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Von "Rothäuten, Niggern und Yankee-Schweinen" "Hell On Wheels": Gute, alte Zeit

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Durant (Colm Maney), Lily Bell (Dominique McElligott), Elam (Common), Bohannon (Ansom Mount) v.l.n.r.: Vier tragende Figuren von "Hell On Wheels"

WVG Medien

1865: Der Bürgerkrieg ist vorüber, Amerika eine offene Wunde. Der Wiederaufbau beginnt - und mit ihm die Zeit der Glücksritter, Revolverhelden und Opportunisten. Der Graurock Bohannon will die Mörder seiner Familie zur Strecke bringen und landet beim größten Bauprojekt seiner Zeit.

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"Hell On Wheels I" ist bei WVG Medien erschienen.

(Foto: WVG Medien)

Ein Bürgerkriegsveteran aus dem Norden betritt irgendwo in Amerika eine Kirche - um zu beichten: "Erleichtere deine Seele, mein Sohn", sagt eine fordernde Stimme im Beichtstuhl. "Ich bin mit General Sherm an nach Süden gezogen", sagt der Veteran zögernd. "Wir haben Dinge getan. Böse, unaussprechliche Dinge." "Du warst Soldat. Du hattest Befehlen zu folgen." "Nein, das waren nicht nur Befehle. Wir haben die Tür zur Hölle geöffnet - und den Teufel hereingelassen", beschwört der Veteran. "Die einzige Möglichkeit, den Teufel zu vertreiben, ist, seine Sünden zu beichten", lautet die Antwort der Stimme von der anderen Seite des Beichtstuhls. "Nein, nein, ich kann nicht, Vater!" Die Stimme wird lauter: "Erzähl mir von Meridian!" "Woher wissen sie von Meridian?", fragt der Veteran ungläubig, überrascht und geschockt gleichermaßen. Dann eine Pause. Ein lauter Knall. Der Veteran ist tot, erschossen von Cullen Bohannon, der Stimme im Beichtstuhl.

So beginnt "Hell On Wheels", die neue Erfolgsserie von AMC, auf deren Konto bereits "Breaking Bad" und "The Walking Dead" gehen. Sie handelt von Figuren, die jeder aus seinen Kindertagen kennt, denn jeder hat einmal Cowboy und Indianer gespielt. Der braun gebrannte Bohannon mit seinem stählernen Blick ist die Hauptfigur in diesem Spiel, in einer Zeit, in der Menschenleben nicht viel Wert sind. In einer Zeit, in der der Amerikanische Bürgerkrieg gerade vorbei und die Nation tief gespalten ist. Es ist die Zeit des Aufbruchs, der Industrialisierung, der Tracks nach Westen - und die Urzeit des Kapitalismus in seiner reinsten Form, denn es ist auch die Zeit des größten Bauprojekts des 19. Jahrhunderts: der Transatlantischen Eisenbahn.

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"Hell On Wheels II" ist bei WVG Medien erschienen.

Mehrere Idealisten, Pioniere und Glücksritter versuchen sich daran, eine Eisenbahnstrecke aus dem Osten des Landes in den Westen zu bauen. Der aalglatte und etwas feist wirkende Thomas "Doc" Durand ist einer von ihnen. Seine Union Pacific Railways soll einmal den Osten des Landes mit dem Westen verbinden, koste es, was es wolle: "Dieses Geschäft ist nichts für schwache Nerven", sagt er und erklärt seine Philosophie: "Oh ja, es ist eine blutige, brutale Tat, die den Löwen für seine Grausamkeit belohnt. Machen wir uns nichts vor: Es wird Blut vergossen werden und es wird Tote geben. Manche werden ein Vermögen gewinnen, andere alles verlieren. Da wird Verrat sein und Skandal - und ja, Niedertracht epischen Ausmaßes. Aber letztlich wird der Löwe siegen! Es waren schon immer die Löwen, die die Geschichte vorangetrieben haben. Und in 100 Jahren, wenn diese Eisenbahn den ganzen Kontinent umspannt und Amerika die größte Macht ist, die die Welt jemals gesehen hat, dann werde ich als ein böser Schurke dastehen, als ein Verbrecher der übelsten Sorte, der nur aus persönlicher Habgier gehandelt hat!"

Rache, Liebe, Ehre und das liebe Geld

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Der Ex-Plantagenbesitzer aus dem Süden soll den Eisenbahnbau vorantreiben.

(Foto: WVG Medien)

Bohannon heuert bei Durant an. Er wird Aufseher, soll ehemals gefangene schwarze Arbeiter antreiben, die das Gleisbett in sengender Sonne aus dem unwirtlichen Boden hacken. Aber Bohannon hat einen eigenen Plan. Der ehemalige Tabakplantagenbesitzer aus dem Süden will die Mörder seiner Familie - seiner Ehefrau und seines kleinen Sohnes - finden. Seine Liebsten wurden kaltblütig hingerichtet, gehängt und verbrannt, als er auf den blutigen Schlachtfeldern für die Ehre der Südstaaten kämpfte. Er, der seinen Sklaven bereits ein Jahr vor Kriegsbeginn die Freiheit geschenkt hat, auf den Wunsch seiner geliebten Frau aus dem Norden.

Rache treibt Bohannon an und hält ihn am Leben. In Durands "Hell On Wheels", einer den Eisenbahnbau begleitenden Zeltstadt mit Bordell und Saloon, hat er sein nächstes Racheopfer entdeckt, den nächsten aus dem Trupp Nordstaaten-Soldaten, der seine Familie ohne Grund ausgelöscht hat: Vorarbeiter Johnson.

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Der "Schwede" ist Norweger, dazu noch durchtrieben und hinterhältig. Er passt also perfekt in die Zeit des großen Eisenbahnbaus.

(Foto: WVG Medien)

Doch Bohannon kommt zu spät, Johnson weiß Bescheid. Noch bevor Bohannon etwas ausrichten ka nn, schaut er in den Lauf eines Revolvers. Sein Glück ist, dass Johnson noch mehr Feinde hat - wie etwa den Mulatten Elam Ferguson. Er arbeitet im Gleisbett und war die unmenschliche Behandlung durch Johnson satt. Mit einem Messer rettet er Bohannons Leben und beendet Johnsons - noch bevor dieser Bohannon weitere Namen des Soldatentrupps sagen kann.

Eine vertrackte Situation, die sich noch weiter zuspitzt, als der "Schwede" (der eigentlich ein Norweger ist), die rechte Hand Durands, Wind von Bohannons Vergangenheit bekommt. Der "Schwede" ist in der ganzen Gemengelage in "Hell On Wheels" die große Unbekannte, sein Verhalten ist nicht vorhersagbar, seine Aktionen und Reaktionen völlig unberechenbar.

Bösewicht, Held? Sie entscheiden!

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Lilly Bell: Erst Witwe, dann Unternehmerin.

(Foto: WVG Medie)

Wer nun aber denkt, dass bereits mit diesen vier schillernden Figuren alle Hauptdarsteller der Serie "Hell On Wheels" genannt sind, irrt gewaltig. Da wäre beispielsweise noch Lily Bell, der wunderschöne "blondgelockte Engel des Westens", dessen Mann Robert als Vermesser für Durand arbeitete, bevor er bei einem Indianeran griff ums Leben kam, bei dem auch Lily schwer verwundet wurde. Da sind die beiden Iren Sean und Mickey, die in der "neuen Welt" ihr Glück als Geschäftsmänner machen wollen - zuerst mit einer Laterna-Magica-Show, dann als Bordell- und Saloonbesitzer. Nicht zu vergessen: der äußerst trinkfeste und schlagfreudige Reverend und sein Ziehsohn Joseph, ein gerade frisch getaufter Ex-Häuptlingssohn der Cheyenne.

An Eva kommt ebenfalls kein Mann in "Hell On Wheels" vorbei. Sie wurde als Kind von Indianern verschleppt, musste mit ansehen wie ihre gesamte Familie inklusive kleiner Schwester auf brutalste Weise missbraucht, skalpiert und hingerichtet wurde. Sie trägt eine auffällige Tätowierung im Gesicht, die sie als Ex-Sklavin der Indianer brandmarkt. Eva arbeitet als Hure, für einen Dollar treibt sie es sogar mit einem "Nigger" - Elam -, der sich dann natürlich prompt in sie verliebt.

Liebe ist ...

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Bohannon und Lilly Bell: Im Lauf der zweiten Staffel kommen sie sich näher.

(Foto: WVG Medie)

Überhaupt die Liebe: Ihr kommt in der Serie eine Schlüsselrolle zu: Durand liebt erst nur sich und seine Eisenbahn, später dann auch den "blondgelockten Engel des Westens". Bohannon liebt erst nur seine blutige Rache, dann ebenfalls Lily Bell. Der "Schwede" liebt den Wahnsinn und das grundlose Blutvergießen. Elam liebt seine neue "Freiheit" und seinen Traum vom Geld, später dann auch Eva.

Alle müssen sich im Laufe der ersten und zweiten Staffel von "Hell On Wheels" für eine ihre geliebten Sachen entscheiden. Und genau das macht den Reiz dieser Serie aus - neben den vielen Feindbildern und vorgezeichneten Problemen: Hier die nach ihrer neuen Rolle in der Gesellschaft suchenden Ex-Sklaven, dort die Weißen, die sich weiterhin für etwas Besseres halten. Hier der protestantische Reverend mit seinem indianischen Ziehsohn, dort die erz-katholischen Iren. Hier der über Leichen gehende Eisenbahn-Pionier Durand, dort die scheinbar ohne Rechte lebenden Gleisarbeiter und Huren.

Brillant besetzt, brillant gespielt

Das sorgt für jede Menge Reibereien und Zündstoff, die sich dann immer explosiv entladen. So gibt es beispielsweise den besten Barenuckle-Fight seit "Snatch" zu sehen. Tiefschwarzer Humor und derbe Sprüche ("Die Iren sind die Nigger des britischen Empire.") sind ebenfalls fester Bestandteil der abwechslungsreichen und voll unerwarteter Wendungen steckenden Handlung. Natürlich gibt es auch jede Menge "Cowboy und Indianer"-Action. Die brennenden Pfeile der Indianer pfeifen ebenso schnell durch die Prärie wie die Kugeln aus den schäbigen Revolvern der noch abgeranzteren Wild-West-Möchtegern-Cowboys. Und an jeder Ecke lauert eine mörderische Intrige, die dann mit flaschenweise Whisky zusätzlich angefeuert wird. Das Ganze funktioniert so gut und ohne jedweden Reibungsverlust - im Gegensatz zum Eisenbahnbau -, dass Ende April bereits die dritte Staffel von "Hell On Wheels" hierzulande auf DVD und Blu-ray erscheint.

Bis dahin bieten die ersten beiden Staffeln jede Menge sehr gute und kurzweilige Unterhaltung. Die Szene im Beichtstuhl zu Beginn ist dafür nur der Aufgalopp. Spätestens nach der ersten Folge hat den Zuschauer der Western-Virus gepackt und man schaltet den Player erst nach Folge zehn und dem Ende der ersten Staffel ab. Aber nur, um gleich die zweite Staffel hinterherzuschieben. Authentischer ist eine Western-Serie nie gewesen. Denn sie zeigt, dass im Wilden Westen nie etwas fair war - genau das, macht ihn aber auch so faszinierend.

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Quelle: n-tv.de

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