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"Deine Vagina ist ein Tempel" "Sleeping Beauty" und die Biester

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Keine Angst, Lucy schläft und bekommt nichts mit.

(Foto: Capelight)

Lucy ist jung, wunderschön und Studentin. Ihr Studium finanziert sie mit Putzen, Kopieren und als medizinische Testperson. Eines Tages stößt sie auf eine Anzeige für einen außergewöhnlichen und äußerst lukrativen Job - in der Welt erotischer Fetische.

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Jung, attraktiv, kein Geld: Lucy macht die Vorzüge ihres Körpers zu Geld.

(Foto: Capelight)

"Deine Vagina ist ein Tempel!" Als Lucy (Emily Browning; "Sucker Punch") diese Worte hört, kann sie sich ein ungläubiges Lächeln nicht verkneifen. Aber es verschwindet ebenso schnell wie es gekommen ist, denn ihr Gegenüber meint es offenbar ernst. Lucy antwortet entschlossen: "Meine Vagina ist kein Tempel." Sie will diesen Job haben, die Bezahlung liegt bei 250 Dollar pro Stunde. Zudem bietet er noch Aufstiegschancen ganz besonderer Art.

Lucy ist Studentin, erhält aber von ihrer Familie keinerlei Unterstützung und jobbt sich deshalb ihren Lebensunterhalt zusammen. Sie ist Testperson in einem medizinischen Labor, kopiert in einem Büro stundenlang Papierseiten und wischt in einer Bar die Tische sauber. Das Geld dafür reicht gerade so zum Überleben und so dürfen ab und an auch völlig Fremde ihrem Tempel einen Besuch abstatten. Sie lebt vor sich hin, und lässt sich davon aber nicht unterkriegen. Lucy nimmt alles wie es gerade kommt und eher passiv an ihrem Leben teil.

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Ein Bewerbungsgespräch mal etwas anders - Lucy ist's egal.

(Foto: Capelight)

Als sie die Annonce von "Silver Service" in einer Studentenzeitschrift sieht, packt Lucy die Neugier. Beim Vorstellungsgespräch in einer edlen Villa erfährt sie von Clara (Rachael Blake; "Entgleist") zudem noch, dass ihr "schwere Strafen" drohen, wenn sie die Diskretion nicht wahrt. Dieses Geheimnisvolle reicht aus, um sich einer etwas anderen Bewerbungsprozedur zu unterziehen: Sie muss sich vollkommen entkleiden. Ihr Körper wird genauestens in Augenschein genommen, ihre makellose Haut auf Tätowierungen oder andere Verschandelungen geprüft.

Ein makelloses Objekt der Begierde

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Altherren-Klub beim "Dessous-Dinner": Was es in Australien nicht alles gibt.

(Foto: Capelight)

Was für andere Menschen entwürdigend wäre, ist Lucy einfach nur egal. Sie will den Job und sie bekommt ihn. Lucy soll bei privaten Dinners bedienen und etwa Getränke ausschenken. Nichts Besonderes, bis auf die Tatsache, dass das Ganze in von der Firma gestellten Dessous geschehen soll - und dass den Dinners immer nur alte lüsterne Männer beiwohnen.

Bei ihrem ersten Abend zerbricht sie eine Kristallkaraffe, kommt bei dem Altherren-Klub aber gut an und so wird sie kurze Zeit später wieder in die Villa gerufen. Lucy ist aufgestiegen. Wieder spricht Clara mit ihr: "Du wirst einschlafen und aufwachen. Dazwischen wird die Zeit für dich nicht existieren. Du wirst auch nicht träumen. Für ein bis zwei Stunden nach dem Aufwachen wirst du dich etwas ermattet fühlen. Aber dann gut. Sogar hervorragend. Nicht so wie bei einem Kater. Dieser Schlaf wirkt wahre Wunder." Sie reicht Lucy einen Tee mit einem Pulver versetzt. Damit ist Lucy in die erlesene Riege der "Sleeping Beautys" aufgenommen.

Sie wird in ein mondänes Schlafzimmer geführt, wo sie sich nackt ins Bett legt und einschläft. Danach kommt Clara mit einem der Männer vom Dinner herein. Sie dürfen alles mit der bewusstlosen Lucy machen -  "bis auf Penetration". Der erste kuschelt sich einfach nur an sie heran und schläft ein. Ein anderer behandelt sie wie eine leblose Puppe, hebt sie hoch und lässt sie dann wieder aufs Bett fallen. Ein Dritter beschimpft Lucy und ohrfeigt sie, während sie den Schlaf der Gerechten schläft. Aber dann passiert eines Nachts etwas Unvorhergesehenes ...

Gewagtes Debüt

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"Sleeping Beauty" ist bei Capelight erschienen.

(Foto: Caüelight)

"Sleeping Beauty" ist ein Erstlingswerk. Geschrieben und Regie geführt hat die australische Romanautorin Julia Leigh. Bereits das Drehbuch, es hatte nur knapp über 60 Seiten, wurde mit Lob überschüttet. Der Film selbst lief beim Festival in Cannes - fast schon ein Ritterschlag für einen Erstling einer Australierin.

Einen Erstling allerdings, der vollkommen unkonventionell daherkommt. Unaufgeregt, mit nur wenigen Schnitten, die die einzelnen Szenen trennen. Mit Aufblenden auf die Szenerie statt Nahaufnahmen der Darsteller. In den Dialogen selbst gibt es ebenfalls keine Schnitte zwischen den Personen.

"Sleeping Beauty" strahlt Ruhe aus - und kühle Distanz. Das liegt an den Farben und Kontrasten - Gemälden gleich -, die der bekannte Kameramann Geoffrey Simpson ("Shine - Der Weg ans Licht") auf die Leinwand gezaubert hat.

Im Auge des Betrachters

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So fängt "Sleeping Beauty" an ...

(Foto: Capelight)

Kühl spielt auch Emily Browning. Diese Rollen scheinen ihr zu liegen, wie "Baby Doll" in Zack Snyders "Sucker Punch" beweist. Aber in "Sleeping Beauty" geht ihr schauspielerisches Können um einiges tiefer. Sie ist es, die den Film trägt, die den Zuschauer dazu bewegt, dranzubleiben. Denn "Sleeping Beauty" hat auch einige - wenn auch zum Teil gewollte - Schwächen: Der Zuschauer nimmt nur eine Beobachterrolle ein. Die Figur der Lucy bleibt zu oberflächlich, als das man mit ihr mitfühlen oder mitfiebern könnte. Zudem tauchen ab und an Personen im Film auf, deren nähere Bedeutung nicht weiter erläutert wird und deren Rollen sich dadurch dem Zuschauer nicht wirklich erschließen (Beispiel: "Birdmann", Lucys todkranker, platonischer Freund).

Dafür gibt es mehrere leicht ersichtliche Anspielungen an bekannte Märchen wie Schneewittchen, Hänsel und Gretel oder aber Dornröschen. Letzteres ist am Augenscheinlichsten: "Sleeping Beauty" hieß Dornröschen im Disney-Original von 1959.

Ob dieser Zusammenhang für die Drehbuchautorin und Regisseurin Leigh aber eine Rolle gespielt hat? Bei Cannes-Beiträgen weiß man das nie. Fest steht aber: Ein Märchen ist "Sleeping Beauty" nicht - auch nicht für Erwachsene. Ein reiner Erotikfilm aber ebensowenig, selbst wenn die Eröffnungsszene anderes erwarten lässt. Schönes Arthouse-Kino trifft es am Besten, auch wenn die Schönheit im Auge des Betrachters liegt.

Quelle: n-tv.de

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