmerz, dessen unbequem reales Szenario das unvorbereitete Publikum mit der Wucht eines Vorschlaghammers trifft. Dabei folgt der Film keiner gängigen Erzählstruktur, sondern lässt uns im Dunkeln tappen wie seine Protagonisten; springt den Zuschauer an wie ein waidwundes Tier und verbeißt sich in seinem Innersten. 'Martyrs' erfordert Mut. Ja, 'Martyrs' ist ein Test. Die Teilnahme bleibt selbstverständlich freigestellt."

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"Martyrs" (Original und Remake) in einer Box erscheint bei Tiberius.

(Foto: Tiberius)

So beschreiben die Experten des Fantasy Filmfests den 2008 erschienenen französischen Folter-Revenge-Streifen "Martyrs". Er läuft nie in den deutschen Kinos - mit Ausnahme des Fantasy Filmfestes 2008. Die Vorstellungen sind meist brechend voll. Aber es gibt Dutzende Zuschauer, die die Säle vorzeitig verlassen. Zu hart trifft sie das Gezeigte und macht den Film zu einem, wenn nicht sogar zum härtesten Horrorfilm aller Zeiten. Zu sehr brennt es sich in ihre Gehirne ein. Eine schnelle Flucht erscheint ihnen so am sinnvollsten.

Die Flucht ist es auch, auf die Lucie setzt. Sie ist gerade zehn Jahre alt, als sie der Zuschauer das erste Mal sieht. Sie schleppt sich Anfang der 1970er-Jahre durch ein heruntergekommenes, verlassenes Industriegebiet irgendwo in Frankreich. Sie schreit. Sie blutet. Sie hat Schmerzen, körperliche und seelische. Ihr Körper ist durch monatelange Entbehrungen und Gewalteinflüsse nur mehr eine äußere Hülle. Aber als sie gefunden wird, merken Ärzte schnell, dass ihre Psyche noch mehr gelitten hat.

Menschliche Abgründe

Lucie kann sich an ihre Peiniger nicht erinnern, reagiert verstört, ist in sich gekehrt. Sie leidet an Halluzinationen, eine schrecklich abgemagerte frauenähnliche Gestalt sucht sie darin heim.

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Die beiden Freundinnen ahnen noch nicht, was Jahre später auf sie zukommen wird.

(Foto: Tiberius)

Lucie kommt in ein Waisenhaus, wo das Mädchen Anna zu ihrer einzigen Freundin wird. Nur mit ihr spricht Lucie. Anna ist es auch, die sie dann 15 Jahre später anruft, als sie vor dem Haus einer vierköpfigen Familie steht und in den Eltern ihre Peiniger von einst entdeckt zu haben glaubt. Doch als Anna auftaucht, hat Lucie bereits für klare Verhältnisse gesorgt. Doch die Halluzinationen bleiben. Lucie schneidet sich selbst die Kehle durch. Anna ist geschockt - und geht noch einmal in das Haus.

Und der Zuschauer geht mit. Gezwungenermaßen. Er will wissen, was eigentlich mit Lucie passiert ist. Auch wenn die bis dahin bereits gezeigte Gewalt dem Hirn zuflüstert: Lass es! Man kann nicht. Nicht mehr. Wie in Trance schaut man weiter zu. Am Ende des Films ist man einerseits froh darüber, andererseits weiß man aber nicht, wie man mit den zuvor gesehenen Bildern umgehen soll. Die Unsicherheit weicht der sicheren Erkenntnis: Nie wieder schaue ich diesen Film an!

Was sehen Menschen nach dem Tod?

Jetzt tut man es doch. Es ist ja auch einige Zeit vergangen, acht Jahre, um genau zu sein. Der Magen konnte sich stabilisieren, das Gehirn im Idealfall etwas vom Gesehenen vergessen. Nun heißt es wieder "Martyrs". Aber diesmal von den Goetz-Brüder Kevin und Michael ("Scenic Route"). Das 2016er "Martyrs" ist ein US-Remake.

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Auch das Remake geht an die Schmerzgrenze.

(Foto: Tiberius)

Es hält sich nahezu komplett an das Original: Die Namen sind die gleichen, der Aufbau ist derselbe, die Gewaltexzesse ebenso. Nur dieses Unwohlsein des französischen Originals mag nicht mehr so recht aufkommen. Das kann zum einen daran liegen, dass man selbst älter und abgeklärter geworden ist und weiß, dass der Plot, der sich hinter der ganzen Brutalität verbirgt, doch absurd und hanebüchen ist. Denn hinter den Peinigern verbirgt sich eine geheime Organisation, die eine krude Märtyrer-Theorie auf den Grund gehen will, nach der bestimmte Menschen durch Folter und Schmerzen in einen speziellen prämortalen Zustand gelangen können, in dem sie sehen, was nach ihrem Tod passiert. Und noch besser: Diese Menschen sind noch in der Lage, dieses dann mitzuteilen.

Viel Fantasie ist also gefragt. Fantasie, die man als Zuschauer bereits beim französischen Original aufbringen musste. Die Idee ist also nicht neu, weshalb das Remake zum Original auch verliert.

Zum anderen konnte der Original-"Martyrs" mit einem schmutzigen Charme punkten, der alles ein wenig irr- und surreal erscheinen ließ. Irgendwie weit weg. Das konnte man sich zumindest einreden. Das Remake ist da schon sauberer, klarere Farben (wenn man da von Farben reden kann), irgendwie mehr Hochglanzoptik. Hollywood eben. Da reißt auch der hervorragend treibende Score nichts raus, denn den hatte das Original auch schon.

Zugutehalten muss man dem US-Remake, dass mit ihm auch wieder das französische Original für den deutschen Heimkinomarkt erhältlich ist. Das war jahrelang nicht so und galt für eine Großteil der französischen "Terrorfilme" aus dieser Zeit. Und so bleibt am Ende, sich das Fazit der Fantasy-Filmfest-Redaktion zu Herzen zu nehmen und "Martyrs" (Remake) als einen Test zu sehen. Wer ihn besteht, kann sich dann an den wirklich härtesten Horrorfilm aller Zeiten wagen: "Martyrs" (Original).

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Quelle: n-tv.de

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