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Dr. Price: Auch er ist mit den Winchesters "verbandelt".
Dr. Price: Auch er ist mit den Winchesters "verbandelt".(Foto: Splendid)
Dienstag, 14. August 2018

Horror hat einen Namen: "Winchester": Waffen töten keine Menschen

Von Thomas Badtke

Helen Mirren macht jeden Film, in dem sie mitspielt, zu einem Muss. Wenn die Grande Dame also die Hauptrolle in einem Horrorfilm gibt, lässt das aufhorchen. Umso mehr, wenn sie darin die Chefin eines Waffenherstellers spielt und auf Geisterjagd geht.

Täglich sterben in den USA Menschen durch Schusswaffengebrauch. Die mächtige Lobby NRA verhindert strengere Gesetze. Moral ist nicht mehr gefragt - was zählt, ist der reine Profit. Als Waffenhersteller kann es daher nicht schaden, in einer Auseinandersetzung, einem Krieg, beide Seiten zu versorgen. Jean-Christophe Grangé schildert das eindrucksvoll in seinem aktuellen Bestseller "Schwarzes Requiem" am Beispiel der Tutsi und Hutu im Kongo.

"Winchester" erscheint am 31. August auf DVD und BD bei Splendid.
"Winchester" erscheint am 31. August auf DVD und BD bei Splendid.(Foto: Splendid)

Im Film "Winchester" der Spierig Brothers ("Predestination", "Daybreakers") ist es Sarah Winchester (gespielt von der großartigen Helen Mirren; "Das Leuchten der Erinnerung", "Die Frau in Gold"), die vor der Frage gestellt wird: Moral oder Gier - und sich für Ersteres entscheidet. Sie ist die Alleinerbin der Winchester Repeating Arms Company, des um die Wende zum 20. Jahrhundert mächtigsten Waffenherstellers der USA. Der Norden gewinnt den Bürgerkrieg auch dank der Feuerkraft der Winchester-Gewehre.

Aber Sarah weiß auch, dass viele aus ihren Gewehren abgefeuerte Kugeln Menschen das Leben nehmen. Und so zieht sie sich nach einem familiären Schicksalsschlag aus dem Tagesgeschäft zurück, behält aber die Mehrheit am Unternehmen und damit auch das Sagen. Sie zieht nach San Jose und baut dort ein Haus. Anfangs hat es acht Zimmer. Ein paar Jahre später umfasst das Gebäude sieben Geschosse - und wächst weiter. Um Sarah ranken sich indes wunderliche Gerüchte, sie sehe Geister, sei nicht mehr ganz dicht, und so will der Vorstand sie aus dem Unternehmen drängen. Dr. Price (Jason Clarke; "Mudbound", "Everest") soll Sarahs Gesundheitszustand beurteilen. Er zieht in Sarah Winchesters ominöses Haus ein.

Geisterhorror in Hochglanzoptik

Sarah ist dort ständig umgeben von Bauarbeitern, die immer irgendwas am Haus herumwerkeln, drin und draußen. Zudem leben ihre Nichte und deren Sohn Henry bei ihr. Die letzten Winchesters. Sarah hat Regeln aufgestellt, an die sich alle im Haus, auch Price, halten müssen: "Kein Alkohol" ist eine davon.

Price findet Sarah sympathisch, merkt aber auch, dass die Beurteilung ihres Geisteszustands schnell und leicht verdientes Geld darstellt. Sarah glaubt nicht nur an Geister, sie sieht sogar welche und spricht auch mit ihnen. Schlimmer noch: Ihr Haus ist voll von ihnen, die Geister leben dort. Es handelt sich um die Geister von Menschen, die durch ein Winchester-Gewehr gestorben sind. Sie werden in eigens dafür angefertigte Räume gesperrt, die dann mit 13 Nägeln verschlossen werden. 13 - die göttliche Zahl.

Dr. Price denkt sich seinen Teil, aber auch er beginnt schnell, Geister zu sehen und Stimmen zu hören. Anfangs flüchtet er sich noch in den Alkohol, sein ultimatives Trostpflaster nach dem Tod seiner Frau. Gestorben durch ein Winchester-Gewehr. Sarah kennt Price' Geschichte, sie sorgte deshalb dafür, dass genau er ihren Geisteszustand beurteilen sollte. Sie nüchtert ihn aus - und Price öffnet sich für die Welt der Geister. Ein Neuanfang.

Genau das ist es, was Sarah will: Den Geistern ermöglichen, Ruhe zu finden, abzuschließen und damit auch neu anzufangen, ins Reine zu kommen. Ein Geist konnte das bisher nicht. Er musste mit ansehen, wie seine jüngeren Brüder durch Winchester-Gewehre im Bürgerkrieg fielen, machte sich dann auf zur Zentrale des Unternehmens und lief dort Amok. Er tötete mehr als ein Dutzend Menschen, ehe er selbst im Kugelhagel starb - und nun als mächtiger Geist herumspukt und versucht, von Henry Besitz zu ergreifen. Sarah kann das nicht zulassen und Price stellt sich an ihre Seite. Der ultimative Kampf kann beginnen.

"Winchester" rüttelt auf

"Wer mit Gewalt und Tod sein Geld verdient, den lässt das Böse nicht los", beschwört Sarah. Als Zuschauer will man sofort losbrüllen: Genau! Zu frisch sind die Bilder der Amokläufe und Schulmassaker in den USA. Zu frisch auch die immer gleiche Litanei der NRA: "Waffen töten keine Menschen, Menschen töten Menschen." Was die Spierig Brothers mit "Winchester" geschaffen haben, ist also ein hochaktueller, gesellschaftskritischer Horrorfilm. Der Plot ist zwar vor etwas mehr als 100 Jahren angesiedelt, aber zeitlos und passt auch heute perfekt in die Zeit.

Wie ist es um die eigene Moral bestellt, wenn man sein Geld in Rüstungsunternehmen steckt? Oder in Fonds mit Firmen wie Rayttheon, Northrop Grumman oder Krauss-Maffei Wegmann? Klar sind die in unsicheren Zeiten gefragt, in Zeiten, in denen ein US-Präsident als mächtigster Mann der Welt Ressentiments und Hass schürt. Aber muss man sie deshalb kaufen?

Die Frage also, die im Film "Winchester" in einen astreinen Suspense-Geister-Horrorplot verpackt ist, ist eine große. Da passt es perfekt, dass sie von Helen Mirren, einer der besten Schauspielerinnen unserer Zeit, gestellt wird. Das spricht für die nötige Ernsthaftigkeit.

Was am Ende von "Winchester" bleibt, ist ein gutes Gefühl: Zum einen, weil man einen hochwertig aufgezogenen und spannend inszenierten Horrorfilm gesehen hat; zum anderen aber auch, weil man Hirn und Gewissen beanspruchen musste. Das ist bei Horrorfilmen eher selten. Und wer weiß, vielleicht sieht ja Donald Trump den Film auch und kommt ins Grübeln. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Winchester - Das Haus der Verdammten
EUR 12,99
EUR 13,99
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Quelle: n-tv.de