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Der Umgang mit Alkohol ist eine Kunst, die man technisch und mental beherrschen muss.
Der Umgang mit Alkohol ist eine Kunst, die man technisch und mental beherrschen muss.(Foto: imago/Westend61)
Samstag, 12. August 2017

Ein janusköpfiges Vergnügen : Der Mensch als Fruchtfliege

Von Heidi Driesner

Das Thema ist heikel: Alkohol, Rausch, Trinken. Die Menschheitsgeschichte ist gepflastert mit Alkoholleichen. Kann man sich diesem Thema mit Humor und Ironie nähern? Marcus Reckewitz kann.

"Na, der traut sich was", dachte ich, als ich den Titel las: "Über die Kunst der Trunkenheit". Ein "Plädoyer für den gepflegten Rausch" also, und das in einer Zeit von Ballermann und Koma-Saufen, von Warn-Schreien quer durch Ärzteschaft und WHO, von Politikern und Ernährungsspezialisten vor der immensen Gefahr des Hochprozentigen und dessen Suchtpotential. Spätestens auf Seite 25, da fängst das zweite Kapitel "Am Anfang allen Seins/Oder: Der Mensch, im Rausch geboren" an, haben auch Sie sich, so wie ich, festgelesen. Da hat man die ersten Lacher, ein Rezept für den Drink zwischendurch (in diesem Falle ein Harvey Wallbanger) und den Gang zum Kühlschrank hinter sich. Trotz des Spaßes an einer gepflegten Trunkenheit sollte man dieses Buch bei wachem Verstand lesen; Abstinenz allerdings wäre schade, das hat das Buch nicht verdient! Denn darum geht es: um einen freien, ungezwungenen Blick auf den Genuss und einen erwachsenen Umgang mit dem Alkohol. 

Reckewitz geht es um eine angstfreie Haltung zum Alkohol. Wie das geht, beschreibt er mit viel Vergnügen und Augenzwinkern.
Reckewitz geht es um eine angstfreie Haltung zum Alkohol. Wie das geht, beschreibt er mit viel Vergnügen und Augenzwinkern.(Foto: Anaconda Verlag)

Autor Marcus Reckewitz schreibt über sich selbst: "Ich trinke. Und zwar mit Vergnügen." Aus unterschiedlichen Gründen. Doch auch ohne Grund, nur weil's schmeckt. Und zitiert u.a. George Bernard Shaw: "Alkohol ist das Narkosemittel, mit dem wir die Operation Leben überstehen." Damit ist er mittendrin in diesem heiklen Thema: Alkohol, Rausch, Trinken – "von der Menschheit seit jeher ebenso geliebt wie gefürchtet". Der bekennende Genusstrinker Reckewitz weiß um die Janusköpfigkeit des Alkoholkonsums: "Alkohol ist nun einmal eine in jeder Hinsicht ambivalente Angelegenheit. Und die Kunst der Trunkenheit ist angesiedelt zwischen Hochgefühl und Absturz, zwischen Genuss und Filmriss, zwischen Kultur und Sucht." Der Autor negiert keinesfalls die gefährlichen und teils widerlichen Auswirkungen von zu viel Alkohol, aber er tut das ohne nervend zu moralisieren, er erhebt nicht den Zeigefinger. Sich vollzuballern ist sinnlos und dumm, ein gepflegter Rausch dagegen kann ziemlich entspannend sein. Und das ist eben die Kunst der Trunkenheit, die nicht jeder beherrscht, denn dazu braucht man Verstand, Technik und Erfahrung. Und so räumt Reckewitz auch mit etlichen Märchen über den Alkohol auf. Von wegen Betrunkene sagen immer die Wahrheit! Oder Alkohol schärfe den Verstand! Das tut der nur, wenn Verstand da ist: "Der Alkohol entzündet nur, was in einem Hirn an brennbarem Stoff vorhanden ist." Folgerichtig lautet der Zwischentitel zu diesem Sachverhalt: "Doof bleibt doof".

"Über die Kunst der Trunkenheit/Plädoyer für den gepflegten Rausch" ist im Anaconda Verlag erschienen. Für nur 7,95 Euro kauft man da eine Menge Information und Spaß auf 256 Seiten. Darüber hinaus macht die Hardcover-Ausgabe in dunkelrotem Leinen mit Golddruck auch optisch eine Menge her. Ein tolles und preiswertes Mitbringsel zur nächsten Party!

Affen, Fliegen, Mensch – und das Reinheitsgebot

Marcus Reckewitz schildert, warum Menschen seit Jahrtausenden bisweilen über das Maß hinaus alkoholische Getränke in sich hineinschütten oder welche Gründe es gibt, mit Sinn und Verstand Alkohol zu genießen. Der geneigte Leser kennt natürlich die Studien, wonach der Suff älter ist als die Menschheit, weil nämlich unsere äffischen Vorfahren während des Klimawandels vor 15 Millionen Jahren vermehrt ethanolhaltiges Fallobst aßen. Die Fähigkeit, Alkohol abzubauen, bot vermutlich den entscheidenden evolutionären Vorteil, um nicht mehr auf dem Baum, sondern auf der Erde leben zu können. Alkohol also als Katalysator bei der Menschwerdung des Affen! Der Umgang mit Alkohol aus gesundheitlicher Sicht sei erst problematisch geworden, als der Mensch begann, Getränke mit höherem Ethanol-Gehalt als es Fallobst intus hat herzustellen, so die Biologen vom Santa Fe College. Bei Reckewitz erfährt man auch, dass der Mensch einer Fruchtfliege nicht unähnlich ist, jedenfalls was die Alkoholtoleranz anbelangt. Der Unterschied: Volltrunken bestellt der Mensch sich ein Taxi, Drosophila melanogaster erliegt der Fliegenklatsche.

Was Marcus Reckewitz über das deutsche Reinheitsgebot  ("Einheitsgebot!") zu berichten weiß, dürfte naturgemäß besonders Biertrinker interessieren, vor allem jene, die auf dieses eherne Gesetz pochen. Denn so "rein" ist unser heutiges deutsches Bier schon lange nicht mehr, weil die Gesetzeslage statt natürlicher Hopfendolden auch klebrigen Hopfenextrakt und diverse chemische Filterstoffe erlaubt, wovon Großbrauereien bis zum Erbrechen Gebrauch machen. Zudem ist dank dieses "Reinheitsgebots" der deutsche Biermarkt zu einer einfallslosen Einöde verkommen: Alles schmeckt irgendwie gleich. Dem kann ich nur zustimmen! Wer aus der Reihe tanzt, den rülpst der Behördenschimmel zurück. Reckewitz hat auch dafür ein bizarres Beispiel aus Bayern parat, das zum Brüllen wäre, wäre es nicht zum Heulen. Das Schicksal der Camba Bavaria Brauerei, die inzwischen in Österreich produziert und ihr Bier nach Deutschland exportiert, weil nämlich importiertes Bier hierzulande dem Reinheitswahn entgeht, erinnert mich an das Gezerre um den "Schwarzen Abt" aus der Neuzeller Klosterbrauerei im Land Brandenburg. Ich oute mich als zu jenen gehörend, die auf das Reinheitsgebot pfeifen und mit Vorliebe und höchstem Genuss belgisches Importbier trinken. Weil’s so herrlich "unrein" ist und zum Beispiel in Berlin meistens leichter zu bekommen ist als handwerklich gebrautes Bier aus kleinen deutschen Familienbrauereien, die mit ihren Mini-Produktionen von den übermächtigen Brauereiriesen abgehängt werden. 

Der Sachbuchautor Marcus Reckewitz hat noch mehr auf Lager als "die Kunst der Trunkenheit".
Der Sachbuchautor Marcus Reckewitz hat noch mehr auf Lager als "die Kunst der Trunkenheit".(Foto: ©Marcus Reckewitz privat)

Reckewitz' Stil ist locker, ironisch, sprachlich brillant und auf den Punkt gebracht, mitunter an Deutlichkeit nicht zu übertreffen. Köstliche Anekdoten, geistreiche Zitate und lebenskluge Bonmots zeugen von der Kulturgeschichte von Bier, Wein & Co. Irgendwie geistern sie alle durch Reckewitz‘ Buch: Ramses II., Karl der Große und Luther, die alten Griechen und Römer, die modernen Franzosen und Spanier, Politiker von Brandt bis Strauß und ihr Verhältnis zu geistigen Getränken, der Bundestag als Alkoholikerversammlung, der Kölner Karneval und das Saufen im Altersheim. Die Heilige Schrift und ihre Hinweise auf den Wein als göttliche Gabe und das gleichzeitige Wettern gegen das Trinken – und die Erkenntnis, dass man einen Pudding nicht an die Wand nageln kann. Kaputtgesoffene Ehen, die aber auch ohne Alkohol längst im Eimer waren, Studien, die nicht weiterhelfen, fünf Hausärzte mit fünf Meinungen und, und, und... Absolut köstlich und – das liegt nicht nur in der Natur des Gegenstands, sondern auch in der Schreibkunst des Autors begründet – keinesfalls trocken! 

Zu den 14 Kapiteln gehört auch jeweils "Der Drink für zwischendurch". Witzige Idee; wenn man die alle probieren möchte, sollte man sich aber Zeit lassen mit dem Durchlesen des Buches... Zu jedem Cocktail werden Geschichten zu Namen und Herkunft serviert. Aus Reckewitz‘ Barkarte habe ich Ihnen "Bronx" herausgesucht, weil den dereinst witzigerweise ein überzeugter Antialkoholiker im Waldorf Astoria in New York zusammengeschüttelt haben soll:

Bronx Medium

Zubereitung:

Zutaten (pro Glas):

4 cl Gin
1 cl Vermouth dry
1 cl Vermouth rosso
3 cl Orangensaft

1. Alle Zutaten in den Shaker geben und gut schütteln.
2. In die Cocktailschale abseihen.

Varianten:
Mit weniger Alkohol: Nur 3 cl Gin und 4 cl O-Saft.
Bronx dry: Ohne Vermouth rosso, dafür mit 2 cl Vermouth dry.
Bronx Silver: Dem Bronx Medium ein Eiweiß hinzufügen.
Bronx Golden: Das ist der Medium mit einem Eigelb.

Warum der Bronx Bronx heißt? Steht auf Seite 89.
Viel Spaß beim Lesen, Mixen, Trinken – und Rauschen wünscht Ihnen Heidi Driesner. Prost!

Quelle: n-tv.de

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