Essen und Trinken

Unterwegs zu Luther Feine Sitten!

Als Bruder Martinus Lüder 1507 nach Wittenberg kam, war er ein unbekannter Augustinermönch und beklagte sich, dass er an der "Grenze zur Zivilisation" leben und lehren sollte, in dieser aus kümmerlichen Lehmbauten bestehenden Stadt, die der Frater "Schindleiche" schimpfte. Als Martin Luther 1546 starb, war die Stadt an der Elbe eine "Steinstadt" geworden, mit einer weithin bekannten Universität voller Gelehrter und Studenten mit kurzen Wegen zwischen Bett, Bibliothek und Bier, eine Hochburg der "Schwarzen Kunst", der Druckerei. Und Lüder/Luther selbst eine Berühmtheit: der große Reformator.

Dazwischen lagen die Lehre der Moralphilosophie und unzählige Schriften, Predigten, Vorlesungen, Kommentare und Disputationen, das Wettern gegen den Ablasshandel des Dominikaners Tetzel und der Anschlag der 95 Thesen, Verbrennung der päpstlichen Bannandrohungsbulle und die Rettung auf die Wartburg, die Übersetzung der Bibel, die Hochzeit mit einer Nonne und die Geburt von sechs Kindern Luthers und seiner "Käthe".

Ich hatte dieser Tage meine ganz eigene Begegnung mit Herrn und Frau Luther im schön restaurierten Wittenberg. Ein paar Nachkommen der geschäftstüchtigen Frau (weltweit soll es noch etwa 2.800 Nachkommen von Martin Luther und Katharina von Bora geben) müssen heute noch dort leben: Mit dem Samen der "Original Luther-Eiche" wird ein schwunghafter Handel getrieben: Ein aus diesem Samen gezogenes Bäumchen im Blumentopf kostet 70 Euro. Die große Eiche steht an der Stelle, an der der Reformator vor der begeisterten Studentenschaft Wittenbergs die Bücher des alten Kirchenrechts und ein Exemplar der Bann-Bulle verbrannte, nachdem seine kirchlichen Widersacher begannen, seine Schriften einzuziehen und zu verbrennen. Die "Original Luther-Eiche" stammt allerdings von 1830 … Apropos Handel: In der historischen Druckerstube im Cranachhof kann sich der reuige Sünder von heute auch noch einen Ablasszettel drucken lassen. Mein Ablasshandel scheiterte allerdings an der Mittagspause der Druckergesellen.

Ich lernte so einiges von Luther, Melanchthon und den beiden Cranachs bei meinem Ausflug ins Wittenbergische, zum Beispiel, dass man nicht ins Wohnzimmer pinkeln soll, wenn Besuch kommt. Auch, dass "Zickenkrieg" kein Begriff der Moderne ist, sondern getrost auf die Damen Luther und Melanchthon zurückzuführen ist. Darüber aber ein anderes Mal.

Luther war nicht nur für seine derben Sprüche bekannt, sondern auch für seine Vorliebe für deftige Speisen, für Bier und vor allem Wein. Im nahe gelegenen Jessen wird seit dem 13. Jahrhundert Wein angebaut, begünstigt durch ein mildes Mikroklima. Den heimischen "Gorrenberger" wusste auch Luther schon zu schätzen. Heute gilt die Region als das nördlichste Weinanbaugebiet Deutschlands, aus dem zu meiner Überraschung nicht nur Riesling, Kerner und Müller-Thurgau kommen, sondern auch gute Rotweine. Noch überraschter war ich, als ich den fruchtigen Spätburgunder "Jessener Gorrenberg" vom Weingut der Gebrüder Hanke sogar in Berlin zu kaufen bekam.

Von den Luther-Sprüchen aber dürfte mindestens die Hälfte nicht aus seinem Munde, sondern aus seiner engeren Umgebung stammen. Sie wurden ihm einfach in den Mund gelegt, das vermarktete sich damals wie heute besser (siehe Luther-Eiche…). Einige entstanden sogar Jahrhunderte später. Der "berühmte" Tischspruch: "Warum rülpset und …" soll ihm erst im 18.Jahrhundert zugeschrieben worden sein.

Essen und trinken wie zu Luthers Zeiten kann man auch heute noch in Wittenberg: Das Best Western Stadtpalais Wittenberg bietet auf tönernem Geschirr ein "Luther-Mahl", natürlich "passend" gemacht für den feineren europäischen Gaumen der Gegenwart. Luthers Leibspeise übrigens waren Hering mit Erbsen und Schweinernes, vielleicht auch eine "Gefüllte Schweinskeule":

Zutaten:
1 Vorderkeule vom Schwein
1 Flasche Riesling "Jessener Gorrenberg" (oder anderer Riesling)
3 Lorbeerblätter
10 Wacholderbeeren
10 Pfefferkörner, schwarz
700 g Feigen
1 kleiner Endivienkopf
8 Eigelb
schwarzer Pfeffer aus der Mühle, Salz

Zubereitung:
Man mischt Wein und Wasser im gleichen Verhältnis und macht die Schweinskeule mit Salz, Lorbeer, Wacholder- und Pfefferbeeren darin fast gar. Man löst das magere Fleisch inwendig daraus, hackt dasselbe wie auch die Endivienblätter und die Feigen klein und macht Pfeffer daran. Dann schlag 4 Eidotter dazu und knete alles fest. Damit wird die Keule wieder gefüllt, mit Holzstecklein zugesteckt und in dem Sud endlich fertig gegart. Ist die Keule gar, rühre die anderen 4 Dotter an den Sud. Trage die Keule zu Tisch und gieße die Brühe darüber.

Tipp: Lassen Sie das Keulenstück vom Fleischer entbeinen. Bevor Sie die gefüllte Keule in dem Weinsud fertig garen, geben Sie ihn durch ein Sieb, damit die Gewürze zurückbleiben. Es ist auch besser, die gefüllte Keule mit Küchenzwirn zu umwickeln, anstatt Zahnstocher zu verwenden. Die halten die ganze Sache nämlich kaum zusammen! Geschmacklich variieren können Sie, indem Sie Rot- statt Weißwein und Backpflaumen statt Feigen verwenden. Sie bleiben dennoch sozusagen im Geschmack des Mittelalters.

Da man zu dieser Zeit noch keine Kartoffeln kannte, wurden Brot und Erbsbrei als Bratenbeilage bevorzugt. Zu unserem etwas suppigen Gericht empfehle ich Brot.

Viel Spaß wünscht Heidi Driesner - und halten Sie's mit Luther: "Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser – das ist eine Vorschrift für Fische".

Quelle: ntv.de