Unterhaltung
Ein Dreier mit der Mutter und dem Freund? Sarah macht es, weiß es nicht besser.
Ein Dreier mit der Mutter und dem Freund? Sarah macht es, weiß es nicht besser.
Freitag, 13. Dezember 2013

"Little Thirteen" berechnet den Gefühls-GAU: Jung und schon kaputt durch Porno-Welt

Von Jochen Müter

Gerade 13 Jahre alt und schon mit mehr Jungs im Bett gewesen, als sie sich merken kann: So lebt Sarah ihre Jugend. Als das Mädchen einen Jungen trifft, der etwas anders zu sein scheint als alle davor, tut sich eine emotionale Wüste auf. Was weiß sie über echte Liebe, jenseits der Schulhof-Pornos? Nichts, zeigt der Film "Little Thirteen".

Immer, wenn es öde wird: Sex.
Immer, wenn es öde wird: Sex.

Vorstadt in Deutschland, vielleicht Berlin, vielleicht Hamburg. Hochhäuser, Graugesichter, Innenhöfe mit abgenutztem Spielplatz, irgendwo verrichtet immer ein Hund sein schmutziges Geschäft. Hier, am Ende der Buslinie, spielt "Little Thirteen". Es ist ein trostloser Film, der da bei X-Verleih auf DVD erschienen ist.  Das spricht für ihn, denn er will es auch sein. Regisseur Christian Klandt und Autorin Catrin Lüth heißen den Zuschauer willkommen in der "Generation Porno". Ein harter Aufschlag. Kinder und Jugendliche, für die Computer und Smartphone längst der Fußball oder das Springseil von früher sind, haben unbegrenzten Zugriff auf Sexfilme. Die Aufklärung findet unter Eigenregie bei Youporn und Empflix statt, eine sich bis in bizarre Details verlaufende Klickwelt. Alles ist zu sehen. Schüchternes Knutschen hinter dem Altglascontainer ist von gestern. Heute, suggeriert die kostenlose Pornowelt, geht es gleich zur Sache. Die Frauen wollen immer, die Männer können immer. Alles eine Frage der Mechanik.

Sarah ist erst 13. Der Überblick über die Männer, mit denen sie geschlafen hat, ist ihr aber längst verloren gegangen. In der prekären Ödnis der betonierten Randlage lebt sie mit ihrer Mutter Doreen (Isabell Gerschke), die nichts so richtig packt und in den Tag hineinlebt, in einer Art Schuhkarton für zwei Personen. Die ziellose Mutter ist allerdings eher falsche Freundin als Vorbild - ihrer Tochter beim Sex zuschauen? Kein Problem. Mit ihrer Tochter den Partner tauschen - auch nicht. Ein klares Erziehungsmuster gibt es nicht mehr, natürliche Schamgrenzen sind verwischt. Wer eigentlich auf wen aufpasst, lässt sich nicht mehr sagen.

Sanfter, aber auch deformiert

Sarah lernt Lukas kennen. Er ist netter als die anderen Jungs, sanfter. Führt nicht gleich das große Wort, wirkt etwas schüchtern und sensibel. Emotional allerdings ist er ähnlich kaputt wie Sarah. Gemeinsam mit einem Kumpel dreht er heimlich Videos von seinen Bettgeschichten. Je krasser, desto besser. Eigentlich suchen die beiden ständig Opfer, der Thrill soll wachsen, das bringt auch mehr Geld in die Tasche. Sarah ahnt nichts davon. Sie ist verliebt in den etwas anderen Jungen, bekommt Sehnsucht nach Halt und Zuverlässigkeit, nach mehr als einem Quickie. Doch was ist das genau, was sich da entwickelt?

Das Verstörende nämlich: Jeder intime Moment in Sarahs Leben endet zwanghaft in Sex. Sie weiß es nicht besser. Wenn sie ausdrücken will, dass sie Lukas mag, bleibt ihr nur der Griff in seine Hose. Wenn sie Nähe sucht, endet das in Oralsex. Die Klaviatur der Kommunikation ist total eintönig, letztlich komplett gestört. Gespräche und Gedankenaustausch sind nicht eingeübt, es gibt kein Feedback-System, keine gemeinsame Navigation. Hängen die zwei nur rum, wirken sie wie fremd, haben sich nicht viel zu sagen. Bis sie wieder miteinander schlafen – dann ist wenigstens das Schweigen unterbrochen. Große Gefühle, Abenteuer und Leichtigkeit, das alles gibt es nicht in Sarahs verkorkster, verdorrter Welt. Bindung heißt Sex - endet der Sex, endet auch die Bindung.

Der Film, übrigens FSK 12 und für ältere Schüler sicher auch als Grundlage für eine Schulstunde zum Thema sehr geeignet, ist ausreichend explizit, um zu wirken. Sarah ist oft leicht bekleidet zu sehen, in Slip und Hemdchen. Das ist nur konsequent, macht es doch die vermeintliche Lockerheit so aufdringlich. Muriel Wimmer, die das Mädchen hervorragend und mutig spielt und kürzlich auch im "Schimanski" zu sehen war, ist eine gute Wahl. Sie traut sich in die schwierigen, körperlich nahen Szenen. Überhaupt bringt die Jungschauspielerin die zunächst einfach wirkende, aber letztendlich sehr brüchige Figur gut rüber. Dafür Respekt! Manchmal allerdings bemühen die Macher Stereotype. Das eine oder andere Feinripp-Unterhemd mit Goldkettchen ist zu viel, der eine oder andere Männerspruch zu einfach. Das kostet dann etwas Echtheit, wirkt aber dennoch.

Es bleibt einzuschränken, dass nicht ganz klar ist, welche Folgen die mutmaßliche Pornoisierung der Jugend tatsächlich hat. Autorin Lüth geht jedenfalls vom Schlimmsten aus. Studien zeigen allerdings verschiedene Ergebnisse: Manchmal finden Forscher beunruhigende Entgleisungen der sexuellen Entwicklung und der Geschlechterrolle darin, manchmal dann scheint alles gar nicht so dramatisch. Es leuchtet aber schon ein, dass die einfache Verfügbarkeit von Pornografie angesichts von Gruppenzwang und Schulhofprahlereien das Potenzial hat, die sexuelle Entwicklung massiv zu verändern; vermutlich also ein Phänomen mit Zukunft.

Es ist jedenfalls erschreckend, als Sarah schlussfolgert, dass ihre Zukunft wohl daraus besteht, solange mit Männern zu schlafen, bis endlich einer bleibt. Da entfaltet der Streifen seine volle Wirkung, macht sich endgültig Beklemmung breit in der Seele.

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Quelle: n-tv.de