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Weißer und rosa Knoblauch locken nach Halle/Saale.
Weißer und rosa Knoblauch locken nach Halle/Saale.(Foto: imago stock&people)
Samstag, 07. Juni 2014

Anrüchiges aus Halle: König Knoblauch lebt

Von Heidi Driesner

Am Mittwoch nach Pfingsten liegt wieder ein Duft über Halle, den manche eher als Gestank bezeichnen. Der durch alle Löcher ziehende Geruch in der Saalestadt geht zum Glück von keiner chemischen Keule aus. Es hilft nur eins: mitmachen!

Es ist "Knoblauchsmittwoch" in Halle an der Saale. Die Jünger der Stinkerzwiebel treffen sich an historischer Stelle und frönen ihrer Leidenschaft: Knoblauchgenuss in jedweder Form und Menge. Damit auch laienhaft Interessierte noch richtig durchatmen können, hilft nur eins: mitmachen! Sonst bleibt’s beim flachen Hecheln …

Vampire reagieren ausgesprochen allergisch auf Knoblauch.
Vampire reagieren ausgesprochen allergisch auf Knoblauch.(Foto: imago stock&people)

Dieses Fest der besonderen Art fand wohl schon im 15. oder 16. Jahrhundert statt und gilt daher als eines der ältesten Volksfeste in Halle. Der eigentliche Ursprung kommt etwas vernebelt daher, was möglicherweise am stechenden Geruch Tausender Knoblauchknollen liegt. In Archiven und mündlichen Überlieferungen werden mehrere Deutungen genannt. So sollen die Kalandsbrüder als erste das Knollenfest begangen haben, einzig allein aus dem Grunde, weil sie sich Pfingsten offenbar überfressen hatten. Die Mägen waren schwer und übervoll und so wurde zwecks Festigung der leicht angegriffenen Gesundheit ein Knoblauchtag als dringend notwendig erachtet. Denn die tolle Knolle galt in jenen Zeiten schlichtweg als Universalheilmittel gegen Bauchgrimmen, Pest und Vampire.

Kalandsbruderschaften waren Gemeinschaften von wohlhabenden Bürgern im Mittelalter, die sich der Wohltätigkeit für Arme, Kranke und die Hinterbliebenen gestorbener Mitglieder verschrieben hatten. Mitglieder waren sowohl Geistliche als auch Laien, die sich regelmäßig am Monatsersten trafen, beteten und wohltätige Werke taten. Das macht mächtig hungrig und so wurden die Treffen immer mit einem opulenten Mahl beendet (das trockene Brot war vorher an die Armen verteilt worden). Mit den Jahren verselbstständigte sich offenbar die Völlerei der Brüder, unter denen auch Schwestern waren, und so wurde die Kritik an derlei Verhalten schärfer und führte zur Zeit der Reformation letztendlich zur Auflösung der Bruderschaften in den protestantischen Ländern. Aus jener Zeit stammt auch der tadelnde Spruch über allzu schlimme Zecher außerhalb der Bruderschaften: "Der kalendert die ganze Woche durch". In katholischen Gegenden dauerte der Rückgang länger; heute existieren in Nordrhein-Westfalen noch zwei Kalandsbruderschaften. Auch in Halle an der Saale verschwand die Bruderschaft mit der Reformation, die Tradition des Knoblauchsmittwochs aber blieb.

König mit anrüchigem Duft

Am Rathaus von Eisleben: Der Knoblauchkönig oder nicht?
Am Rathaus von Eisleben: Der Knoblauchkönig oder nicht?(Foto: Con2tto cc-by-sa)

Andere Chronisten behaupten, der Knoblauchsmittwoch gehe auf Hermann von Salm zurück, der von den aufmüpfigen Sachsen als "Gegenkönig" zu Heinrich IV. am 6. August 1081 aufgestellt und am 26. Dezember von Erzbischof Siegfried von Mainz gekrönt wurde. Hermann verbrachte einige Jahre auf der Wasserburg in Eisleben, um die herum der Überlieferung nach jede Menge Knoblauch angebaut wurde. Den Geruch hat vermutlich die ganze Gegend angenommen, darunter auch Hermanns Residenz und der König selbst. Worauf er von seinen kaiserlichen Gegnern den Spottnamen "Knoblauchkönig" erhalten hat. Eine unscheinbare Plastik im Mauerwerk des Eisleber Rathauses soll den Knoblauchkönig darstellen, genau weiß das aber niemand. Behauptet wird mitunter, der arme Hermann wurde am Mittwoch nach Pfingsten anno 1088 erschlagen, weshalb seither dieser Tag im Volksmund "Knoblauchsmittwoch" genannt wird. Historisch belegt ist dagegen, dass der Knoblauchkönig erst im September 1088 in der Schlacht um Burg Cochem gefallen ist. Auch in den Sagen der Gebrüder Grimm findet sich Hermann wieder, der Zeit seines Lebens einfluss- und machtlos blieb: "Die Kaiserlichen nannten ihn zum Spott Knoblauchkönig oder König Knoblauch, und er kam nie zur Macht, sondern wurde nachher auf einer Burg erschlagen, wohin er geflohen war. Da sagte man abermals: 'König Knoblauch ist tot.'"

Ob nun königlich oder brüderlich: Den Knoblauchsmittwoch gibt es immer noch. Wobei die Geschichte des Festes selbst ähnlich bewegt wie seine Herkunft dunkel ist. 1871 ließ der damalige Polizeipräsident das Fest auf Druck von Hermann Fiebiger verbieten. Der Vorsitzende des Hallischen Verschönerungsvereins hatte sich gegen den Knoblauchsmittwoch gewandt, weil das vergnügungssüchtige Volk die 1867 angelegten Rasenflächen und Blumenrabatten der Würfelwiese mehrmals zertrampelte. So hieß es jedenfalls, möglicherweise war aber auch nur der strenge Geruch der Stein des Anstoßes.

Als Hallenser sich 2002 auf die jahrhundertealte Tradition besannen, ließen sie sicherheitshalber das alte Verbot aufheben, bevor das erste Fest startete. Die Organisatoren sind übrigens nicht nachtragend, sondern beteiligten sich 2007 an der Reinigung der Fiebiger-Säule auf der Würfelwiese. Die Wiese war früher als Polizeipark bekannt und bekam im Laufe der Jahre den heutigen Namen, weil die sich dort verlustierenden Bürger nicht nur jede Menge Knobi futterten, sondern sich auch beim Würfelspiel amüsierten.

Auch seit 2002 hatte die Knoblauchsmittwochsgesellschaft immer wieder mit bürokratischen Hürden zu kämpfen, und so fiel das Fest mehrfach ins Wasser. Seit März 2014 sind die Organisatoren endlich als gemeinnütziger Verein zur Pflege und Förderung des Brauchtums anerkannt und einem Fest der Lebensfreunde am 11. Juni 2014 - und an allen folgenden Mittwochen nach Pfingsten - steht nun nichts mehr im Wege. Knoblauch gibt’s dem Motto getreu reichlich in Wurst und Brot, in Honig und Senf, in Suppe und pur. Nur das Bier ist Gottlob ohne weiße Zehen. Festbesucher, die an den nachfolgenden Tagen körpernahe Dienstleistungen wie Friseur oder Zahnarzt geplant haben, sollten zu Trick 17 greifen: Heftiges und langanhaltendes Kauen von Gewürznelken oder frischer Petersilie und Minze hilft gegen den Knoblauch-Atem; etwas jedenfalls. Sollten Sie unter Missachtung Ihrer Gesundheit zu wenig Knoblauch gegessen, aber zu viel Alkohol getrunken haben, hilft ein eiskaltes Knoblauchsüppchen – what else?

Katersüppchen

Zutaten (1 Pers):

500 g reife Tomaten
½ Salatgurke
4 Knoblauchzehen
½ Bd glatte Petersilie
4 EL Olivenöl
200 ml Eiswasser
Salz, frisch gemahlener Pfeffer

Zubereitung:

Tomaten und geschälte Gurke fein würfeln. Petersilie und Knoblauchzehen hacken. Alles mit dem Öl vermengen. Mit eiskaltem Wasser auffüllen und mit Salz und Pfeffer kräftig abschmecken.

Besonders schwere Fälle geben noch 1 Esslöffel Crash-Eis auf die Suppe.

Viel Erfolg, frische Luft und keinen Kater wünscht Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de