Essen und Trinken

Foodball für Fans Auch Gauchos lieben das süße Leben

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Stolz und selbstbewusst: Gaucho mit Pferd in Ostpatagonien.

(Foto: imago stock&people)

Bratwurst oder Steak? Das ist Geschmackssache und passt beides gut zum hoffentlich spannenden WM-Finale am Sonntag in Rio. Ob wir danach Tango oder Walzer tanzen, wissen wir erst beim Abpfiff.

Eigentlich hatte ich für das Endspiel schon mit einem holländischen Matjes geliebäugelt, mal was anderes in der fleischgeschwängerten Fußballszene. Aber nun … irren ist menschlich, auch im Fußball-Tipp. Denn was essen Argentinier am liebsten? Fleisch, Fleisch und nochmals Fleisch! Man kann es ihnen nicht verdenken, denn die Güte ihrer Weiderinder, die sich in der weiten Pampa ausschließlich von Gras, Quellwasser und frischer Luft ernähren, ist weltberühmt. Das macht das Fleisch besonders saftig, schmackhaft und aromatisch. Kein Wunder also, dass ein gegrilltes Steak als Nationalgericht gilt - in einem Land, in dem mehr Rinder als Menschen leben.

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Groß, größer, Asado: Grillen in Argentinien.

(Foto: imago stock&people)

Argentinien ist ein Schlaraffenland für Fleischesser. Fleisch zählt wie Eier und Mehl zu den Grundnahrungsmitteln und ist entsprechend preiswert. Die Portionen sind meistens riesig, jedenfalls in unseren Augen: Ein 200-Gramm-Steak auf dem Teller dürfte mitleidig belächelt werden, die Ein-Mann-Portion fängt dort bei 400 Gramm an. Zum Fleisch dazu gibt es scharf-würzige Dips, am beliebtesten ist Chimichurri in unzähligen Variationen. Auch die farbenfrohe Salsa criolla (Tomaten-Paprika-Salsa) oder das eigentlich aus Mexiko stammende Avocadopüree namens Guacamole werden werden zu Gegrilltem gereicht. Übrigens: Scharf geht immer!

Als Beilage sind Kartoffeln überaus beliebt; auch das ist verständlich, denn sie stammen schließlich aus den lateinamerikanischen Anden und begannen von hier ihren Siegeszug um die Welt. Auch Mais und Bohnen finden sich in den traditionellen Gerichten, die ihren Ursprung in den Essgewohnheiten der Ureinwohner haben. Ein Beispiel ist der Maiseintopf Locro. Doch auch viele europäische Einflüsse lassen sich auf argentinischen Tellern entdecken; besonders italienische und spanische Einwanderer haben ihre Gerichte in Argentinien heimisch werden lassen: Pasta und Pizza sind im ganzen Land bekannt, und die ursprünglich spanischen Empanadas sind längst fester Bestandteil der argentinischen Küche. Zum heimischen Paprika gesellt sich die vom Mittelmeer "eingewanderte" Aubergine und beide gehen auf dem Grill eine äußerst schmackhafte Liaison ein.

Grillen verbindet

Auch wir Deutschen lieben das Grillen, das steht fest! Auf dem Rost liegen ur-deutsche Bratwürste und Rindersteaks à la Argentina friedlich nebeneinander und Grillen macht auch uns ebenso wie den Argentiniern alleine keinen Spaß. Bei unseren Endspielgegnern ist das alles nur ein bisschen mehr XXXL: Asado heißt die traditionelle Art des Grillens in Argentinien, bei der große Fleischstücke, oft sogar ganze Lämmer und Schweine oder Rinderhälften, auf T-förmige Bratenspieße gesteckt, im Kreis rund um ein großes Lagerfeuer aufgestellt und so geröstet werden. Dabei wird das Fleisch weniger stark erhitzt als direkt auf einem Rost; der Grillprozess dauert entsprechend stundenlang. Asado ist mehr als nur Hunger stillen, es ist ein soziales Ereignis in großer familiärer Runde mit vielen Freunden, das stundenlang alle in seinen Bann zieht.

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Das Leben der Gauchos ist auch heute noch hart, staubig und einsam.

(Foto: imago stock&people)

Die Liebe der Argentinier zu gegrilltem Fleisch wird auf die Gauchos zurückgeführt, jene hartgesottenen Burschen, die die Herden in der Pampa hüteten. Das Leben der Gauchos wird oft ebenso romantisch verklärt wie das der nordamerikanischen Cowboys: Die rauen Kerle jagen im Galopp durch die Landschaft, grillen andauernd halbe Kühe und beklimpern auf der Gitarre die endlose Freiheit. Diese Viehtreiber lebten aber kaum ein glamouröses Leben, sondern eins in Einsamkeit und am Rande der Gesellschaft. Was abenteuerlich aussah, endete mitunter in einem lebensbedrohlichen Unfall. Auch heute reiten noch Gauchos für die Patrones; die Gauchos der Gegenwart sind mehr peones: Landarbeiter und Knechte, mal mehr, mal minder gut bezahlt. Doch der stolze Begriff "Gaucho" ist wichtig geblieben für die Argentinier, so wichtig für ihr Image wie der Tango.

Die Gauchos - die Bezeichnung wird oft umgangssprachlich für Argentinier allgemein verwendet - lieben auch Süßes. Vielleicht, weil richtige Männer zwar eine raue Schale, aber einen weichen Kern haben? Die Zubereitung ihrer Lieblingssüßspeise ist so einfach und ohne Schnickschnack wie Asado - braucht aber ebenso lange. Da sich in den meisten Gärten hierzulande und auf den Terrassen sowieso ein Lagerfeuer umweltschutztechnisch verbietet, meist auch kein halbes Rind zur Stelle und die Fan-Gemeinde räumlich bedingt überschaubar ist (es sei denn, man lädt über Facebook ein …), bleibt es beim normalen Holzkohlegrill für die Steaks. Das ist bekanntlich Minutensache und so bleibt genügend Zeit, das Nationaldessert der Argentinier zusammenzurühren. Das schmeckt auch Fußball-Frauen und -Kids.

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Grillen ist in Argentinien eine Lebensform.

(Foto: imago stock&people)

Und um das deutsche Supermarkt-Rind wenigstens ein bisschen argentinisch schmecken zu lassen, hier ein Würz-Tipp: Die Steaks mit grobem Salz, schwarzem Pfeffer, Oregano und Chiliflocken von beiden Seiten bestreuen. Die Gewürze etwas andrücken und das Fleisch von beiden Seiten mit Olivenöl beträufeln und mit feingehacktem Knoblauch bestreuen. Die Fleischscheiben in eine Schale legen, abdecken und 2 bis 3 Stunden im Kühlschrank ziehen lassen. Dann auf dem heißen Rost medium grillen.

Lassen Sie ein wenig Platz im Magen für das Dessert, das übrigens lecker schmeckt zu gegrillter und flambierter Ananas. Man braucht nicht viel davon, denn es ist ziemlich süß. Dafür hält sich der Rest lange und kann am nächsten Sonntag zum Eis oder Eierkuchen genossen werden:

Dulce de Leche

Zutaten (6 Pers):

1 Liter Vollmilch
250 g Zucker
1 Vanilleschote
½ TL Backpulver oder 1 Msp Soda (Speisenatron, Natriumhydrogencarbonat)

Zubereitung:

Vanilleschote aufschlitzen, aber am Stielende zusammenhängen lassen. Milch (keine fettreduzierte, die brennt beim Kochen an), Zucker, Vanilleschote und Backpulver oder Natron in einem Topf bei großer Hitze zum Kochen bringen und rühren, bis sich der Zucker auflöst. Die Herdtemperatur reduzieren und die Mischung weiter köcheln lassen. Darauf achten, dass sich die Masse nicht am Boden festsetzt und anbrennt. Deshalb ist das Rühren mit einem Holzlöffel sehr wichtig. Die Masse soll gleichmäßig köcheln, ohne überzukochen, also die Hitze stets kontrollieren und anpassen. Den Vorgang so lange fortsetzen, bis die Mischung dickflüssig ist und die Farbe von Karamell angenommen hat. Jetzt sollte die Menge etwa auf die Hälfte reduziert sein. Die Karamellcreme hat die richtige Konsistenz, wenn ein Probeklecks auf einem Teller an den Rändern nicht zerläuft. Die Vanilleschote entfernen, die Creme in eine Schüssel füllen und bei Zimmertemperatur abkühlen lassen. Man kann sie dann sofort essen oder im Kühlschrank schön durchkühlen lassen. Der Kühlprozess geht schneller, wenn Sie die Creme gleich in Portionsschälchen füllen.

Ob Sie später Tango oder Walzer um den Grill tanzen, kommt darauf an, welcher Mannschaft Sie die Daumen gedrückt haben. Und ob’s geholfen hat! So oder so: Ich wünsche uns allen ein spannendes WM-Finale; Ihre Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de