Unterhaltung
"Everything louder than everything else" - Lemmy und Motörhead bei der Arbeit.
"Everything louder than everything else" - Lemmy und Motörhead bei der Arbeit.
Sonntag, 23. Januar 2011

35 Jahre Rock'n'Roll sind nicht genug: Eine Verneigung vor Lemmy

von Roland Peters

Er ist eine der letzten Ikonen des Rock'n'Roll. Dass er noch lebt, grenzt an ein Wunder. "Lemmy: The Movie" setzt dem Frontmann von Motörhead ein Denkmal. Ein Schlussstrich unter seine Karriere ist das aber nicht - auch mit 65 Jahren steht Lemmy noch auf der Bühne.

Lemmy, mit Rickenbacker-Bass.
Lemmy, mit Rickenbacker-Bass.

Die Hand zittert. Die Menschen toben. Im Unterrang recken sie die Arme in der Höhe, aus Tausenden aufgerissenen Mündern kommt ein Aufschrei. Auf dem Balkon stehen alle. Es sind Jubelposen wie bei einem Fußballspiel, wenn die eigene Mannschaft in letzter Sekunde das entscheidende Tor geschossen hat. Aber hier, in London, schwitzen alle, nicht nur die Männer im Scheinwerferlicht. Auf der Bühne, auf den Steh- und Sitzplätzen, insgesamt fast 5000 Menschen.

Die Brixton Academy ist ausverkauft, und auf der Bühne steht ein alter Mann. Wenn Lemmy einen Ton hält, wenn seine Finger eine Bassseite auf den Hals des Rickenbackers drücken, zittert seine Hand. Er ist inzwischen 65 Jahre alt, nein, jung. Denn so sind die Texte seiner Songs. Orientierungslosigkeit, Unverständnis über die Welt des Business und der Politik. Musik, Frauen, Drogen – die Themen sind die gleichen geblieben, nur der Körper gibt inzwischen Zeichen. Zeichen des jahrzehntelangen Konsums von Alkohol und anderen Drogen.

Es gibt viele Geschichten über den Mann, der bei den Spacerockern von Hawkwind seine Karriere begann und nun seit Jahrzehnten mit seiner eigenen Band Motörhead erfolgreich ist. Einige davon erzählt die Rock-Ikone in "Lemmy: The Movie" - eine Dokumentation, wie sie auch im Fernsehprogramm laufen könnte. Aber dass ein Musiker seines Status' über mehrere Jahre Regisseure in sein Leben lässt, ist doch ungewöhnlich. Im Film nimmt Lemmy zuhause den Controller in die Hand und vertreibt sich die Zeit mit Videospielen. Macht Bratkartoffeln. Trifft sich im Café mit Leuten wie Billy Bob Thornton. Kauft Beatles-Alben in Mono. Und steht auf der Bühne.

Nett, und ein bisschen weise

Lemmy mag weise sein - den Rock'n'Roll lebt er trotzdem, inklusive Groupies.
Lemmy mag weise sein - den Rock'n'Roll lebt er trotzdem, inklusive Groupies.

Lemmy kommt aus Stoke on Trent in England, geboren an Heiligabend, der erste nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Hier gibt es nicht viel, außer karger Landschaft. Seine jetzige Wohnung in Los Angeles dagegen ist voll. Voll mit Erinnerungsstücken aus seinem Leben als Musiker. Porträts, Figuren, Geschenke von Fans. Auch sein Sohn erzählt über den berühmten Vater. "Er hat zu mir gesagt: Versprich' mir, dass du nie koksen wirst! Irgendwann habe ich es versprochen. Er sagte: Gut. Speed ist viel besser für dich." Er lacht.

Lemmy hat noch andere Kinder, erzählt er selbst, doch die kenne er nicht. Wie er da sitzt, auf seiner Couch, hat er nicht die Autorität, die er auf der Bühne ausstrahlt, wenn er zum x-ten Mal über die Soundanlage das "Ace of Spades", das Pik As fordert, wenn er bellt "I don't want to live forever"; statt dessen wirkt er ein bisschen knorrig, und ja, nett. Und ein bisschen weise. Was er 1980 vollmundig ankündigte, gilt noch immer.

Erst war Lemmy, dann der Rock'n'Roll

Lemmy ist Musiker ebenso wie Ikone. Er hat den klassischen Rock'n'Roll genommen, hat Punk hinzugefügt und auch Hard Rock und Heavy Metal. Damit können viele Leute etwas anfangen, sogar Genre-Puristen. Und er steht. Er steht einfach im Licht, lässt den Ton klingen, und das Publikum jubelt. Früher hatte Lemmy einen Ventilator, der ihm die Haare aus dem Gesicht geblasen hat. Das sah gut aus, auch für die Fotografen. Jetzt trägt er einen Hut. Das ist besser für die Stimme. An seiner Ausstrahlung ändert das nichts, im Gegenteil.

Was Johnny Cash für den Country war, ist Lemmy für den Rock'n'Roll. Seit dem selbstbetitelten ersten Motörhead-Album 1976 hat er das Genre mitgenommen auf seiner Reise durch vier Jahrzehnte, über die Bühnen der Welt. "Ich erinnere mich an die Zeit vor Rock'n'Roll", staunt Dave Grohl, "das hat Lemmy zu mir gesagt".  Grohl ist 42 Jahre alt, er war Schlagzeuger bei Nirvana, bevor sich Frontmann Kurt Cobain eine Schrotflinte an den Kopf setzte. Rock'n'Roll-Generationen, die sich im Studio begegnen. Die Standards spielen sie fast blind, gemeinsam, trotz des unterschiedlichen Alters.

"Bye Bye Bitch"

Er steht noch.
Er steht noch.

Dass das neue Album während der jüngsten Tour noch gar nicht veröffentlicht ist, interessiert kaum jemanden. Auch in London nicht. Nur wenige fragen am Verkaufsstand nach der 21. Platte des Trios. Inzwischen ist "The Wörld is Yours" auf dem Markt. Es könnte auch eine Abrechnung sein, falls Lemmys Körper plötzlich nicht mehr mitmachen sollte. "Born To Lose", der erste Song. "I Know How To Die", der zweite. Und am Ende: "Bye Bye Bitch, Bye Bye".

Der Motörhead-Frontmann steht auf der Schwelle zum Lebensabend. Das zeigt "Lemmy: The Movie" von Greg Olliver und Wes Orshoski deutlich. Der Film beweist aber auch, dass in dem "49 % Motherfucker, 51 % Son of a bitch" trotzdem noch immer ein Rebell steckt. Ein Rebell, der ehrlich ist, zu sich und der Welt. Wenn er nicht die Bassgitarre spielt, wenn die Show für den Abend vorbei ist, auch dann zittert seine Hand, bevor sie fest die des Gegenübers drückt. Lemmys Blick ist dabei klar und offen, nicht müde. Aber sein Augenaufschlag, der ist schon etwas langsam.

"Lemmy: The Movie" ist seit dem 21. Januar auf DVD erhältlich.

Das neue Motörhead-Album "The Wörld is Yours" wurde am 10. Dezember 2010 veröffentlicht.

Quelle: n-tv.de