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Wenn Hass auf Liebe trifft "Skin": Ein Neonazi will aussteigen

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Bryons Gesicht zeigt, was er ist: ein Rassist und Neonazi.

(Foto: Ascot Elite)

"America First"-Plakate, "Blood & Honour"-Shirts - ein Neonazi-Aufmarsch in Ohio. Ganz vorn mit dabei: Bryon Widner, das Gesicht voller Nazi-Tattoos. Ein Gesicht voller Hass. Dann lernt Bryon die junge Mutter Julie kennen und verliebt sich. Er will aussteigen und raus aus seiner Haut.

Bryon Widner ist ein Skin, ein Neonazi, ein US-amerikanischer Faschist der ganz harten Sorte. Er wächst als Kind bereits in der "White Supremacy"-Bewegung auf. Die "Überlegenheit der weißen Rasse" ist für ihn deshalb keine Sache der Einstellung, sondern der Überzeugung. Er steht dahinter, lebt "White Power", von den Füßen bis zum Kopf - und er zeigt das auch deutlich allen anderen: Sein Gesicht ist voller rechtsradikaler Tattoos. In der rechten Szene ist er deshalb bekannt wie ein bunter Hund.

Bryon genießt das. Er weiß: Wenn ihm einer ans Bein pissen will, ist er danach in der Regel nicht mehr am Leben. Entweder sorgt er selbst dafür oder seine "Familie", die Hammer-Skins von Ohio. Angeführt von Fred "Hammer" Krager und dessen Frau Shareen, waren sie es, die Bryon einst von der Straße geholt und großgezogen haben. Er ist seit Jahren fester Bestandteil dieses neonazistischen Rudels, in der Hackordnung auf der zweithöchsten Stufe der Gruppe angekommen. Deren oberste Regel: die weiße Rasse über allem. Und so besuchen sie Wahlversammlungen rechter Politiker, mischen Gegendemonstrationen auf, töten Schwarze, Muslime und Anarchisten - entweder mit Dutzenden Messerstichen Auge in Auge und anschließender Verbrennung oder wenn es sein muss, dann auch mit der Pistole.

Bryon ist mit seinem Leben glücklich. Dass es letzten Endes nur im Knast oder in einem nahen gewaltsamen Tod enden kann, ist ihm egal: "White Power forever". Doch dann trifft der Skin die junge Mutter Julie mit ihren drei Töchtern. Die Mädchen singen auf einer rechten Wahlveranstaltung und werden angepöbelt. Bryon schreitet ein, hilft ihnen und hat bei der Mutter danach ein Stein im Brett. Sie stört sich auch an seinen eindeutigen Gesichtstattoos nicht. Die beiden lernen sich näher kennen - und lieben.

Die Kraft der Liebe

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Julie macht Bryon aber auch unmissverständlich klar, dass das Einzige in ihrem Leben, was noch Bedeutung für sie hat, ihre Mädchen sind. Sollte Bryon jemals Hand gegen eine der drei erheben, werde sie ihn umbringen. Bryon verspricht, dass das nie vorkommen werde und er auch dafür sorgen wird, dass kein anderer, auch niemand von den "Hammers", den Mädchen zu nahe kommen wird. Julie und ihre Mädchen seien bei ihm sicher, versichert Bryon, dessen neonazistische Überzeugung nun erste Risse bekommt. Sollen die Mädchen in der vor nackter Gewalt und Hass strotzenden Umgebung aufwachsen, in der auch er groß geworden ist?

Die Antwort liegt für Bryon auf der Hand. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel: Er muss aus der Szene aussteigen. Ausgerechnet ein schwarzer Bürgerrechtler soll ihm dabei helfen. Dass dieses Vorhaben kein einfaches ist, dürfte wohl auf der Hand liegen. Verräter werden in der rechten Szene mit dem Tod bestraft. Das macht ihm sein "Vater" Fred auch noch einmal unmissverständlich deutlich. Und da wären auch noch seine Gesichtstattoos, die Bryon als das abstempeln, was er nicht mehr sein will: ein rechter Skin, ein Neonazi, ein Faschist.

Wer Hass sät

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"Skin" (Ascot Elite) erscheint am 7. Februar auf DVD und BD.

(Foto: Ascot Elite)

Filme, die Einblick in die rechte Szene in den USA geben, sind nicht gerade die Regel. Nach "American History X", in dem Edward Norton mit einem übergroßen Hakenkreuz-Tattoo auf der nackten Brust durch die Straßen seines Heimatkaffs stolziert und sich im Gefängnis von seinen rassistischen Überzeugungen abkehrt, liegt Jahrzehnte zurück. Doch mit US-Präsident Donald Trump und seiner "America First"-Kampagne sowie seinen zum Teil unverhohlen rassistischen und diskriminierenden Aussagen hat der Hass auf Andersdenkende und Andersaussehende neues Feuer erhalten. Er war offenbar nie weg, schwelte jahrelang unter der Oberfläche.

"Skin", so der Titel des Kinodebüts des israelischen Regisseurs Guy Nattiv, zerrt diesen Hass wieder ans Licht und macht ihn für die breite Öffentlichkeit sichtbar. Er zeigt den Anschlag des "Hammer"-Rudels auf eine Moschee. Er zeigt, wie Bryon immer wieder mit einem Messer auf einen Gegendemonstranten einsticht. Er zeigt rohe Gewalt und hält damit Politik und Gesellschaft den Spiegel vor. Bereits zu Beginn des Films, als ein Aufmarsch von Neonazis mit "Blood & Honour"-T-Shirts und "America First!"-Plakaten gezeigt wird, ist dem Zuschauer klar: "Skin" bekannt Farbe, spricht Probleme an, zeigt sie schonungslos auf.

Weckruf für die Gesellschaft

Die Darstellerriege, allen voran Jamie Bell ("Jumper") als Bryon, liefert ab: Sein Aussehen, sein Schauspiel sorgen für Gänsehaut, ja Angst. Seine Wut, die er den ganzen Film über immer wieder herausschreit ("Fick dich!", "Fickt euch!"), bleibt hängen und hallt unangenehm nach. Bells Bryon kommt aber auch gefühlvoll daher, wenn es beispielsweise um Julies Mädchen geht. Mehr Gefühl zeigt nur Vera Farmiga ("Conjuring"-Reihe) als Mutter der rechten Kompanie, Shareen: Einfühlsam den jungen Neuankömmlingen der "Hammer"-Skins gegenüber, bietet sie ihnen so etwas wie ein offenes Ohr und gaukelt Geborgenheit vor. Sie ist ein Wolf im Schafspelz, der mit Liebe lockt, Gewalt sät und Hass erntet.

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Fed "Hammer" Krager geht da unverhohlen direkt vor: Er spricht herumlungernde Jungs einfach an, bietet ihnen eine warme Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf, um dann im Kreis "seiner" Gefolgsleute die Neuankömmlinge auf den "richtigen Weg" zu bringen.

So einfach geht's. Drin ist man schnell. Der Weg zurück ist dagegen steinig, manchmal unmöglich. Aber Nattivs Film - hervorgegangen aus einem Kurzfilm, der den Oscar erhalten hat - zeigt, dass ein Ausstieg aus der rechten Szene möglich ist. Bryon hat es geschafft, die Liebe hat gesiegt. Klingt etwas platt, aber bei "Skin" war es so.       

Quelle: ntv.de