Essen und Trinken

Kölsche Jungfrauen in Berlin Preußischer Kulturschock

Ob es 11.000 oder nur 11 Jungfrauen waren, die sich im 4. Jahrhundert um die Heilige Ursula von Köln scharten, sei dahingestellt. In Berlin anno 2008 traf ich nur eine "Kölsche Jungfrau", in kurzem Röckchen und in sexy knallroten Gummistiefeln mit Kölner Stadtwappen, die es gleich zig Karnevalswütigen zum Gaffel-Kölsch an den Gendarmenmarkt getrieben hatte. Ich gestehe: Ich bin zu dieser Faschingsfete gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Beschwingt von kubanischen Samba-Klängen aus dem Admiralspalast (ganz ohne Cuba Libre, ehrlich!) wollte ich lediglich etwas zu Abend essen. Allerdings in Kölner (!) Begleitung, und ich unterstelle mal, dass diese rheinische Frohnatur genau wusste, was da kommt!

Im Handumdrehen steckte ich preußischer Karnevalsmuffel inmitten roter Gumminasen, die allerdings mit fortschreitendem Abend auf die Stirnen wanderten, weil es im Getümmel vermutlich zu feucht in den Behältern wurde. Auch die Kölschstangen ließen sich ohne besser ansetzen. In den schon erwähnten jungfräulichen Gummistiefeln muss sich bei dem Dauer-Tanz auch ganz schön was getan haben, aber die neuzeitliche Ursula hatte sie später auch in der U-Bahn noch an. Diverse Mönche, Ritter, Hexen und anderweitig Vermummte ließen zu fortgeschrittener Stunde einige Zerfallserscheinungen erkennen. Einem lang aufgeschossenem Mönch rutschte ständig die Tonsur auf die Stirn und einem spätpubertierendem Lausbuben, dessen gewaltige Leibesfülle nur noch knapp in die kurzen Hosen ging, knallten ständig die Hosenträger weg. So ein Schiller-Luther-Verschnitt hielt es aber bis zum bitteren Ende unter seiner Plastik-Perücke aus. Das nenne ich Standvermögen!

Obwohl ich schätzungsweise der einzige Gast in der Kneipe war, der die Lieder nicht mitsingen konnte, verspürte ich keinerlei Ausgrenzungsversuche. Im Gegenteil: Mit Mühe konnte ich verhindern, dass mir private Sangesstunden angetan wurden, aber nur, weil sich keine ruhige Ecke zum Üben fand. Außerdem beherrschte ich nach kurzer Zeit wenigstens den Schlachtruf "Viva Colonia" aus dem Effeff. Stempelkarten für "Kölner ehrenhalber" gab's auch nicht. Und ich gestehe: Mir hat es gefallen unter den Exil-Kölnern und sympathisierenden Anrainern im preußischen Berlin. Wunderbar, wie der Ober, pardon Köbes, das Kölsch nachwachsen lässt, ohne dass man sich den Hals nach der Bedienung verrenken muss. Die Kopfschmerztablette am nächsten Morgen musste ich mir allerdings selbst suchen. Leider hatte ich zum Frühstück keinen zünftigen Heringssalat. Das passiert mir im nächsten Jahr nicht mehr, da bin ich besser vorbereitet. Für alle vom Karneval Überzeugte oder Gebeutelte hier nun "Rheinischer Heringsstipp":

Zutaten (4 Personen)
6 Matjesfilets oder 3 kleine gewässerte Salzheringe
2 Zwiebeln
2 Gewürzgurken oder auch Salzgurken
1 Apfel
500 g saure Sahne
150 g Naturjoghurt
3 EL Mayonnaise
Essig, Zucker, weißer Pfeffer, Salz

Zubereitung
Aus Sahne, Joghurt und Mayonnaise eine Soße rühren. Mit Essig, Zucker, Pfeffer und wenig Salz kräftig abschmecken. Vorsicht mit dem Salz, vor allem wenn keine Matjes, sondern Salzheringe verwendet werden.

Den geschälten Apfel, die Gurken und Zwiebeln in recht kleine Würfel schneiden und unter die Soße heben. Auch die Matjes fein würfeln und unterheben. Den Heringsstipp mehrere Stunden gut durchziehen lassen. Er lässt sich auch sehr gut am Vortag zubereiten.

Schmeckt mittags stilgerecht zu "Quellmännern" (Pellkartoffeln) und denen, die doch zeitiger aus den Federn finden, auch zu einem Röggelchen (Graubrotbrötchen).

Alaaf bis zum nächsten Jahr ruft Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de