Essen und Trinken

Tränen, Mundgeruch und Goethes Libido Nur für Hartgesottene

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Goethe war Genussmensch. Er liebte auch Zwiebeln.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Deutsche Küche? Gibt es eine? Sie unterscheidet sich so wie ein Berliner von einem Bayern, ein Hamburger von einem Schwaben. Und das ist auch gut so. Die "deutsche Küche” ist so abwechslungsreich wie das Land selbst mit Bergen und Meeren, tiefen Wäldern und fruchtbaren Ebenen - und muss sich nicht verstecken oder Vergleiche scheuen.

Was dem Bayer die Weißwurst, ist dem Bremer sein Labskaus. Und die guten "Rostbratwürscht” wird es wohl so lange geben, wie es auch Thüringer gibt. Bleiben wir zum "Tag der Deutschen Einheit” doch zu Gast bei den Thüringern, die Seite an Seite mit Hessen, Niedersachsen und Bayern leben - und die sich 40 Jahre trotz dieser Nähe nicht gegenseitig in die Töpfe gucken konnten.

In Thüringen liegt viel, was deutsche Geschichte ausmacht. Burgen und Schlösser oder das, was die Zeit davon übrig ließ, künden davon, dass Thüringen seit dem Mittelalter eine Hochburg deutscher Kleinstaaterei war. Hier wurde die letzte Schlacht des Großen Deutschen Bauernkrieges geschlagen. Auch das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit hat auf dem Ettersberg bei Weimar seine Spuren hinterlassen.

Goethe, Schiller, Bach und Luther waren hier zu Hause. Immer zu empfehlen ist eine Reise in die Klassikerstadt Weimar, denn besonders "der Geheimrat” war kein Kostverächter; Goethe kümmerte sich stets selbst um den Küchenzettel. Jetzt im Herbst fließen in Weimar aber auch die Tränen - es ist Zwiebelmarkt! Er findet eine Woche nach dem Tag der Deutschen Einheit vom 8. bis 10. Oktober statt. Sicher nicht so weltberühmt wie das Oktoberfest in München, dafür aber wesentlich älter und nicht minder nahrhaft.

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Prachtvolle Zwiebelzöpfe sind das Markenzeichen des Weimarer Zwiebelmarktes.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Seit 1653 der Herzog von Weimar den "Viehe- und Zippelmarckt" genehmigte, bieten Bauern schwere, aus Zwiebeln und Stroh geflochtene Rispen den städtischen Bürgern als Wintervorrat an. Damals zählte Weimar immerhin 5000 Einwohner. Doch verkauft wurden nicht nur Zwiebeln, sondern auch Sellerie, Meerrettich, Knoblauch, Porree und Majoran sowie zahlreiche andere Gemüse- und Gewürzsorten.

Der Markt entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts zum Zwiebel-Einkaufszentrum für ganz Mitteldeutschland. Zu DDR-Zeiten kamen bis zu 120.000 Besucher in die Stadt - an nur einem Tag. 32.000 Zwiebelzöpfe wurden beispielsweise 1970 verkauft - immerhin 100 Tonnen Zwiebeln waren dazu nötig. Gereicht haben sie dennoch nicht. Meistens waren sie schon am Vormittag "aus".

Nach der Wende wurde der Zwiebelmarkt auf drei Tage verlängert. Damals wie heute sind es vor allem die Zwiebelbauern aus Heldrungen, die die Zöpfe flechten und verkaufen. Es gibt sie in kleinen Ausführungen für die Mini-Küche oder auch in XXL für die Großfamilie, einfarbig aus gelben oder roten Zwiebeln oder zweifarbig aus beiden Sorten.

Auch Goethe hatte sich nie das Marktangebot entgehen lassen. So ließ der Dichterfürst die gekauften Zwiebelzöpfe an seinem Schreibtisch befestigen, schmückte sein Haus mit ihnen und lobte die gesundheitsfördernde Wirkung der Zwiebel. Dank der ätherischen Öle - die übrigens die Tränen in die Augen treiben - sollen Zwiebeln den Appetit anregen, den Blutzucker senken oder entzündungshemmend und desinfizierend in Magen und Darm wirken.  Der von Zwiebelgegnern zwecks Ablehnung ins Feld geführte Mundgeruch gilt so nicht: Nur roh verspeiste Zwiebeln verursachen Mundgeruch. Gekochte Zwiebeln riechen nicht.

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Am besten schmeckt der Zwiebelkuchen frisch vom Blech.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Vom alten Babylon bis ins Mittelalter, sogar noch bis ins 18. Jahrhundert glaubte man nahezu euphorisch an das Wunderheilmittel Zwiebel. Man setzte sie ein gegen Magengeschwüre und Hämorrhoiden, Kahlköpfigkeit und Taubheit, Vergiftungen und Würmer. Zwiebelsud sollte helfen gegen den leidigen Kater nach durchzechter Nacht. Kein Wunder, dass bei so vielen guten Eigenschaften die Zwiebel auch als vielversprechendes Aphrodisiakum galt. Scheich Nefzaui preist sie in seinem Liebeslehrbuch als Wundermittel; der Legende nach soll ein - offenbar sehr bedürftiger - Abar el Soundso es "in einer Nacht auf 82 Damen gebracht" haben. Ob es nun diese "Kraft" war, die Goethe so erstrebenswert fand, oder ob es Hämorrhoiden waren, die ihn quälten - wer will das so genau wissen?

Für alle, die nicht nach Weimar zum 357. Zwiebelmarkt fahren können, verrate ich heute mein Lieblings-Zwiebelkuchenrezept. Es ist sicher nicht originalgetreu, aber das macht nichts: Jeder Bäcker hat dort sowieso sein eigenes Rezept. Mit dem Speckkuchen gibt es eine deftige Abwandlung des Weimarer Zwiebelkuchens; man kann beide Beläge aber auch wunderbar miteinander kombinieren - genau das mache ich. Mein "Zwiebelmarktkuchen" macht zwar etwas Mühe, schmeckt aber auch "in der Fremde":

Zutaten (für ein Blech):

Für den Teigboden:
500 g Mehl
¼ l Milch
40 g Hefe
½ TL Salz
1 Prise Zucker
2 Eier
50 g Butter

Für den Belag:
200 g durchwachsener Räucherspeck
800 g Zwiebeln
¼ saure Sahne
3 Eier
2 EL Öl
Salz, frisch gemahlener schwarzer Pfeffer, gemahlener Kümmel

Zubereitung:

Für den Hefeteig die Hefe in der lauwarmen Milch auflösen. Mehl in einer Schüssel sieben und mit Salz vermischen. In die Mitte eine Vertiefung drücken und die Hefemilch hineingeben. Etwas Mehl darüber streuen und abgedeckt an einem warmen Ort 20 Minuten gehen lassen.

Dann mit der zimmerwarmen Butter, einer Prise Zucker und den Eiern einen schönen glatten Hefeteig kneten. Wieder zudecken noch zum zweiten Mal gehen lassen, etwa eine Stunde lang, bis der Teig schön aufgegangen ist.

In der Zwischenzeit die Zwiebeln schälen und in recht feine Ringe schneiden. Den Speck in kleine Würfel schneiden, in dem Öl auslassen und die Zwiebelringe darin glasig dünsten. Abkühlen lassen.

Den aufgegangenen Hefeteig noch einmal durchkneten und ausrollen. Ein gefettetes Backblech damit belegen, die Ränder etwas Hochdrücken. Mit einer Gabel ein paar Mal einstechen, abdecken und ein drittes Mal etwa 20 Minuten gehen lassen. Dann die Speck-Zwiebel-Masse gleichmäßig darauf verteilen.

Sahne und Eier verquirlen und mit Salz, Pfeffer und Kümmel würzen. Die Mischung darübergießen und den Zwiebelkuchen im vorgeheizten Ofen bei etwa 200 Grad Celsius 45 Minuten backen.

Tipp: In die Sahne-Eier-Mischung können auch noch 100 g geriebener Emmentaler untergemischt werden.

Am besten schmeckt Zwiebelkuchen warm vom Blech. Reste lassen sich gut einfrieren und wieder aufbacken.

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Der Zwiebelanbau ist eine wichtige Einnahmequelle für Thüringens Bauern.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Gutes Gelingen und einen schönen Feiertag wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de