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"Spacewalker" will hoch hinaus - und schafft das auch.
"Spacewalker" will hoch hinaus - und schafft das auch.
Dienstag, 24. Oktober 2017

"Spacewalker": Dann mal los: So eroberten die Sowjets das Weltall

Von Thomas Badtke

1965 ist der Weltraum Austragungsort des erbittert geführten Kalten Krieges. Die Sowjetunion setzt alles daran, nach dem ersten bemannten Raumflug auch den ersten Menschen "ins All" zu schicken. Doch eine Explosion verändert alles.

"Gerade ist der erste Mensch ins Weltall gestiegen. Heute, am 18. März 1965, um 11.30 Uhr Moskauer Zeit, ist während des Fluges des sowjetischen Raumschiffs Woschod 2 etwas Unglaubliches geschehen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist ein Mensch ins Weltall ausgestiegen. Nach der zweiten Erdumkreisung ist der Pilot und Kosmonaut Leutnant Alexej Archipowitsch Leonow in einem speziellen Raumanzug und mit einem autonomen, lebenserhaltenden System ins Weltall gestiegen - und geht dort spazieren!" O-Ton sowjetisches Fernsehen.

Immer wieder schön: die Erde.
Immer wieder schön: die Erde.

Gänsehaut? Zu Recht! Vergleichsweise geringe 54 Minuten Vorlauf braucht Regisseur Dimitri Kiselew, um seinen Film "Spacewalker" zu diesem Höhepunkt zu bringen. Wer jetzt aber denkt, dass wie bei einem Parabelflug danach ein Absturz folgt, die Spannung raus ist, irrt gewaltig. Eigentlich geht das russische Weltraumepos nach rund einer Stunde erst so richtig los. 135 Minuten ist er lang - und das ist trotz allem der größte Makel von "Spacewalker".

Film 1 im Film

Denn bereits die ersten 54 Minuten sind ein Film im Film und waren es wert gewesen, eigenständig zu sein. Hier versucht Regisseur Kiselew, dem Zuschauer einen Eindruck davon zu vermitteln, unter welchem schier übermenschlichen Druck die sowjetische Führung, die Wissenschaftler des Landes und auch die Militärs zu Beginn der 1960er-Jahre gestanden haben. Der Kalte Krieg war in vollem Gange, das Rennen und Ringen um den Weltraum ebenso.

Schnell und schmutzig: Die Woschod-2-Mission war dennoch erfolgreich.
Schnell und schmutzig: Die Woschod-2-Mission war dennoch erfolgreich.

Die UdSSR hatten unter anderem mit dem ersten bemannten Raumflug einen Teilsieg errungen. Allerdings sahen sie sich beim Rennen um den ersten Menschen "im All" im Nachsehen. Es war nur eine Frage von Wochen, so wurde kolportiert, und die US-Amerikaner würden ihre Mission starten. Als dann auch noch ein Prüfungsraumschiff der Sowjetunion explodiert, scheint die Sache gelaufen - der Klassenfeind hat gesiegt.

"Ich melde, mein Verstand ist klar"

Doch für die politische Führung unter Leonid Breschnew war das nicht hinnehmbar. Und so wurde das eigene Programm verschärft. Eine Suche nach den Ursachen der Explosion des Übungsraumschiffs kostete in diesem Zusammenhang zu viel Zeit. Also ließ man es bleiben. Den auserkorenen Piloten Leonow und Beljajew war das durchaus bewusst. So kolportiert es der Film.

Als  dann Woschod 2 ins All fliegt - ohne größere technische Probleme -, scheint alles gut. Man hat vor den Amerikanern einen Fuß ins Weltall gesetzt. Leonow ist dieser Schritt gelungen. Er bewegt sich außerhalb der Woschod 2.

"Spacewalker" ist bei Capelight erschienen.
"Spacewalker" ist bei Capelight erschienen.

Das Lob fällt entsprechend enthusiastisch aus. Egal, ob von Leonows Kind ("Mein Papa ist ein richtiger Kosmonaut. Das ist ja so toll!") oder von Breschnew selbst. Breschnew: "Alexej? Alexej?" Leonow: "Ja doch, wer ist da?" "Hier ist Breschnew!" "Leonid Iljitsch? Oje ..." "Wie geht es dir, mein Sohn?" "Ich melde, mein Verstand ist klar. Das Sehvermögen ist nicht gestört. Der Orientierungssinn ist nicht beeinträchtigt. Der Mensch ist in der Lage, im Weltall zu arbeiten! Der Mensch ist in der Lage, im Weltall zu arbeiten." "Ich sehe gerade, wie du da kopfüber schwebst. Das ganze Land schaut dir zu. Die ganze Welt ... Wir sind stolz auf dich! Komm ja lebendig zurück - das ist ein Befehl!"

Film 2 im Film

Aber Befehle lassen sich eben nicht immer so ohne Weiteres befolgen. Ein Sauerstoffleck taucht plötzlich auf. Dass Leonow es nur mit Ach und Krach zurück ins Raumschiff geschafft hat - geschenkt. Aber durch das Sauerstoffproblem treten gleich mehrere Probleme auf: Das Raumschiff schafft es nicht mehr zur Erde. Das Raumschiff schafft es vielleicht auf die Erde, aber die beiden Kosmonauten sind tot. Das Raumschiff schafft es auf die Erde, die beiden Piloten leben, aber die Landung erfolgt im feindlichen Ausland. Was also tun?

Die manuelle Steuerung wird nach einer heftigen Diskussion in der Leitzentrale freigegeben. Und wie durch ein Wunder gelingt die Landung auf der Erde - sogar innerhalb der Sowjetunion. Nur dass das keiner so genau weiß, weil der Funk beim Wiedereintritt in die Atmosphäre wohl einiges abbekommen hat.

Film 3 im Film

Den Schritt ins Weltall überlebt, um dann im heimischen Winter zu sterben? Das geht doch nicht.
Den Schritt ins Weltall überlebt, um dann im heimischen Winter zu sterben? Das geht doch nicht.

Und so sieht der Zuschauer zwei bemitleidenswerte Sowjet-Helden aus einer Raumkapsel klettern, irgendwo im Nirgendwo, das sich schnell als tiefsten, eiskaltes Sibirien herausstellt. Der Überlebenskampf der beiden geht in die nächste Runde. Feuer machen? Keine Chance. Ihre Raumanzüge sind in der klirrenden Kälte auch eher eine Belastung denn eine Hilfe.

Ihr Glück: Ein Hobbyfunker kommt ihnen auf die Spur und er hat auch den Mumm, sich bei den höchsten Behörden Gehört zu verschaffen. Ein Suchtrupp wird zusammengestellt. Ein Hubschrauber startet. Mitten in der Nacht soll er zwei kleine weiße Punkte in einer weißen Umgebung finden. Gerade als er spritbedingt abdrehen will, das nächste Wunder: Leonow und Beljajew gelingt es gerade noch so, eine Leuchtrakete, die einzige in ihrem Besitz, zu zünden. Der Hubschrauberpilot sieht sie. Die Rettung ist nur noch Formsache.

"Hier spricht Moskau. Hier spricht Moskau. Wir senden eine Meldung der TASS. Am 19. März, um 12.02 Uhr Moskauer Zeit, ist das Raumschiff Woschod 2 mit dem Schiffskommandeur Major Pawel Iwanowitsch Beljajew und dem zweiten Piloten Leutnant Alexej Archipowitsch  Leonow erfolgreich in der Nähe der Stadt Perm gelandet. Den Genossen Beljajew und Leonow geht es gut."

Episches Erlebnis

Und wieder Gänsehaut, versprochen! Wäre "Spacewalker" eine Hollywoodproduktion, hätte es wohl eine Serie gegeben, vielleicht sogar mit mehreren Staffeln. Das ist das einzige Manko an diesem großartigen Werk. Der Zuschauer hätte gern noch mehr davon gesehen, denn "Spacewalker" überzeugt sowohl auf Special-Effect-Seite als auch mit der Charaktertiefe seiner Hauptprotagonisten.

Beide Kosmonauten sind keine aalglatten Sowjet-Helden, sie haben Ecken und Kanten. Stärken und Schwächen. Aspekte, die sie liebenswert machen - und den Film zu einem echten Erlebnis.

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Quelle: n-tv.de