Essen und Trinken

Tinca auf dem Bauchnabel Eine schlüpfrige Angelegenheit

Eigentlich hatte ich meiner Mutter für den Pfingstsonntag ja "Aal grün" versprochen. Leider musste "mein" Fischer passen: Er hatte nicht einmal für seine Familie Aal gefangen! Der hatte sich wohl versteckt, weil's ihm zu kalt an den Flossen war. Dafür aber empfahl mir der Fachmann vom Zeuthener See frisch gefangene Schleien. Nicht zu groß, gerade in der richtigen Bratgröße, so dass 2 Stück pro Person ausreichen. Als ich noch so mit mir rang, kam des Fischers Vater hinzu (natürlich auch Fischer) und überzeugte mich von den Schleien, indem er mir sein Rezept verriet.

Ich hatte bislang Fische mit schleimiger Haut immer gut abgewaschen, wenn ich sie braten wollte. Der Schleim war meiner Meinung nach nur wichtig, wenn man Karpfen oder Forelle "blau" zubereiten wollte. Aber denkste! Ich jedenfalls kaufte die Schleien und bereitete sie so zu, wie "Fischers Fritze" es empfahl. Es war ein Genuss! Zugegeben - dieser Fischschleim ist nicht jedermanns Sache. Aber die Sache lohnt ein wenig Überwindung.

Noch dazu wenn man weiß, dass das Geschlabber sooo gesund sein soll. Die Schleie gilt nämlich als "Wunderheilerin". Der Schleim schützt ihre dicke Lederhaut, die mit zahlreichen winzigen Schuppen besetzt ist. Verwundete Fische sollen durch die Berührung der schleimigen Pelle geheilt werden. Angler nennen die Schleie daher auch den "Leibarzt" des Hechtes. Zu Zeiten, als man Gelbsucht noch mit Handauflegen "heilte", wurden den Betroffenen Schleien auf Hände, Füße und Bauchnabel gelegt. Auch bei Fieber, Kopf- und Zahnschmerzen kam "Tinca tinca", so der lateinische Name, dergestalt zum Einsatz. Brrr, irgendwie schlüpfrig. Ich habe, was den Heilungserfolg anbelangt, erhebliche Zweifel. Wahrscheinlich berechtigt. Bei mit kommt Tinca jedenfalls in die Pfanne, dann auf den Teller und dann IN den Bauch.

In einigen Regionen Italiens übrigens gehört ein Gericht mit Schleien zu den herausragenden Köstlichkeiten - Risotto con la Tinca oder auch Risotto alla Tinca: Schleienrisotto.

Die Schleie gehört zu den Karpfenartigen, und ihr Name wird auf das indogermanische Wort "s(lei)" - schleimig, glitschig - zurückgeführt. Ihr Fleisch ist fest und relativ fettarm, es schmeckt sehr delikat, etwas nussig. Die störenden Gräten halten sich im Rahmen, lediglich die feinen Stützgräten ärgern ein wenig. Leider findet man Schleien nicht allzu häufig im Angebot der Fischläden. Grund ist das langsame Wachstum der Schleie, die wesentlich langsamer wächst als der Karpfen. Wenn Ihnen also eine Schleie "über den Weg läuft" - greifen Sie zu und servieren Sie Ihrer Familie "Gebratene Schleie nach Art des Fischers":

Zutaten
Pro Person 2 kleinere Schleien
Mehl
Zitronensaft, Salz, weißer Pfeffer
Öl zum Braten
gehackte Petersilie

Zubereitung
Die vom Fischer küchenfertig ausgenommenen Fische vorsichtig unter fließendem kaltem Wasser auswaschen. Den Schleim ringsum auf der Fischhaut möglichst gut erhalten. Es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie die Fische mit oder ohne Kopf braten. Das kommt ganz auf die Größe Ihrer Bratpfanne an, denn der Kopf einer Schleie ist relativ groß.

Mit etwas Zitronensaft beträufeln, salzen und pfeffern und ringsum mehlieren. Die bemehlten Fische 5 Minuten ruhen lassen, damit das Mehl gut bindet. Dann noch einmal wenig mehlieren und sogleich in recht heißem Öl braten. Keine Butter oder Margarine verwenden, denn das Öl muss im Gegensatz zu dem sonst üblichen milderen Braten von Fischen wirklich sehr heiß sein; die Schleie müssen schön scharf angebraten werden.

Nach dem scharfen Anbraten der einen Seite wenden und die zweite Seite ebenso gut anbraten. Schwarz sollten die Fische natürlich nicht werden! Dann auf reduzierter Hitze fertig braten. Die Kruste ist dann schön knusprig und das Fischfleisch innen saftig.

Auf dem Teller die Fische mit der Petersilie großzügig bestreuen. Bei mir gab es als Beilagen Kartoffelbrei und Brokkoli, bestreut mit in Butter kurz gerösteten Mandelblättchen. Die beiden Fischer Strietzel übrigens meinten, sie verzichten auf die Beilagen und essen lieber eine Schleie mehr ...

Guten Appetit wünscht Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de