Essen und Trinken

Leben rund ums Stövchen Chiai Catai la Otto

Deutschland ist nie ein richtiges Teetrinker-Land geworden. Und doch werden immer mehr zu Freunden des "seltsam Kraut", nachdem sie wie dazumal im 17. Jahrhundert einen "edlen Thee-Tranck" kosteten. Für Tee muss man sich Zeit nehmen - wer kennt nicht das geflügelte Wort vom "Tee trinken und abwarten"? Es wird unter eingefleischten Teetrinkern nie so eine "Kultur" wie "Coffee to go" geben. Und das ist auch gut so.

Was ist so faszinierend am Tee? Die Vielfalt der Sorten und des Geschmacks? Die Muße des Genießens? Vermutlich auch das, aber es ist auch die Herkunft der kleiner Blätter aus der exotischen Welt Chinas und Japans. Die "Teemutter" ist das Reich der Mitte. Die ältesten Nachweise über Anbau, Handel, Trinksitten - und die Besteuerung des Tees - datieren aus dem 3. Jahrhundert.

Die ersten europäischen Berichte über Tee tauchten in Venedig auf. Der Gelehrte Ramusio sammelte alle ihm zugänglichen Reiseberichte und gab sie in mehreren Bänden heraus. Im 1559 erschienenen zweiten Band der "Navigationi" wird das erste Mal Tee beschrieben, als "Chiai Catai", den der persische Kaufmann Mahommed auf seiner Chinareise kennenlernte: "Ein oder zwei Tassen dieses Getränks nehmen die Leere im Magen, beseitigen das Fieber, Kopf- und Magenschmerzen und alle anderen Beschwerden." In Cathay werde Tee so sehr geschätzt, dass ihn jeder auf Reisen mitnehme.

Der erste Tee, der Europa erreichte, kam 1610 in Holland an, eine kleine Menge, die in Bantam auf Java von der japanischen Insel Hirado eingetroffen war. Der erste Tee auf dem Landweg trudelte 1618 mit einer Kamelkarawane in Russland ein. Als Neuheit wurde das Getränk dann in Europa recht schnell bekannt, allerdings mehr als Medizin denn als wohlschmeckendes Getränk. Holland besaß nach dem Dreißigjährigen Krieg etwa zwei Drittel aller Segelschiffe und war mit dieser Seemacht auch in Ostasien bis lange in das 18. Jahrhundert hinein Beherrscher der Meere und das Handels. Deshalb erreichte der erste Tee die Teetrinkernation England nicht aus China, sondern aus Holland.

Tee wurde damals als Heilmittel in Apotheken verkauft, deshalb kommt die erste Nachricht über Tee in Deutschland aus einer Apotheke in Nordhausen von 1657. Eine Handvoll Tee kostete 15 Gulden. Immer noch wird hierzulande mehr Kaffee als Tee getrunken. Doch es gibt ein Eckchen, deren Bewohner Kaffee nicht die Bohne interessiert: Im früheren Fürstentum Ostfriesland ist Tee Nationalgetränk geblieben, auch wenn das Land an der Nordsee vor reichlich 250 Jahren preußisch wurde. Durch die enge Nachbarschaft mit den Holländern fuhren etliche Ostfriesen auf holländischen Schiffen und brachten viele fremde Dinge nach Hause mit - auch den Tee. In der ostfriesischen Teegeschichte ist 1753 ein wichtiges Jahr: Der "König von Preußen", der erste Segler der Preußisch-Asiatischen Handelskompanie, löschte seine wertvolle Fracht aus Kanton in Emden, darunter mehr als 500.000 Pfund Tee.

Noch heute ist zwischen Dollart und Jadebusen Tee ein Identität stiftendes Lebenselixier und der Umgang mit dem Blätteraufguss strengen Regeln unterworfen. "För 'n lecker Koppke Tee" ist es mit einem Beutel im Becher nicht getan. Das wäre wie Bier aus Büchsen oder Wein aus Getränkekartons.

Fremden sei deshalb ein Besuch des Teemuseums in der Stadt Norden nördlich von Emden empfohlen. Anke Zimmer weiß, wie es richtig geht. Sie zeigt Besuchern eine echte ostfriesische Teezeremonie: "Pro Person gehört ein Teelöffel Tee in die Kanne. Und wenn man's gut meint, noch einen zusätzlich 'für die Kanne'." Der Aufguss solle die Blätter gerade bedecken. Erst nach dem Ziehen werde nachgegossen - so viel, wie Tassen ausgeschenkt werden.

Doch wenn der Tee in die Tasse soll, wird es erst richtig kompliziert. "Zuerst muss der Kluntje hinein", erläutert die Expertin. Im Teewasser knistert der Kandisbrocken geheimnisvoll. "Die typische ostfriesische Teetasse ist klein, gedrungen und dünnwandig", sagt Zimmer. Tee im Becher sei ein Ding der Unmöglichkeit. Der nächste Schritt führt zum Sahnelöffel mit seinem rechtwinklig verlaufenden Stiel. Er wird am Tassenrand entlang geführt und träufelt die Sahne hinein. "Und zwar entgegen dem Uhrzeigersinn", betont Zimmer, "weil damit die Zeit angehalten wird". Früher im armen Ostfriesland, sagt Zimmer, habe die Sahne auch Hunger gestillt.

Sind die Wölkchen da, die sich mit der Sahne bilden, heißt es abwarten und Tee trinken. Dabei umzurühren, würde Unkenntnis offenbaren. Denn der Löffel diene in die Tasse gelegt nur als Signal, dass Nachschenken unerwünscht ist. Den Tee gelte es in drei Stufen zu trinken, bis am Ende der süße Kluntje erreicht ist. "Die hart arbeitenden Leute im protestantischen Ostfriesland gönnten sich früher keine Pausen - bis auf die Teezeiten", berichtet Zimmer. "Da durfte man mal nichts machen und sich an der Teetasse festhalten."

"Teetieden" nennen die Ostfriesen ihre Teepausen. Vier sind es pro Tag - ein Leben rund ums Stövchen. Der Jahresteeverbrauch der Deutschen liegt im Schnitt bei 250 Gramm, in Ostfriesland sind es allerdings 2700 Gramm. Dass die Ostfriesen den Tee nicht nur trinken, sondern sogar essen, beweist eine kleine Köstlichkeit namens "Friesische Teecreme":

Zutaten (4 Personen):
3 Blatt weisse Gelatine
4 EL Teeblätter "Ostfriesenmischung"
100 g Zucker
3 Eigelb
100 ml Milch
200 g Schlagsahne
1 Vanilleschote

Zubereitung:
Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Die Teeblätter mit 1/8 Liter kochendem Wasser überbrühen und 5 Minuten ziehen lassen. Durch ein Sieb abgießen, dabei die Teeblätter gut ausrücken.

Die 3 Eigelb mit dem Zucker schaumig schlagen. Die Milch, 50 ml Schlagsahne, 50 ml Tee und das Mark der Vanilleschote aufkochen und unter ständigem Schlagen zur Ei-Zucker-Masse gießen.

In einem Topf im Wasserbad bis kurz vor dem Kochen schaumig aufschlagen. Die Creme darf aber auf keinen Fall kochen. Gelatine gut ausdrücken und unter Rühren in der Creme auflösen. In recht kaltes Wasser (am besten mit ein paar Eiswürfeln) stellen und abkühlen lassen. Dabei öfter umrühren, damit sich keine Haut bildet.

Wenn die Creme zu gelieren beginnt, die restliche Sahne steifschlagen und unterheben. Die fertige Creme in eine große Schüssel oder in Portionsschälchen füllen und kalt stellen. Traditionell reicht man Rumtopffrüchte zur Teecreme.

Guten Appetit und eine schöne "Teetied" wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de